Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Filmrezension

Hirokazu Kore-eda: Kindliche Unschuld als Weg zur Wahrheit

„Die Unschuld“ von Hirokazu Kore-eda variiert die bekannten Themen des japanischen Starregisseurs, allerdings auf neue Weise.
Der japanische Starregisseur Hirokazu Kore-eda
Foto: IMAGO/Alan Siu Mui Lun (www.imago-images.de) | Der japanische Starregisseur Hirokazu Kore-eda verknüpft eine präzise Dramaturgie und andere filmisch hohe Standards mit einem zutiefst humanistischen Blick auf seine Figuren.

Der 1962 in Tokio geborene Hirokazu Kore-eda gehört zu den ganz großen Filmregisseuren der Gegenwart. Die Verknüpfung von einer präzisen Dramaturgie und anderen filmisch hohen Standards mit einem zutiefst humanistischen Blick auf seine Figuren und insbesondere auf die Familie machen Kore-eda zu einem würdigen Nachfolger von japanischen Meistern wie „Die Reise nach Tokyo“-Regisseur Ozu Yasujirō (1903-1963).

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Nachdem er mit „Shoplifters – Familienbande“ (2018) endlich die Goldene Palme bei den Internationalen Filmfestspielen Cannes gewonnen hatte, drehte er zwei Filme im Ausland: Nach dem französischen „La Vérité – Leben und lügen lassen“ (2019) mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche folgte der in Korea produzierte „Broker – Familie gesucht“ (2022). Für seinen aktuellen Film mit dem internationalen Titel „Monster“ und dem deutschen Verleihtitel „Die Unschuld“ verfilmt Kore-eda erstmals nicht ein eigenes Drehbuch, sondern das von Yūji Sakamoto.

Eine Geschichte – verschiedene Perspektiven

Dies merkt man besonders in der ersten Dreiviertelstunde des gut zweistündigen Films. Im Mittelpunkt steht die seit dem Tod ihres Mannes alleinerziehende Saori (Sakura Andô). Der Film liefert einige Fragmente aus ihrer Arbeit in einer chemischen Reinigung, insbesondere aber aus dem privaten Leben mit ihrem etwa zehn Jahre alten Sohn Minato (Soya Kurokawa). Als Minato eigenartige Dinge erzählt – „mein Gehirn wurde mit dem eines Schweins ausgetauscht“ – und tut, wird der Mutter klar, dass mit Minato etwas nicht stimmt. Im Zusammenhang damit ist immer wieder die Rede von einem neuen Lehrer in der Schule: Der junge Herr Hori (Eita Nagayama) soll Minato nicht nur beleidigt, sondern sogar einmal geschlagen haben.

Saori eilt zu einem Gespräch mit der Schuldirektorin Fushimi (Yuko Tanaka), das jedoch ganz anders verläuft, als sie sich vorgestellt hatte. Immer wieder wird sie aufgrund weiterer Vorkommnisse zur Direktorin eilen – das Rückwärtsparken neben der Schule läuten Saoris Besuche ein.

Video

Nach 45 Minuten springt der Film zurück zum Anfang. Nun werden dieselben Ereignisse aus der Sicht der Mutter und des Lehrers erzählt, um dann im dritten Akt Minatos Perspektive wiederzugeben. Die unterschiedlichen Versionen widersprechen sich, aber ergänzen einander auch. Die dritte fungiert als eine Korrektur, die Missverständnisse aufklärt. Damit diese Dramaturgie funktioniert, muss das Drehbuch nicht nur falsche Fährten legen, sondern auch einiges auslassen. Kore-eda, dessen Kino stets auf die erlösende Kraft der Wahrheit drängt, muss sich diesmal mit einer ganzen Reihe von Hindernissen auseinandersetzen.

Was ist wirklich passiert?

Die Absicht des Star-Regisseurs Hirokazu Kore-Eda ist offensichtlich: Wie in Akira Kurosawas „Rashomon“ (1950) werden dieselben Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Der Unterschied besteht darin, dass Kurosawas Film aus den unterschiedlichen, sich widersprechenden Versionen keine schlüssige Wahrheit herausdestilliert. Bei Kore-eda, der in den meisten seiner Filme Kinder mit ihren Sorgen und Wünschen porträtiert, ist es nicht schwer vorherzusehen, welche Fassung er bevorzugt.

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Im dritten Akt ist Kore-eda ganz bei sich, indem er zwei Jungen in den Mittelpunkt stellt: Neben Minato handelt es sich um dessen Klassenkamerad Yori (Hinata Hiiragi), der von den anderen Kindern gemobbt und von seinem eigenen, alkoholabhängigen Vater drangsaliert wird. Kore-eda führt die Kinder wie in seinen früheren Filmen hervorragend: Gegenüber dem gelegentlichen Overacting von Sakura Andô als Minatos Mutter, gegenüber dem übertriebenen Schauspiel mancher Darsteller der Lehrer an Minatos Schule überzeugen die beiden Kinderdarsteller. Hier lässt Kore-eda sogar einer Fantasie freien Lauf, die eher an den kürzlich oscarprämierten Altmeister Hayao Miyazaki erinnert.

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