"The Chosen"

Jesus zog „ins“ Babylon ein

Die christliche US-Erfolgsserie „The Chosen“ zeigte im Berliner „Babylon“-Kino zum Start der dritten Staffel einen brandneuen Kurzfilm.
Filmvorstellung
Foto: Svenja Krüger @storiesmatter | „The Chosen“-Drehbuchautor und -Schauspieler bei der Pressekonferenz im Berliner Babylon-Kino. Von links nach rechts: Tyler Thompson, Jordan Walker Ross (Kleiner Jakobus), Lukas Furch, Leiter der deutschsprachigen ...

Am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin befindet sich nicht nur die berühmte „Volksbühne“, sondern auch das unter Filmkennern ebenso bekannte Kino „Babylon“. Dort läuft neben Filmklassikern wie „Metropolis“ oder Retrospektiven zu Filmlegenden wie Alfred Hitchcock oder Stanley Kubrick normalerweise ein hochkarätiges, eher an ein säkulares Hauptstadt-Publikum gerichtetes Kinoprogramm.

„Authentizität, Intimität – das ist uns wichtiger als Spektakel.
Viele Szenen zeigen nur einen oder zwei Menschen.
Dadurch können wir tiefer in die Charaktere eintauchen“

Doch vergangenes Wochenende flimmerten dort Lämmer, Ochsen und Engel über die Leinwand, der Schauspieler Henning Baum („Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“) predigte und die Moderatorin Andrea Ballschuh bezeugte das Wirken Jesu in ihrem Leben. Was war nur im Babylon los? Kurz gesagt: Es weihnachtete sehr – mit „The Chosen“, einer Fernsehserie aus den USA, die das Leben Jesu darstellt, und die sich im letzten Jahr zu einem Erfolgsphänomen entwickelt hat und jetzt in die bereits dritte Staffel startet.

Vergangenes Wochenende holte das deutsche Öffentlichkeitsteam von „The Chosen“ zwei Serienschauspieler, Liz Tabish (Maria Magdalena) und Jordan Walker Ross (Jakobus der Jüngere), sowie Drehbuchautor Tyler Thompson nach Berlin. Neben einer Pressekonferenz, bei der Religionsvertreter über die Serie ins Gespräch kamen, führte das Kino am folgenden Tag den Kurzfilm „The Shepherd“ auf, der die Weihnachtsgeschichte aus der Sicht eines Hirten erzählt. Zu Gast waren auch bekannte deutsche Künstler wie Laith Al-Deen und Samuel Harfst, die, ganz einfach mit Gitarre und Gesang, Lieder über die Liebe sangen und über die Weihnachtsbotschaft sprachen. Also: Alles etwas anders als sonst im Babylon.

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Der Serienhit läuft ab dem 21. Januar bei Bibel TV

„Gewöhn dich an Anders“ lautet eben auch das Motto der Fernsehserie „The Chosen“ (deutsch: Der Erwählte oder die Erwählten). „The Chosen“ erzählt das Leben Jesu eben etwas anders: Durch die Augen seiner Jüngerinnen und Jünger. Seit drei Jahren ist die Serie im Internet verfügbar – kostenlos. Doch auch der Streaming-Gigant Netflix kommt am Erfolg der Serie nicht vorbei und führt seit kurzem die erste Serienstaffel in seinem Programm – und der überkonfessionelle Sender Bibel TV strahlt ab dem 21. Januar ebenfalls „The Chosen“ aus. Finanziert wird das Projekt des Regisseurs und gläubigen Christen Dallas Jenkins nicht von Hollywood, sondern durch die Fans. „Pay It Forward“ heißt das System: Sozusagen Film auf Bestellung.

