Film & Kino

Die Suche nach dem Doppelagenten

Hochkomplexer, spannender Kalter-Krieg-Thriller nach einer Romanvorlage von John Le Carré: Tomas Alfredsons „Dame König As Spion“. Von José García
Filmszene aus „Dame, König, As, Spion“
Foto: Studiocanal | In der Abgeschiedenheit eines Büros forscht der pensionierte MI6-Agent George Smiley (Gary Oldman) nach dem Maulwurf im britischen Geheimdienst.

Seit „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (Martin Ritt, 1965) mit Richard Burton in der Hauptrolle wurden Spionage-Romane von John Le Carré mehrfach für die große Leinwand adaptiert. John Le Carré, der unter seinem bürgerlichen Namen David Cornwell selbst von 1958 bis 1964 als Secret Service-Agent für den britischen Geheimdienst arbeitete, zeigt in seinen Kalter-Krieg-Romanen eine Geheimdienst-Welt, in der Misstrauen und Zynismus auf beiden Seiten herrschen. Der Westen setze, so eine seiner Hauptaussagen, in seinem Kampf gegen den Kommunismus dieselben Methoden der östlichen Geheimdienste ein. In diesem Klima völliger Desillusionierung fühlt sich auch einmal ein enttäuschter westlicher Agent dazu getrieben, für die Gegenseite zu arbeiten, wodurch er zu einem „Maulwurf“ wird. Als wohl bekanntester sowjetischer „Maulwurf“ ging in die Geschichte des britischen Geheimdienstes Kim Philby (1912–1988) ein, der 1963 in Moskau politisches Asyl beantragte, wo er bis zu seinem Tod für den KGB arbeitete.

Hinter den Kulissen der Geheimdienste

Die Persönlichkeit Kim Philbys gilt denn auch als realer Hintergrund für die Suche nach „Maulwürfen“ im britischen Geheimdienst, die in John Le Carrés Romanen und insbesondere in „Dame, König, As, Spion“ („Tinker Tailor Soldier Spy“, 1974) eine besondere Rolle spielt. Nachdem der Roman 1979 von John Irving mit Alec Guinness in der Hauptrolle als Fernseh-Mehrteiler adaptiert wurde, startet nun im Kino die Romanverfilmung durch den schwedischen Regisseur Tomas Alfredson nach einem Drehbuch von Bridget O'Connor und Peter Straughan. Alfredsons Film beginnt mit einem missglückten Auslandseinsatz in Budapest: Im Oktober 1972 soll Jim Prideaux (Mark Strong) einen möglichen Überläufer kontaktieren. Der erfahrene Agent gerät jedoch in eine wilde Schießerei und wird schwer verletzt. Als Verantwortlicher für das Auffliegen des MI6-Agentennetzes in Ungarn muss „Control“ (John Hurt) seinen Platz als Chef des sogenannten „Circus“, der britischen Geheimdienstzentrale am Londoner Cambridge Circus, räumen. Zusammen mit Control wird sein Stellvertreter George Smiley (Gary Oldman) ebenfalls entlassen.

Smileys Ruhestand ist jedoch nur von kurzer Dauer, denn ein paar Monate später wird er vom Staatssekretär diskret beauftragt, dem von Control gehegten Verdacht nachzugehen und den Maulwurf zu finden, der offenbar eine der höchsten Stellen im Circus innehat. Infrage kommen Controls Nachfolger, der ambitionierte Percy Alleline (Toby Jones) sowie der eloquente und selbstsichere Jugendfreund Smileys Bill Haydon (Colin Firth), der undurchsichtige, unerschütterliche Roy Bland (Ciarán Hinds) und der eher labile Ungar Toy Esterhase (David Dencik), der einst von Control in Wien angeworben wurde. Um die Identität des Doppelagenten möglichst unauffällig zu entlarven, richtet sich Smiley in einem kleinen Appartement im Osten Londons ein. Ihm zur Seite stehen der junge Agent Peter Guillam (Benedict Cumberbatch) sowie der pensionierte Polizist Mendel (Roger Lloyd-Pack). Je länger Smiley die Puzzlestücke seiner Suche zusammensetzt, desto deutlicher tritt als Strippenzieher im Hintergrund der berüchtigte KGB-Stratege Karla zum Vorschein. Was allerdings Smiley nicht daran hindern soll, den Doppelagenten im Circus zu enttarnen.

Der komplexe Spionagethriller schreitet zwar bei allen Orts- und Zeitebenenwechseln in einem langsamen Tempo voran, bleibt aber von Anfang an atmosphärisch dicht und spannend. Alfredsons Film fordert allerdings dem Zuschauer einiges an Konzentration ab. So erkennt er beispielsweise die Rückblenden teilweise lediglich an Smileys Brille: In den Rückblenden trägt er eine Anfang der siebziger Jahre als antiquiert geltende Fassung, die er irgendwann einmal durch eine dieser großen Brillenfassungen ersetzte, die in den beginnenden Siebzigern in Mode kamen. Detailverliebtheit zeichnet das beeindruckende Produktionsdesign von Maria Djurkovic aus. Dazu gehören sowohl kleine Objekte wie ein Feuerzeug, das zu einem für die Handlung wichtigen Puzzlestück wird, als auch die Interieurs, in denen sich meistens die Handlung von „Dame König As Spion“ abspielt und die teilweise eine klaustrophische, zur Spionage-Welt passende Wirkung entfalten. Diese Schauplätze werden im Stil klassischer Spionagefilme, etwa mit effektvollen Zooms und parallel geschnittenen Halbszenen, von Kameramann Hoyte van Hoytema hervorragend fotografiert. Der intelligente Schnitt von Dino Jonsätr trägt nicht nur zum Erzählrhythmus, sondern auch zur Spannung wesentlich bei, sinnvoll unterstützt vom Soundtrack Alberto Iglesias'.

Zu den Stärken von Alfredsons Film gehört indes auch der Minimalismus der erstklassigen Darsteller, allen voran Gary Oldmans, der für diese Rolle für den diesjährigen Oscar nominiert wurde. Mit kleinen Gesten erzielen sie große Wirkung, weil ihr zurückgenommenes Spiel die Empfindungen und das allgegenwärtige Misstrauen der Akteure ausdrückt und dadurch einen Einblick hinter die Kulissen der hermetisch abgeriegelten Geheimdienst-Welt gewährt.

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