Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Serienrezension

Ein Vater kämpft um seine Familie

Die Apple TV+-Serie „Dark Matter – Der Zeitenläufer“ mag teilweise etwas verworren und unübersichtlich sein, wirft aber interessante Fragen auf.
„Filmszene aus "Dark Matter – Der Zeitenläufer“ -  Apple TV+-Serie
Foto: Apple TV | Der Physikprofessor Jason Dessen (Joel Edgerton) reist zusammen mit Amanda (Sonia Braga) durch verschiedene Welten, die sich von einer Box aus eröffnen, um zu seinem ursprünglichen Leben und zu seiner Familie ...

Blake Crouchs Roman „Dark Matter – Der Zeitenläufer“ aus dem Jahr 2016 gilt als einer der besten Science-Fiction-Werke des Jahrzehnts. Nun hat Blake Crouch seinen Roman selbst für die gleichnamige Apple-Serie adaptiert. Er agiert als „Showrunner“, also als Serienentwickler, und hat die ersten vier Episoden selbst geschrieben. Die Handlung setzt ein, als Physikprofessor Jason Dessen (Joel Edgerton) nach einem brutalen Raubüberfall aufwacht und seine Welt vollkommen verändert vorfindet. Der einst liebevolle Familienvater und College-Professor soll nun ein Karrieremensch sein, ein erfolgreicher Physiker, der eine riesige Forschungseinrichtung leitet. In seinem Zuhause trifft er nicht auf seine Ehefrau Daniela (Jennifer Connelly) und seinen Sohn Charlie (Oakes Fegley), sondern auf eine fremde Frau namens Amanda (Alice Braga), die behauptet, seine Partnerin zu sein. Verwirrt und desorientiert, fragt sich Jason, ob er den Verstand verliert – oder was geschieht hier wirklich?

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Blake Crouch spielt dramaturgisch mit dem quantenphysikalischen Paradox der Superposition, bekannt durch das Gedankenexperiment „Schrödingers Katze“. Dabei kann eine Katze in einer verschlossenen Box je nach Eingriff von außen sowohl tot als auch lebendig sein, ähnlich wie Elemente in der Quantenphysik in zwei überlagerten Zuständen existieren können. Dieses Paradoxon thematisierte kürzlich die französisch-belgische Serie „Infiniti – Schwarze Sonne“, die ihre Weltpremiere auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2022 feierte und weiterhin in der ZDF-Mediathek verfügbar ist. Dort ging es um das Phänomen, dass jemand im Weltraum lebendig und gleichzeitig auf der Erde tot sein kann.

„Dark Matter – Der Zeitenläufer“ geht noch weiter. In der Box ist nicht eine Katze, sondern Jason mit Amanda. Jedes Mal, wenn sie eine Tür auf einem der unendlich langen Korridoren in der vermeintlich kleinen Box öffnen, finden sie eine andere Version von Chicago und von sich selbst. Das Multiversum, die Behauptung, dass es unendlich viele Versionen eines Menschen in ebenso unendlich vielen Parallelwelten gibt, steht hinter der Handlung. Während „Jason 2“ den Platz in der Familie von „Jason 1“ eingenommen hat, ist dieser – der „ursprüngliche“ Jason – in der Box gefangen, die als Portal zum Multiversum gilt. Er muss die unendlich vielen Möglichkeiten durchspielen, um zu seinem Leben uns vor allem zu seiner Familie zurückzukehren. Daniela fühlt sich zunächst glücklich durch die neue Zuwendung ihres vermeintlichen Ehemanns, doch bald bemerkt sie Details in seinem Verhalten, die sie stutzig machen. 

Verloren im „was wäre, wenn“

„Jason 2“ unterscheidet sich von „Jason 1“: Er ist kein Teamplayer und kein Familienmensch. Seine Veränderungen machen ihn für seine Nächsten zunehmend fremd. Die zunächst in eher langsamem Tempo erzählte Geschichte entwickelt sich zu einer epischen Reise durch verschiedene Welten, die „Jason 2“ in kleinen Schritten immer näher an seine Heimatwelt bringt. Obwohl die Handlung immer komplexer und teilweise auch verworrener wird, stellt „Dark Matter – Der Zeitenläufer“ tiefgehende Fragen über die kleinen Entscheidungen im Leben, die große Auswirkungen haben: Wie wäre das Leben verlaufen, wenn man an bestimmten Weggabelungen andere Entscheidungen getroffen hätte? Diese Überlegung bildet die Grundlage hinter Blake Crouchs Geschichte über parallele Universen. Jason wählte einst das Leben eines Familienmenschen, während sein Doppelgänger kompromisslos den Karriereweg verfolgte. Durch obsessive Forschung und eine bahnbrechende Erfindung wird es Letzterem möglich, eine andere Realität zu besuchen und Jason 1 aus seiner Welt zu reißen. 

Die Serie lebt weniger von teuren Spezialeffekten als vielmehr von der spannenden, wissenschaftlich fundierten Inszenierung eines physikalischen Paradoxes, unterstützt von einer ausgezeichneten Besetzung. Sie bietet actionreiche Momente, etwas Horror und bleibt bis zuletzt spannend. 

Obwohl der „philosophische Unterbau“ der unendlich vielen Versionen eines jeden Menschen wohl kaum mit einem christlichen Menschenbild zu vereinbaren ist, regt der Gedanke, sich mit den nachgetrauerten vertanen Chancen zu beschäftigen und sich alternative Szenarien auszumalen, zum Nachdenken an. Allerdings wird zugegebenermaßen nicht jeder Zuschauer solche Gedankenspiele genießen.

„Dark Matter – Der Zeitenläufer“, USA 2024. Serienentwickler: Blake Crouch, 9 Folgen à 46 bis 63 Minuten. Auf Apple TV.

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José García

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