Filmgeschichte

Netflix-Serie „Five Came Back“: Kinopropaganda im Krieg

Eine Fundgrube für Liebhaber des klassischen Kinos: Die Netflix-Dokumentarserie „Five Came Back“.
Regisseur William Wyler (1902–1981)
Foto: Netflix | Regisseur William Wyler (1902–1981) drehte im Zweiten Weltkrieg unter anderem einen Film über „Fliegende Festungen“.

In letzter Zeit fällt der Name Netflix eher im Zusammenhang mit Kritik: Zur Ausbreitung von LGBT- und „People of Color“-Figuren kommen in jüngst eingestellten Serien Sex und Gewalt in einem bisher bei Netflix unbekannten Ausmaß vor. „Blond“ über Marilyn Monroe, „Die Kaiserin“ über Kaiserin Elisabeth („Sisi“) von Österreich oder „Dahmer“ über den US-Massenmörder Jeffrey Dahmer zeugen davon. Der Online-Riese birgt in seinem Fundus jedoch regelrechte Perlen. Eine davon ist die dreiteilige Dokumentarserie „Five Came Back“, die zwar bereits vor fünf Jahren fertiggestellt wurde, die aber wegen ihrer Zeitlosigkeit an Aussagekraft nichts eingebüßt hat.

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Auftrag: Den Krieg dokumentieren und zu zeigen, weshalb die USA im Kampf sind

Der Serientitel spielt auf fünf führende Hollywood-Regisseure an, die ihre Filmkarriere zeitweilig aufgaben, um den Zweiten Weltkrieg zu dokumentieren: John Ford, John Huston, Frank Capra, William Wyler und George Stevens. Die Serie geht auf das 2014 erschienene Buch von Mark Harris „Five Came Back – A Story of Hollywood and the Second World War“ zurück. Harris zeichnet als Drehbuchautor für die Serie verantwortlich.

„Five Came Back“ bezieht sich insbesondere auch auf das letzte der drei Kapitel „Der Preis des Sieges“: Nach dem Krieg kehrten die fünf Regisseure nach Hollywood zurück, aber die Erlebnisse im Krieg haben sie – in unterschiedlichem Maße – verändert. Die ersten Kapitel behandelt die Vorbereitungen („Die Mission beginnt“) beziehungsweise die Kriegsereignisse selbst („An der Front“).

„Laut Mark Harris markiert der Zweite Weltkrieg ‚den ersten Versuch der Regierung,
ein dauerhaftes Propagandaprogramm auf Film zu realisieren‘“

Eine besondere Stärke der Serie „Five Came Back“, bei der Laurent Bouzereau Regie führt, besteht in der Mitarbeit von fünf heutigen Regisseuren, die zu den bekanntesten in Hollywood gehören: Steven Spielberg gib einen Einblick in das Filmschaffen von William Wyler; Francis Ford Coppola befasst sich mit Hustons, Lawrence Kasdan mit Stevens Erzählung; Paul Greengrass behandelt John Ford und Guillermo del Toro die Geschichte von Frank Capra. Als Sprecherin fungiert Meryl Streep.

Wurden in Deutschland während des Krieges Propaganda- („Ich klage an“ von Wolfgang Liebeneiner, 1941) oder Durchhalte-Filme („Kolberg“ von Veit Harlan, 1945) gedreht, so erkannte auch die Regierung der Vereinigten Staaten, „dass das Kino ein mächtiges Werkzeug oder gar eine Waffe der Veränderung“ (Steven Spielberg zu Beginn der Serie) sein kann. Laut Mark Harris markiert der Zweite Weltkrieg „den ersten Versuch der Regierung, ein dauerhaftes Propagandaprogramm auf Film zu realisieren“. Sie setzte Hollywood-Filmemacher ein, „um ihre Ziele zu erklären, ihre Erfolge anzupreisen und den Krieg als Erzählung für Zivilisten und Soldaten zu gestalten“. Die fünf Regisseure hätten „ein neues visuelles Vokabular für fiktionale und dokumentarische Kriegsfilme“ geschaffen.

Dokumente für die jüngere Generation

Die Serie soll außerdem dazu beitragen, eine neue Generation von Zuschauern mit den Klassikern der fünf Regisseure, aber auch mit dessen Dokumentarfilmen aus dem Krieg bekannt zu machen. Netflix stellte 13 davon online. Besonderen Einfluss auf die Zeitgenossen übte Frank Capra mit seiner siebenteiligen Serie „Why We Fight“. John Ford leitete die sogenannte „Field Photographic Branch“ der U.S. Navy; 1942 drehte er „The Battle of Midway“. Für die Air Force arbeitete William Wyler 1943 über die Fliegende Festung „Memphis Belle“.

John Huston stellte 1943 „Die Schlacht von San Pietro“ nach. Besonders bekannt sind die Bilder, die George Stevens und John Ford von der Landung in der Normandie am 6. Juni 1944 mit einer ganzen Reihe Kameraleute drehten. Aus den Bildern, die George Stevens von der Befreiung des KZ Dachau drehte, schnitt er zwei Dokumentarfilme, die als Beweismittel im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess verwendet wurden.

 

 

Der Krieg hat alle Regisseure verändert 

Die Zeit nach der Rückkehr war bei den Filmemachern ambivalent: George Stevens, der vor dem Krieg mit Komödien („Die Frau, von der man spricht“, 1942) berühmt geworden war, arbeitete nie wieder in dieser Sparte. Dafür gewann er mit „Ein Platz in der Sonne“ (1952) und „Giganten“ (1957) jeweils den Oscar für Beste Regie. Nominiert wurde er darüber hinaus für „Mein großer Freund Shane“ (1953) und „Das Tagebuch der Anne Frank“ (1960).

John Ford, der sich unter anderem mit „Ringo“ (1939) und „Früchte des Zorns“ (1940) vor dem Krieg einen Namen gemacht und nach dem Krieg zunächst eine Reihe klassische Western gedreht hatte, vollzog eine bemerkenswerte Wende ab Mitte der 1950-er Jahre: Mit zwei Filmen – „Der schwarze Falke“ („The Searchers“, 1956) und „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“, 1962) – trug Ford zur Entmythologisierung des Genres bei, ja er schuf die ersten realistischen „Spät-Western“.

Nach dem Krieg waren alle Fünf erfolgreich

Frank Capra sollte nach dessen gesellschaftskritischen Komödien („Mr. Deeds geht in die Stadt“; „Mr. Smith geht nach Washington“, beide 1936) vor dem Krieg unmittelbar nach seiner Rückkehr 1946 seinen bekanntesten Film drehen: „Ist das Leben nicht schön?“

Eine Art „Abrechnung“ mit dem Krieg lieferte William Wyler 1946 mit dem Film „Die besten Jahre unseres Lebens“. Seine größten Erfolge feierte er allerdings in den 1950-er Jahren: „Ein Herz und eine Krone“ (1953) sowie „Ben Hur“ (1959).

„Die Spur des Falken“ (1941) hatte John Huston bekannt gemacht. Nach dem Krieg drehte er eine Reihe erfolgreicher Filme, etwa „African Queen“ (1951) oder „Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“ (1961), in dem Marilyn Monroe die wohl beste Rolle ihrer Karriere spielte.


„Five Came Back“. Dokumentar-Serie. USA 2017. Drehbuch: Mark Harris,
Regie: Laurent Bouzereau. Drei Kapitel mit je 49-59 Minuten. Auf Netflix.

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José García Guillermo del Toro John Ford John Huston Steven Spielberg Zweiter Weltkrieg (1939-1945)

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