„Am Anfang wussten wir nicht, ob es über die ersten vier Folgen überhaupt hinausgehen wird“, so die Schauspielerin Liz Tabish im Interview mit der „Tagespost“. Ihre eigene Erfahrung mit „The Chosen“ bezeichnet sie als „surreal“. Sie war kurz davor gewesen, ihre Schauspielkarriere an den Nagel zu hängen, als Jenkins sie für Maria Magdalena castete. „Ich konnte damals kaum meine Miete bezahlen“, bekennt Tabish dieser Zeitung gegenüber. Ein Fehler ihrer Agentur gab für sie den Ausschlag. Sie hatten ihr fälschlicherweise mitgeteilt, sie sei für eine Werbung gebucht worden: „Aber sie hatten die falsche Liz angerufen. Das gab mir den Rest. Ich konnte die Miete nicht bezahlen, kaum den Kopf über Wasser halten.“ Obwohl sie aufhören wollte, meldete die Agentur sie für ein Casting für „The Chosen“ an. „Als ich das Drehbuch las, spürte ich eine tiefe Verbindung zu Maria Magdalena; ihre Ehrlichkeit und Echtheit. Ich dachte, es fühlt sich an, als sei sie für mich geschrieben worden, weil ich so viel durchmachte.“

Ein beinahe einmaliger Erfolg

So empfand nicht nur Tabish: Elf Millionen Dollar bezahlten Fans auf der ganzen Welt, um die erste Staffel zu finanzieren. Die ersten zwei Folgen der dritten Staffel, die im November im Kino liefen, erzielten zehn Millionen Dollar an den Kinokassen – auf Platz drei hinter Marvels „Black Panther“ und „The Menu“ mit Anya Taylor-Joy („Emma.“, „The Queen´s Gambit“). Insgesamt verzeichnet die Serie, die man in über 50 Sprachen übersetzt findet, über 400 Millionen Klicks. Ein Erfolg, den kaum eine Bibelverfilmung verbuchen kann.

Was ist das Geheimnis dieser Serie? Für Drehbuchautor Tyler Thompson ist es der „neue Ansatz“, den die Serie verfolgt: Jesus durch die Augen der Menschen zu zeigen, die ihm begegnet sind. „Authentizität, Intimität – das ist uns wichtiger als Spektakel. Viele Szenen zeigen nur einen oder zwei Menschen. Dadurch können wir tiefer in die Charaktere eintauchen, auch deswegen, weil wir sieben Staffeln Zeit dazu haben“, erklärt Thompson im Gespräch mit der „Tagespost“. Dafür müssen die Autoren auch Neues in die Bibelgeschichte einbauen – denn über das Innere der Jünger Jesu findet man nicht viel im Evangelium.

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Der Versuch, den Geist der Bibel erfassen

„Wir achten sehr genau auf die Dynamiken der intimen Gespräche, die wir im Evangelium finden, wie zum Beispiel zwischen Jesus und Nikodemus“, so Thompson. „Diesen Geist, dieses Gefühl der Freundschaftlichkeit versuchen wir dann auszubauen.“ Ein Prinzip ist dabei Plausibilität. Ein Beispiel dafür ist der Zöllner Matthäus, der in „The Chosen“ autistische Züge aufweist: Seine Tendenz zur Berechnung und einem Mangel an Mitgefühl macht ihn zum reichen Zöllner, aber auch zum Außenseiter. Jesus beruft ihn trotzdem – und macht ihn zum genauen Aufzeichner, zum Evangelisten.

Angst hatte Thompson nicht, den Bibeltext so anzureichern: „Natürlich bin ich ein fehlerhafter Mensch, aber wir arbeiten sehr eng mit Bibelexperten zusammen, mit einem messianischen Rabbiner und Priestern, damit wir uns nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.“ Eine Kontroverse hat das Autorenteam um Thompson dann doch überrascht: „Es gab eine Szene, in der Jesus die Bergpredigt einstudierte. Den Leuten gefiel das nicht. Aber das hat mich nicht so sehr gestört. Es war eine gute Gelegenheit für die Zuschauen, die Gottheit und das Menschsein Christi zu diskutieren. Diese menschliche Seite Jesu ist uns wichtig. Er soll keine fern über den Menschen schwebende Gottheit sein.“

