Vorgeschichte

Disney-Serie „Andor“: „Star Wars“ kann auch ernst sein

Charaktere im moralischen Graubereich: Die Disney-Serie „Andor“ bietet die Vorgeschichte von „Rogue One“, ist also das Prequel des Prequels von „Star Wars“.
Filmszene aus Disney-Serie „Andor“
Foto: Disney | Titelheld Cassian Andor (Diego Luna) schlägt sich mit zwielichtigen Geschäften durch und wird deshalb von Geschädigten gejagt. Im Laufe der Episode wird er zunehmend zum Rebellen gegen die „Macht“.

Im „Star-Wars“-Universum wird es zunehmend schwierig, den Überblick zu behalten. Seit die Franchise von Disney aufgekauft wurde, sind Serien – „The Mandalorian“, „Das Buch von Boba Fett“, „Obi-Wan Kenobi“ – oder Spielfilme als Nebenstränge oder auch als Prequels der Saga gedreht worden, die sich unterschiedlich in die 1977 von George Lucas geschaffene Welt einfügen.

„Dass sie genauso grausam sein können wie die imperialen Kräfte,
die sie bekämpfen, bringt in die neue Serie moralische Grauschattierungen,
die in der Star-Wars-Welt unbekannt sind – wie schon bei anderen „Helden“ der Popkultur
wirkt dies als ein Zugeständnis an den Zeitgeist“

Gilt bei den Serien „The Mandalorian“ als besonders gelungen, so sticht unter den Filmen „Rogue One: A Star Wars Story“ (2016) von Chris Weitz und Tony Gilroy (Drehbuch) sowie Gareth Edwards (Regie) heraus. Angesiedelt ist der Film in der Zeit unmittelbar vor „Episode IV – Eine neue Hoffnung“, nachdem in „Episode III – Die Rache der Sith“ (2005) Anakyn Skywalker endgültig der dunklen Seite der Macht verfiel und sich in den dunkle Lord „Darth Vader“ verwandelte.

Denn „Rogue One“ erzählt eine eigenständige Geschichte um den Bau des „Todessterns“ beziehungsweise darum, wie dessen Baupläne gestohlen wurden. Der Beginn der gesamten Star-Wars-Geschichte 1977 setzt gerade dann ein, als Prinzessin Leia die gestohlenen Todesstern-Baupläne an Obi Wan Kenobi übermittelt. Bei der Action spielt eine herausragende Rolle Cassian Andor (Diego Luna). Seine Vorgeschichte steht nun in der zwölfteiligen Serie „Andor“ im Mittelpunkt, sozusagen die Vorgeschichte der Vorgeschichte von der ursprünglichen „Krieg der Sterne“-Trilogie.

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Grundlegende Unterschiede in den jeweiligen Welten

Damit stellt Disney TV ein halbes Jahr nach dem Start von „Obi-Wan Kenobi“ Ende Mai eine zweite Serie online, die an der Schnittstelle zwischen den Episode III und IV stehen, wobei „Andor“ eher parallel zu den Ereignissen im Episode III zu sein scheint – von Lord Vader ist nirgends die Rede, der Imperator wirkt eher als eine weit entfernte denn als unmittelbare Bedrohung.

Unabhängig davon, dass in „Obi-Wan Kenobi“ aus den Star-Wars-Filmen bekannten Figuren begegnen, besteht zwischen den beiden Serien ein grundlegender Unterschied in der Welt, in der sie jeweils angesiedelt sind.

Der Senat wird zunehmend unwichtiger - das Imperium baut seinen Einfluss aus

Die Serie „Obi-Wan Kenobi“ spielt sich weitgehend auf dem Planeten Tatooine ab, womit eine weitere Nähe zu der ursprünglichen Saga zum Ausdruck kommt. Auf den Spuren von „Rogue One“ unterscheidet sich die Welt von „Andor“ radikal vom lichtdurchfluteten Planeten Tatooine. Die „Andor“ ist eine düstere Welt, die vor allem am Anfang mit dunklen Gassen und schrillen Neonlichtern eher an Science-Fiction-Dystopien wie „Blade Runner“ erinnert. Selbst der Wüstenplanet Ferrix, der eine bedeutende Rolle spielt, sieht deutlich anders aus als Tatooine. Hier dominieren rauchverhangene Industriekomplexe.

Auf dem Planeten geht Cassian Andor (wieder Diego Luna) etwa fünf Jahre vor der Handlung von „Rogue One“ nicht ganz legalen Geschäften nach. Zu Beginn der Serie wird Cassian von den Sicherheitskräften eines großen Industrieunternehmens gejagt, das mit dem Imperium kooperiert. Offenbar ist das Galaktische Imperium noch nicht so stark, wie es der Zuschauer aus den „Star-War-Filmen“ kennt ... aber es ist auf dem Weg dorthin, wie etliches andeutet, etwa auch in der immer weniger wichtig gewordenen Funktion des Senats.

 

 

Am Vorabend der Rebellion

Auch die Rebellion ist noch sozusagen im Aufbau. „Andor“ liefert immer wieder Anzeichen für Unzufriedenheit und für einen beginnenden Widerstand. Insofern bietet die neue Serie einen Einblick in die Zustände am Vorabend der Rebellion, die sich gegen ein immer mehr in das Leben einmischendes und Freiheit abschneidendes Imperium langsam formiert. Langsam ist auch das Erzähltempo der Serie, insbesondere in den ersten Episoden, in denen in Rückblicken Cassian Andors Kindheit enthüllt wird. Hier überwiegen Parallelmontagen zwischen der „Ist“-Zeit des Protagonisten und dessen Kindheit, die eine tiefgründige Abneigung Andors gegen das Imperium begründen.

„Andor“ wartet mit einer Reihe gestandener Schauspieler in Nebenrollen auf: vom „Gollum“-Darsteller Andy Serkins über Fiona Shaw und Clemens Schick bis hin zu Forest Whitaker, der wie in „Rogue One“ den Rebellen Saw Gerrera verkörpert. Für eine der Schlüsselrollen konnten die Serienmacher den schwedischen Charakterdarsteller Stellan Skarsgård gewinnen. Als Luthen Rael nimmt er eine entscheidende Stellung in der beginnenden Rebellion ein, auch als Kontakt für die Senatorin Mon Mothma (Genevieve O´Reilly).

Keine Helden ohne Fehl und Tadel

Noch in einem Punkt unterscheidet sich die Andor- von der Star-Wars-Welt: Die Protagonisten sind keine Helden ohne Fehl und Tadel. Serienentwickler Tony Gilroy liegt offenkundig Wert daran, alle Figuren ambivalent zu zeichnen. Dass sie genauso grausam sein können wie die imperialen Kräfte, die sie bekämpfen, bringt in die neue Serie moralische Grauschattierungen, die in der Star-Wars-Welt unbekannt sind – wie schon bei anderen „Helden“ der Popkultur wirkt dies als ein Zugeständnis an den Zeitgeist.


„Andor“, 12 Episoden à ca. 40-45 Minuten. Stoffentwicklung: Tony Gilroy.
Regie: Toby Haynes, Benjamin Caron, Susanna White. Auf Disney TV+

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