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Mit dem Aufzug ins Stockwerk 1938

Der Spielfilm „Das geheime Stockwerk“ verbindet Zeitreise-Spannung mit einem Blick auf den Vorkriegsalltag. Ein kindgerechter Familienfilm zeigt Antisemitismus als Alltagserfahrung.
Als der zwölfjährige Karli (Silas John, rechts) in einem Aufzug stecken bleibt, landet er im Jahr 1938. Dort trifft er auf das jüdische Mädchen Hannah (Annika Benzin) und den Schuhputzer Georg (Maximilian Reinwald). Das Trio wird in eine spannende Kriminalerzählung verwickelt.
Foto: Kevin Lee / Amour Fou | Als der zwölfjährige Karli (Silas John, rechts) in einem Aufzug stecken bleibt, landet er im Jahr 1938. Dort trifft er auf das jüdische Mädchen Hannah (Annika Benzin) und den Schuhputzer Georg (Maximilian Reinwald).

Eigentlich beginnt alles ganz harmlos: Der zwölfjährige Karli (Silas John) ist genervt vom Umzug in die Alpen. Seine Eltern haben ein altes Grandhotel gekauft und wollen es wieder herrichten. Viel Staub, viel Streit, wenig Feriengefühl. Dann bleibt Karli im alten Lastenaufzug stecken – und landet, als sich die Türen öffnen, im Jahr 1938. Das Hotel sieht fast gleich aus, aber die Menschen sind anders gekleidet, reden anders („famos!“), und in der Luft liegt etwas Unheilvolles, das Karli zunächst nicht benennen kann. 

Im Hotel trifft er Hannah (Annika Benzin), ein jüdisches Mädchen, das mit ihrem Vater dort wohnt, und Georg (Maximilian Reinwald), einen Schuhputzer, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält. Karli hat ein „schwarzes Kasterl“ dabei – sein Smartphone. Für Hannah und Georg ist das ein Wundergerät: Fotoapparat, Grammofon und Fernsprecher in einem. Das ist witzig, aber der Film bleibt nicht beim Gag stehen. Denn Karli merkt schnell: Hannah wird nicht einfach nur schief angeschaut. Sie wird systematisch ausgegrenzt. 

Authentisch durch Zurückhaltung

Historisch ist das Jahr 1938 ein Kipppunkt. Der „Anschluss“ Österreichs, die zunehmende Entrechtung jüdischer Menschen, offene antisemitische Gewalt und schließlich die Novemberpogrome markieren den Übergang von Diskriminierung zu systematischer Verfolgung. „Das geheime Stockwerk“ bildet diese Zuspitzung nicht über große historische Ereignisse ab, sondern über Alltagsbeobachtungen: Blicke, Gerüchte, Denunziationen, plötzliche Ausschlüsse. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Film seine Authentizität. Er zeigt emotional nachvollziehbar, wie Normalität brüchig wird. 

Zu den Stärken des Films gehört die – ebenfalls kindgerechte – Krimihandlung, durch die Regisseur Norbert Lechner die Gefahr des pädagogischen Zeigefingers umschifft: Im Hotel verschwinden Geld und Wertgegenstände, und ausgerechnet Georg wird beschuldigt. Karli und Hannah glauben nicht, dass Georg schuld ist. Also beginnen sie zu ermitteln – mit Kinderlogik, Mut und einer Portion Übermut. Der Detektivfaden hält die Spannung hoch, und er hat einen Sinn: Wer die Wahrheit finden will, muss hinsehen, nachfragen, sich nicht mit dem ersten Verdacht zufriedengeben. Das passt zum Thema, ohne platt zu werden. 

Filmisch hat „Das geheime Stockwerk“ mehr zu bieten, als man bei einem Jugendfilm vielleicht erwartet. Das Hotel als Schauplatz ist ein Glücksgriff: viele Gänge, versteckte Türen, Treppen, Räume mit Geschichte. Ausstattung und Kostüme wirken sorgfältig, die Sprache ist angepasst, ohne geschniegelt zu klingen. Dazu kommen ein flotter Schnitt und eine Musik, die Abenteuer verspricht, aber an den richtigen Stellen auch Unruhe hineinbringt. Die Effekte sind solide – nicht Hollywood-mäßig, aber glaubwürdig genug. 

Die Vergangenheit darf nicht umgeschrieben werden

Die größte Stärke sind die Kinderfiguren. Karli ist kein Superheld, sondern einer, der zunächst überfordert ist und dann wächst. Hannah ist nicht nur „das jüdische Opfer“, sondern ein Mädchen mit Misstrauen, Humor und Eigensinn. Georg ist der, dem man besonders wünscht, dass er heil aus der Sache herauskommt. Die Auszeichnung beim „Goldenen Spatz“ für Maximilian Reinwald als bester Darsteller ist da nachvollziehbar. Beim Kindermedienfestival Goldener Spatz in Erfurt und Gera wurde „Das geheime Stockwerk“ zudem als bester Langfilm ausgezeichnet. Die Kinderjury lobte den Fantasyfilm mit Krimiatmosphäre und den Mut, ein schwieriges Thema kindgerecht zu erzählen. 

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Eine Zeitreisegeschichte läuft immer Gefahr, „alles wieder gut“ zu machen. Der Film setzt hier eine klare Regel: Die Vergangenheit darf nicht einfach umgeschrieben werden. Das ist klug, weil es die Ohnmacht nicht wegerzählt. Trotzdem bleibt ein Spannungsfeld: Wie viel Bedrohung zeigt man Kindern? Lechner wählt den Weg über Alltagszeichen, über Blicke, Gerüchte, kleine Gemeinheiten – und genau das kann stärker wirken als die große Keule. 

Allerdings erklärt der Film seine Botschaft manchmal einen Tick zu deutlich, als traue er dem jungen Publikum nicht ganz. Und der Krimi löst sich am Ende etwas zu glatt auf. Doch das sind eher Schönheitsfehler. Entscheidend ist: Der Film nimmt Kinder ernst, ohne sie allein zu lassen. Er zeigt, wie schnell ein „Wir“ in ein „Die“ kippt – und dass Zivilcourage oft klein anfängt.

„Das geheime Stockwerk“, Deutschland 2025, 96 Min. Regie: Norbert Lechner, im Kino ab dem 12. März.


Der Autor ist Historiker und schreibt aus Berlin über Film und Kunst. 

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