Der spezielle „Jesus-Blick“ lässt Liebe spüren

Auch Jakobus-Darsteller Jordan Walker Ross sagt, dass „The Chosen“ sein Leben verändert habe: „Ich bin als episkopaler Christ aufgewachsen. Aber eigentlich habe ich nur gebetet, wenn ich etwas wollte. Aber die Szenen aus der Bibel nachzuspielen – da ist es schwer, nicht bewegt zu sein. Natürlich ist Jonathan (Roumie, Anm. der Redaktion), der Jesus spielt, nicht wirklich Christus. Aber er hat diesen ,Jesus-Blick‘, wie ich es nenne – wenn er den einschaltet, ist es nicht schwierig, sich in den Charakter hineinzuversetzen, diese Liebe zu spüren, die auch der Zuschauer sehen soll.“

Ross spielt den kleinen Jakobus, einen der Jünger, die Jesus am längsten begleitet hat. Wie sein Charakter humpelt Ross. Seit seiner Kindheit lebt er mit Zerebralparese und einer schweren Skoliose. Es war eine spontane Entscheidung des Regisseurs Dallas Jenkins, die Behinderung in den Charakter des späteren Apostels zu integrieren. Geheilt hat Jesus Jakobus nicht – eine offene Frage im Skript, die in Staffel drei noch einmal aufgegriffen werden soll.

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Es geht weniger um körperliche, als vielmehr um innere, seelische Heilung

„Natürlich müsste ich selbst geheilt werden, damit Jakobus geheilt werden kann. Und das schließe ich nicht aus, aber heute bin ich eben nicht geheilt“, erklärt Ross gegenüber der „Tagespost“. „Deshalb mussten wir es so schreiben, dass Jesus Jakobus nicht heilt. Ich bin eigentlich froh darüber. Gerade bei Behinderungen konzentrieren sich die Leute oft auf die körperliche Heilung. Aber die echte Heilung ist oft die innere, seelische, emotionale und psychologische Heilung. Ich glaube, das brauchte ich als Person mehr als alles andere.“

„The Chosen“ spricht viele an: Gläubige und Nicht-Gläubige. Frank Heinrich, der der evangelischen Allianz vorsteht, bezeichnete „The Chosen“ bei der ebenfalls im Babylon stattgefundenen Pressekonferenz als Chance, Menschen einzuladen, sich auf einen Weg mit Jesus zu begegnen. Laut Heinrich sei die Serie ein „modernes Tool“, das es Menschen erleichtert, ihren Glauben zu teilen, ohne die Botschaft der Bibel zu verdünnen.

Den Glauben zu bezeugen ist wichtig

„Ich persönlich tue mich mit dem Gedanken, den Menschen Jesus als wichtig zu präsentieren, ein bisschen schwer“, meinte die katholische Influencerin Kira Beer. Ihr Missionsverständnis hinge nicht davon ab, andere Menschen von ihrem Glauben zu überzeugen, sondern den Glauben zu bezeugen. Dafür sei aber „The Chosen“ ein guter Ausgangspunkt. Zur aktuellen Situation der katholischen Kirche in Deutschland sagte Beer, dass diese inhaltlich gespalten sei. „Eine Serie wie 'The Chosen‘ kann das nicht harmonisieren“, so Beer. „Aber sie kann uns daran erinnern, dass es egal ist, wie es mit dieser Institution weitergeht, wir werden Jesus weiter nachfolgen können.“ Von den katholischen Bischöfen, die „The Chosen“ ebenfalls ins Babylon eingeladen hatte, kam niemand. Das konnte auch eine kurze Videobotschaft des Passauer Bischofs Stefan Oster im Trailer des Kurzfilms zusammen mit anderen deutschen Prominenten nicht kaschieren.


Ausführliche Interviews rund um „The Chosen“ – sowohl mit den beiden „The Chosen“-Darstellern
Liz Tabish und Jordan Walker Ross als auch mit Drehbuchautor Tyler Thompson –
sind im Text verlinkt.

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