Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Filmrezension

Großes Literatur-Kino aus Frankreich 

„Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“: Victor Hugos zeitloser Klassiker als Leinwandereignis.
Wenige klassische Stoffe wurden so oft verfilmt wie Victor Hugos „Les Misérables“, hier ein Szenenbild aus einer französischen Filmfassung von 1933, Regie R. Bernard.
Foto: 1933 via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Wenige klassische Stoffe wurden so oft verfilmt wie Victor Hugos „Les Misérables“, hier ein Szenenbild aus einer französischen Filmfassung von 1933, Regie R. Bernard.

Der französische Erfolgsregisseur Éric Besnard (Die einfachen Dinge, Birnenkuchen mit Lavendel) wagt sich mit seinem neuen Film „Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“ mutig an Victor Hugos Monumentalwerk. Dabei zaubert er aus den ersten 150 Seiten des weltberühmten Romans von 1862 ein intensives Leinwanderlebnis über die Entstehung und Entwicklung des Romanhelden Valjean, später auch bekannt unter dem Namen M. Madeleine. In einigen bewegenden Rückblenden erzählt er, wie die Grausamkeiten einer Strafanstalt einen sensiblen jungen Menschen in einen zynischen Mann verwandeln, und konzentriert sich dabei nach seiner Entlassung auf die Begegnung des ehemaligen Sträflings mit einem eigenwilligen katholischen Bischof. In den vier Hauptrollen des ruhig erzählten Dramas brillieren Bernard Campan als Bischof Bienvenu, Isabelle Carré als seine Schwester Baptistine, Alexandra Lamy als Hausangestellte Magloire und ein herausragender Grégory Gadebois, der mit großer Intensität Jean Valjeans inneren Kampf nach außen trägt und als ein weitgehend stumm agierender und vom harten Leben gezeichneter Mensch in seiner Rolle zu glänzen weiß. 

 Rache am System 

Wir schreiben das Jahr 1815: Im Mittelpunkt der bekannten Handlung steht der ehemalige Häftling Jean Valjean. Er hat als armer Bauer ein Brot gestohlen und dabei ein Fenster zerbrochen, um die fünf Kinder seiner alleinerziehenden Schwester zu ernähren, worauf er zu vier Jahren Haft im Bagno von Toulon verurteilt wird. Seine vier Fluchtversuche verlängern die Haftstrafe auf insgesamt 19 Jahre. Als er wieder auf freien Fuß gesetzt wird, ist er ein innerlich verbitterter Mensch. Durch zahlreiche Gewalterfahrungen seelisch gebrochen, schwört er, Rache zu nehmen an dem System, das ihn über all die Jahre gebeutelt hat. Erfüllt von Wut und einem tiefen Gefühl der Ungerechtigkeit, ist er zu einem gefährlichen Mann geworden, der keinem Menschen mehr traut. Er irrt verzweifelt durch den Süden Frankreichs, bittet um Almosen und sucht Unterschlupf in dem kleinen Dorf Digne, wird aber immer wieder abgewiesen und erlebt die ganze Ablehnung und das Misstrauen der Menschen gegenüber einem verurteilten Straftäter.

Unwissentlich findet Jean Valjean jedoch Zuflucht und Gastfreundschaft im Haus von Bischof Monseigneur Myriel Bienvenu von Digne, der mit seiner Schwester Baptistine und seiner Magd ein einfaches Leben führt. Jean Valjean ist überrascht vom herzlichen Empfang des Bischofs und seine inneren Dämonen beginnen nach und nach zu schwinden, auch wenn seine Albträume, Rachegefühle und die Vorurteile der Dorfbewohner ihm weiterhin zusetzen. Bischof Bienvenu hat sich der aufopferungsvollen Nächstenliebe des Evangeliums verschrieben und öffnet dem Fremden Tür und Tor, überzeugt davon, dass man das Böse nur durch die Erfahrung von bedingungsloser Liebe und Annahme besiegen kann. Durch die Begegnung mit dem Bischof, der ihm zu seinem Erstaunen seine Hand zur Hilfe ausstreckt, wird er schließlich zu einem moralisch denkenden und guten Menschen, der es schafft, sich an einem Scheideweg seines Lebens zu wandeln und sein weiteres Leben in bessere Bahnen zu lenken. 

Die Güte des Bischofs 

Jean Valjean, der an einem Tiefpunkt in seinem Leben angekommen war und dessen Hoffnung auf Freiheit und einen guten Neuanfang von der Kaltherzigkeit der Menschen zunichtegemacht worden war, erlebt die ganze Güte des Bischofs und nimmt sich diesen zum Vorbild. Nach einem kurzen Rückfall beginnt er, wie ihm vom Bischof geraten wurde, ein neues Leben. „Die Geschichte eines Menschen ist nicht nur die Geschichte eines Menschen, sondern auch die der Menschen, denen er begegnet!“ Diesen klugen Satz aus dem Film sollte man sich öfter ins Gedächtnis rufen, bevor man über andere vorschnell urteilt. Éric Besnard ist mit seinem reduzierten Ansatz, sich lediglich auf den Prolog von Victor Hugos Roman zu beschränken und die große Heldengeschichte auszulassen, ein dichtes, kleines Kammerspiel über Schuld und Sühne, über Erlösung und Moral gelungen. Eine Adaption, die in die Tiefe geht und zahlreiche Schauwerte zu bieten hat. Die Bildsprache ist teils düster und teils surreal, das Erzähltempo eher ruhig gehalten, aber dennoch immer wieder packend und die Schauspieler allesamt grandios, allen voran Grégory Gadebois. „Les Misérables“ ist als Klassiker schon etliche Male verfilmt und auf die Bühne gebracht worden. Nun hat die zeitlose Parabel eine ungewöhnliche, mutige und sehr eigenständige weitere Adaption erhalten, die dem literarischen Meisterwerk eine zusätzliche Ehre erweist. 

„Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean“, Frankreich 2025, 95 Minuten, Regie: Éric Besnard, ab dem 2. April im Kino.


Der Autor ist Geistlicher im Erzbistum Köln.

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