Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Eine wahre Begebenheit

Die Liebe hält allem stand 

Papstreise Leos XIV. nach Algerien: der Film „Von Menschen und Göttern“ thematisiert eindrucksvoll das Martyrium der Mönche von Tibhirine. 
Als die Mönche des Klosters „Notre-Dame de l’Atlas“ in Tibhirine bedroht werden, müssen sie eine Entscheidung auf Leben und Tod treffen.
Foto: NFP | Als die Mönche des Klosters „Notre-Dame de l’Atlas“ in Tibhirine bedroht werden, müssen sie eine Entscheidung auf Leben und Tod treffen.

Kann das Leben eines katholischen Ordens auf der Leinwand überhaupt fesseln? Die Frage lautet, wie so oft im Kino, nicht ob, sondern wie: Wie lässt sich ein klösterliches Leben so inszenieren, dass es den Zuschauer erreicht? Dass dies möglich ist, bewies bereits Philip Grönings Dokumentarfilm „Die große Stille“ 2005. Fünf Jahre später gelang mit dem französischen Spielfilm „Von Menschen und Göttern“ („Des Hommes et des Dieux“) eine ähnliche Überraschung: Der Film gewann in Cannes den Großen Preis der Jury und fand ein Millionenpublikum. 

Regisseur Xavier Beauvois und Drehbuchautor Etienne Comar erzählen eine wahre Begebenheit. Am 26. März 1996 wurden sieben Trappistenmönche des Klosters Notre-Dame de l’Atlas in der algerischen Stadt Tibhirine während des „Schwarzen Jahrzehnts“ des Bürgerkriegs entführt und ermordet. Die islamistische Terrorgruppe GIA bekannte sich zur Tat, doch die Hintergründe sind bis heute ungeklärt. Zusammen mit zwölf weiteren Märtyrern – darunter Bischof Pierre Claverie von Oran, der mit seinem muslimischen Fahrer starb – wurden die Mönche 2018 seliggesprochen. 

Das Miteinander von Mönchen und Muslimen

Beauvois interessiert sich dabei weniger für kriminalistische Aufklärung als für das geistliche und menschliche Leben der Gemeinschaft. In fast dokumentarisch anmutender Inszenierung zeigt er ihren Alltag in Nordafrika: die Feldarbeit, den Honigverkauf auf dem Dorfmarkt, stilles Gebet, die Liturgie. Besonders eindrucksvoll ist der alte Bruder Luc (Michael Lonsdale), der als Arzt die Dorfbewohner mit Medikamenten versorgt – und noch mehr mit Güte und Geduld. Prior Christian (Lambert Wilson) hält die kleine Gemeinschaft mit väterlicher Ruhe zusammen. 

Gerade diese Szenen entfalten die eigentliche Kraft des Films. Sie zeigen das friedliche, herzliche Miteinander von Kloster und muslimischer Dorfbevölkerung. Die Mönche sind längst Teil des lokalen Lebens; sie werden zu Familienfesten eingeladen und sind für viele ein unverzichtbarer Bezugspunkt. Die Tiefe dieser Bindung verdeutlicht eine Schlüsselszene: Als die Frage im Raum steht, ob die Trappisten angesichts eskalierender Gewalt gehen sollen, vergleicht Christian die Mönche mit Vögeln, die von einem Baum weiterziehen. Eine ältere Frau widerspricht: „Wir sind die Vögel, ihr seid der Baum. Wohin sollten wir, wenn ihr weggeht?“ 

Die Liturgie bildet das innere Zentrum des Films. Sie gibt ihm Rhythmus, Form und Atem. Beauvois: „Jedes ihrer Rituale ist schon eine großartige Inszenierung.“ Seine Regie folgt dem mit Disziplin. Caroline Champetiers Kamera bleibt im Kloster meist ruhig und statisch, gewinnt draußen in Natur und Arbeit an Beweglichkeit. So entstehen Bilder, die das Mönchsleben nicht illustrieren, sondern respektvoll begleiten. 

Die Entscheidung ist keine heroische Pose

Der dramaturgische Wendepunkt kommt mit der Gewalt. In der Nähe werden vierzehn kroatische Bauarbeiter ermordet. Militär und Behörden drängen die Mönche zum Verlassen Tibhirines; sie könnten das nächste Ziel sein. Die reale Bedrohung wird spürbar, als bewaffnete Rebellen an Weihnachten ins Kloster eindringen und Behandlung ihrer Verwundeten fordern. Nun muss jeder Bruder für sich entscheiden: Bleiben oder gehen? Der Film macht daraus keine heroische Pose. Die Mönche diskutieren offen, zweifeln, ringen mit Angst und Verantwortung. Gerade diese Wahrhaftigkeit macht ihr Bleiben überzeugend: Es wirkt als Frucht von Gebet, Liturgie und Nächstenliebe, nicht als Fanatismus. 

Beauvois geht es dabei um mehr als das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen – um die Gestalt eines erfüllten Lebens in Gott. Der jüngere Bruder Christophe ringt mit seiner Angst; Christian erinnert ihn: Du hast dein Leben schon einmal hingegeben, als du deiner Berufung folgtest.“ Berührend auch eine Szene zwischen Luc und einer jungen Muslimin, die ihn fragt, ob er je verliebt war. „Ja, mehrmals. Dann fand ich aber eine noch größere Liebe, die ich mein Leben lang erwidert habe.“ 

„Von Menschen und Göttern“ zeigt: Die Liebe zu Gott und den Menschen hält allem stand – auch dort, wo sie das eigene Leben fordert. Robert Zollitsch, damaliger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, lobte den Film als „herausragendes Beispiel für christliche Werte im Kino“. Er zeige, „wie aus tiefer Spiritualität und Nähe zu Gott die Kraft erwächst, die Botschaft der Liebe in Gewaltzeiten konsequent zu leben“. 

„Von Menschen und Göttern“, Frankreich 2010, Regie: Xavier Beauvois, 117 Minuten, DVA: EAN 5051890026347, 9,99 Euro. 


Der Autor ist Historiker und schreibt aus Berlin über Film und Kultur.

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