Zeit & Raum

Netflix-Serie „1899“ setzt auf Rätselhaftes

Die Netflix-Serie „1899“ setzt auf Rätselhaftes, um auf mehreren Zeitebenen zu überraschen.

Baran bo Odar und Jantje Friese haben mit „Dark“ (2018–2020) eine der besten deutschen Fernsehserien überhaupt entwickelt. Deshalb waren die Erwartungen an ihre neue, die achtteilige Netflix-Serie „1899“ recht groß. Diesmal haben die Serienentwickler ein internationales Schauspieler-Ensemble zusammengestellt, das zur äußeren Handlung passt: In einem Schiff fahren im Oktober 1899 Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern nach Amerika.

„Genretypisch führt die Serie genüsslich immer neue Wendungen ein,
die das Geschehen je nachdem aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten“

Dass jeder in seiner eigenen Sprache spricht, gibt der Serie besondere Glaubwürdigkeit, denn dadurch werden auch die Schwierigkeiten in der Kommunikation untereinander regelrecht fühlbar. Sie alle wollen die Vergangenheit hinter sich lassen. Etliche dieser Figuren sind vielschichtig. Allerdings gehört auch eine homosexuelle Beziehung dazu – das scheint inzwischen ein fester Bestandteil der Netflix-Serien und -Filme zu sein. Eine jede Folge beginnt mit einem Alptraum. In der ersten Folge ist es die Britin Maura Franklin (Emily Beecham), die von ihrem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik träumt. Sie wirft ihrem Vater irgendwelche Machenschaften vor, in die ihr Bruder verwickelt sein soll. Dann: „Wach auf!“

Nach dem harten Schnitt wacht Maura an Bord der „Kerberos“ auf, dem erwähnten Dampfer. In einem Brief von ihrem Bruder steckt ein Zeitungsausschnitt über das Verschwinden eines weiteren Dampfers namens „Prometheus“ vier Monate zuvor. Da ihr Bruder genauso lang verschollen ist, geht Maura davon aus, dass er sich an Bord des mitten im Ozean verschwundenen Dampfers befand.

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Mysteriöses geschieht, für das es keine Erklärungen gibt

In der zweiten Folge steht am Anfang der Alptraum der zweiten Hauptfigur in „1899“: Schiffskapitän Eyk Larsen (Andreas Pietschmann). Als die „Kerberos“ eine Nachricht erhält, ist er sich sicher, dass sie von der verschwundenen „Prometheus“ stammt. Auch wenn dies den Unmut der Passagiere weckt, die möglichst bald in der Neuen Welt ankommen wollen, lässt Larsen das Schiff abdrehen und auf die in der Nachricht angegeben Koordinaten zusteuern. Was sie an Bord der Prometheus vorfinden, stellt sie vor ein Rätsel. Plötzlich geschehen Dinge, für die es augenscheinlich keine Erklärung gibt. Dazu passen sowohl das Gedicht, das Maura in ihrem Alptraum aussagt („Die Gedanken sind tiefer als der Ozean“) als auch das bekannte Lied „Die Gedanken sind frei, keiner kann sie erraten“, das der Schiffskapitän in seinem Alptraum hört.

Visuell überzeugt „1899“ vollends. Obwohl die Serie teilweise als „virtuelle Produktion“ gedreht und damit virtuelle mit physischen Kulissen zusammengeführt werden mussten, wirken sowohl das Schiff als etwa auch das Meer echt. Zur virtuellen Produktion im sogenannten „Volume“ sagt „1899“-Produzent Philipp Klausing: „Im Gegensatz zur Arbeit vor einem Greenscreen können die Schauspieler miteinander agieren, sie wissen, wo sie sich befinden. Sie können sich auf Objekte fokussieren, die sonst erst in der Postproduktion hinzugefügt werden.“ Dafür ist die Zusammenarbeit zwischen Kamera, Produktionsdesign und Kostümabteilung besonders wichtig.

 

 

Enges Zusammenspiel von Regie, Kamera , Szenenbild und Kostüm

Dazu führt Kameramann Nikolaus Summerer aus, das Kostüm- (Bina Daigeler) und Szenenbild (Udo Kramer) seien ins Projekt sehr früh eingebunden worden. „Die beiden bringen ebenfalls ihre Recherchen mit und berichten von ihren visuellen Ideen und was sie herausgefunden haben. Udo Kramer sei „ein Szenenbildner, der seine Entwürfe immer auch aus der Perspektive der Kamera sieht“. Bina Daigeler, habe ebenfalls früh viele verschiedene Stoffe mitgebracht, „damit man sich anhand der Texturen vorstellen konnte, wie sie vor der Kamera aussehen würden, wie man sie ausleuchten müsste, um ein Optimum herauszuholen“.

Überflüssige Rückgriffe auf Mythologie und Religiöses

Hatten Baran bo Odar und Jantje Friese in „Dark“ das Schicksal von vier Familien auf drei Zeitebenen verknüpft, womit sie sich mit dem klassischen Science-Fiction-Sujet der Zeitreisen beziehungsweise des Zeitparadoxon beschäftigt, so widmen sich die Serienentwickler in „1899“ einer Frage, die „Matrix“ (1999) in den Genre-Kanon einführte, sozusagen die Adaption von Platons Höhlengleichnis als Science-Fiction-Film. Obwohl die eigentliche Handlung verworren wirkt, streuen die Serienentwickler immer wieder Hinweise ein, angefangen bei den Namen der Schiffe „Kerberos“ und „Prometheus“, womit wiederum Spannung erzeugt wird. Dass Maura Franklin Medizin studiert und sich auf die Gehirnfunktionen spezialisiert hat, dient beispielsweise nicht nur dazu, sie zu zeichnen. Diente in „Dark“ eine Höhle als Übergang von einer Zeitebene auf die andere, so gibt es in „1899“ Elemente, die ähnliche Verknüpfungen ermöglichen.

Genretypisch führt die Serie genüsslich immer neue Wendungen ein, die das Geschehen je nachdem aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Mythologische wie (pseudo-)religiöse Anspielungen erweisen sich dabei allerdings als nicht besonders zielführend.


„1899“, 8 Folgen à ca. 50-62 Minuten. Stoffentwicklung: Baran bo Odar, Jantje Friese.
Regie: Baran bo Odar. Auf Netflix.

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José García Platon

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