In den letzten Jahren fanden viele Geschichten über krebskranke Jugendliche ihren Weg ins Kino. Die bekanntesten Filme dieses Genres sind „Beim Leben meiner Schwester“ (2009), „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ (2014), „Drei Schritte zu Dir“ (2019) und „Club der roten Bänder – Wie alles begann“ (2019).
„Sunny Dancer“, der zweite Langspielfilm des gerade erst 26-jährigen britischen Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten George Jaques, zeigt ebenfalls junge Menschen mit Krebserkrankungen, wählt aber bewusst einen leichtfüßigeren Zugang zu dem bedrückenden Thema. Sein lebensbejahender Film dreht sich um eine Gruppe junger Menschen, die schlicht als Jugendliche an der Schwelle zum Erwachsensein wahrgenommen werden wollen, ganz ohne Krankenhausbetten und Haarausfall. Er zeigt uns eine Geschichte über echte Freundschaft, erste Liebe, die mutige Überwindung von Schicksalsschlägen und die Chancen, die sich im Leben ergeben, wenn man Ängste ablegen kann und sich anderen Menschen gegenüber öffnet. „Sunny Dancer“ erzählt seine Krankheitsgeschichte auf eine frische und unverfälschte Art, die vom Stil und der Besetzung her an 1980er-Jahre-John-Hughes-Highschool-Feel-Good-Filme wie „The Breakfast Club“ (1985) erinnert.
Die schlimmste Zeit
Im Mittelpunkt der Handlung steht die eigenbrötlerische und rebellische 17-jährige Ivy, gespielt vom Serien-Shooting-Star Bella Ramsey („The Last of Us“, „Game of Thrones“), die sich nach einer überstandenen Leukämieerkrankung seit zehn Monaten in Remission befindet. Ivy zieht sich zunehmend von ihrer Umgebung zurück und hat kein Interesse an Partys oder Freunden. Um dem entgegenzuwirken, melden ihre besorgten Eltern Karen und Bob, gespielt von Jessica Gunning („Renntierbaby“) und James Norton („Little Women“), ihre Tochter während der Sommerferien für einen vierwöchigen Aufenthalt im Children Run Free Camp für krebskranke Jugendliche an. In dem schottischen „Chemo-Camp“ soll sie auf gleichgesinnte Überlebende treffen und einen unbeschwerten Sommer erleben. Ivy stimmt nur sehr widerwillig zu, denn sie ist davon überzeugt, dass ihr die schlimmste Zeit ihres Lebens bevorsteht. Aber besser dort die Sommerzeit zu verbringen, als mit ihren Eltern, denen sie vorwirft, dass sie ihre Krankheit nur dazu gebrauchen, um sich vor anderen Leuten interessant zu machen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten beginnt Ivy schließlich, sich zu integrieren und findet im Camp tatsächlich einen Freundeskreis mit Gleichgesinnten. Diese Gruppe von Außenseitern will das Leben in vollen Zügen genießen und nicht nur auf ihre Krankheitsgeschichte reduziert werden.
Die zynischen, impulsiven, naiven, rebellischen und sensiblen Jugendlichen ähneln einander: Sie fluchen, trinken, brechen Regeln und versuchen, gemeinsam einen unvergesslichen Sommer zu erleben. Das Camp endet natürlich, wie es bei Ferienlagern oft üblich ist, mit einem großen Talentshow-Finale, bei dem sogar Singer-Songwriter James Blunt auftaucht und „You’re Beautiful“ zum Besten gibt. In dem bis in die Nebenrollen hinein hervorragend besetzten Film spielen neben Bella Ramsey auch noch einige andere aufstrebende Jungstars im hochkarätigen Cliquen-Cast mit, etwa Ruby Stokes („Bridgerton“), Earl Cave („Dune: Prophecy“) und Conrad Khan („Peaky Blinders“).
Ein unpathetisches Filmjuwel
Zudem hat Serien- und Film-Star Neil Patrick Harris („How I Met Your Mother“, „Starship Troopers“, „Matrix 4“) eine Rolle. Er mimt Patrick, den liebenswerten, aber auch mitunter peinlichen Leiter des „Chemo-Camps“. Seine Figur verleiht dem Film neben starken Schlüsselszenen bei aller jugendlichen Leichtigkeit eine emotionale Tiefe. Tragend in „Sunny Dancer“ ist vor allem die Filmmusik. Der mitreißende Soundtrack, komponiert von Este Haim, Bassistin und Sängerin der Pop-Rock-Band Haim, und Zachary Dawes, Bassist von Lana Del Rey, trägt maßgeblich zum stimmigen Grundton des Films bei. Aber auch einige legendäre Dancefloor-Hits, darunter „I Don’t Feel Like Dancin’“ von den Scissor Sisters und Songs von Jamie XX und The Cranberries, machen die Welt von „Sunny Dancer“ zu einem Ort, an dem man sich gerne aufhält und das Leben mit seinen schönen und traurigen Momenten feiert.
George Jaques ist mit „Sunny Dancer“ ein kleines, gewitztes und dramatisch-unpathetisches Filmjuwel gelungen. Ein kitschfreier Gute-Laune-Film mit viel Liebe zum Detail in Szenenbild und Kostümdesign, mit starken Dialogen und sehr guten Darstellern, die allesamt charakterliche Entwicklungen durchmachen dürfen, mit einem großen Gespür für authentische Themen und die Sprache der Gen Z und einem herzlichen, rohen und lebensbejahenden Humor, der einem am Ende einerseits den Boden unter den Füßen wegzieht und andererseits mit einem Gefühl der Hoffnung und Dankbarkeit zurücklässt.
„Sunny Dancer“, Großbritannien 2026. 106 Minuten, Regie: George Jaques, seit dem 13. August im Kino.
Der Rezensent ist Priester im Erzbistum Köln und schreibt über Film und Kunst.
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