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Fluchtschicksale in Nahaufnahme 

„Das Los des Fremden“ blickt auf einzelne Schicksale hinter der Flüchtlingsstatistik. Der Film ist stark, wenn er nah bei seinen Figuren bleibt – und schwach, wenn er seine Botschaft transportieren will. 
Glückliche Tage in Aleppo: Ärztin: Amira Homsi (Yasmine Al Massri, zweite von rechts) feiert in Familie den Geburtstag ihrer Mutter, ehe der Krieg alles zerstört, und sie sich zur Flucht entschließt.
Foto: kinostar | Glückliche Tage in Aleppo: Ärztin: Amira Homsi (Yasmine Al Massri, zweite von rechts) feiert in Familie den Geburtstag ihrer Mutter, ehe der Krieg alles zerstört, und sie sich zur Flucht entschließt.

„Was wäre, wenn ihr selbst die Fremden wäret?“ Mit diesem Satz stellte Shakespeare den Londonern die Lage von Vertriebenen vor Augen. Brandt Andersen zitiert ihn gleich zu Beginn seines Spielfilmdebüts „Das Los des Fremden“ („I Was a Stranger“). Kein Motto, eher eine Absichtserklärung. Andersen, als Produzent von Hollywoodfilmen wie „Everest“ oder „American Made“ bekannt, tritt hier als engagierter Filmemacher hinter die Kamera. „Das Los des Fremden“ erzählt von syrischen Flüchtlingen anhand von fünf miteinander verknüpften Einzelschicksalen. Im Zentrum steht Amira Homsi (Yasmine Al Massri), eine syrische Ärztin, die in Aleppo Menschenleben rettet, bis eine Bombe ihre eigene Familie auslöscht. Nur sie und ihre Tochter Rasha überleben. Ihre Flucht führt von Syrien über die Türkei aufs Mittelmeer und schließlich nach Chicago. 

Andersen erzählt diese Reise allerdings nicht linear, sondern in fünf teilweise gleichzeitigen Kapiteln. Neben der Ärztin stehen ein Assad-Soldat mit erwachendem Gewissen, ein Schlepper, ein Dichter auf der Flucht mit seiner Familie und ein griechischer Küstenwächter im Mittelpunkt, den die Toten auf See verfolgen. Ihre Geschichten bleiben eigenständig, sind aber mit Amiras Flucht verbunden. Aus dieser Struktur gewinnt der Film verschiedene Perspektiven; einzelne Episoden werden sogar mehrfach aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt. Die Kehrseite: Mit den meisten Figuren wird der Zuschauer nicht ganz vertraut – mit Ausnahme der Ärztin. Zugleich bezieht „Das Los des Fremden“ aus der Verknüpfung der Episoden einen erheblichen Teil seiner Spannung. Was zunächst zufällig wirkt, fügt sich nach und nach zu einem Mosaik der Flucht. 

Flüchtlinge als Platzhalter 

Seine stärksten Momente hat der Film, wenn er nah bei den Menschen bleibt: bei der Ärztin im Chaos des Krankenhauses, bei Mutter und Kind im Kofferraum eines Autos, bei den Menschen auf einem überfüllten Schlauchboot im Sturm. Andersen setzt auf große Gefühle, auf Dunkelheit als visuellen Kunstgriff und auf dramatische Zuspitzung. Manchmal formuliert er seine Botschaft allerdings so nachdrücklich, dass die Figuren zu Platzhaltern einer These zu werden drohen. Auch die Musik – etwa das „Lacrimosa“ – zielt allzu direkt auf den Gefühlshaushalt des Zuschauers. 

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„Das Los des Fremden“ ist Kino der guten Absichten. Schon der Originaltitel „I Was a Stranger“ stammt aus dem Evangelium. Die US-Veröffentlichung liegt bei Angel Studios, jenem werteorientierten Anbieter, der bis 2024 für die Serie „The Chosen“ verantwortlich zeichnete, mit „Sound of Freedom“ ein Millionenpublikum erreichte und seine Filme über eine engagierte Community verbreitet. Nicht die Produktion, wohl aber der Vertrieb in den USA verbindet „Das Los des Fremden“ mit einem Katalog, zu dem Titel wie „Bonhoeffer“, „Sound of Freedom“ und „Cabrini“ gehören. 

Amnesty-Filmpreis passt zum Gestus 

Andersen engagiert sich seit Jahren für Flüchtlinge; sein Kurzfilm „Refugee“, aus dem „Das Los des Fremden“ hervorgegangen ist, stand 2020 auf der Oscar-Shortlist. Für ihn ist Kino offensichtlich auch ein Mittel zur Bewusstseinsbildung. Dass der Film den Amnesty-Filmpreis der Berlinale 2024 erhielt, passt daher nicht nur zum Thema, sondern auch zu seinem Gestus. Die Stärke des Films liegt in seiner Konzentration auf Einzelschicksale – und gerade darin auch seine Grenze. „Das Los des Fremden“ interessiert sich kaum für die Ursachen des syrischen Bürgerkriegs und noch weniger dafür, etwas zur politischen Migrationsdebatte beizutragen. Der Film will nicht analysieren, sondern Empathie erzeugen. Daraus entsteht ein zwiespältiger Eindruck. Brandt Andersen widersetzt sich dem Reflex, im Fremden zuerst eine Bedrohung zu sehen. „Das Los des Fremden“ ist Aktivistenkino – im Guten wie im Problematischen. Wo der Film zu sehr auf Botschaft setzt, verliert er an Kraft. Wo er die Würde des bedrohten Menschen sichtbar macht, wird er eindringlich. 

„Das Los des Fremden“, Regie: USA 2024, 103 Min. Regie: Brandt Andersen. Im Kino ab dem 18. Juni. 


Der Autor schreibt als Historiker zu Kunst und Kultur. 

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