Film & Kino

Die Gräueltaten eines Serienmörders

Der neue Film von Lars von Trier „The House that Jack built“ ergötzt sich teilweise an menschenverachtenden Darstellungen. Von José García
Filmszene aus  „The House that Jack built“
Foto: Foto:

Der dänische Regisseur Lars von Trier bedient sich in seinen Spielfilmen immer wieder einer stark symbolischen Sprache. Standen etwa in „Breaking the Waves“ (1996) und „Dancer in the Dark“ (2000) leidende Frauen im Mittelpunkt, die durch ein stellvertretendes Opfer Erlösung brachten – eine eigenwillige Interpretation christlichen Gedankenguts –, so kehrte Lars von Trier in „Dogville“ (DT vom 13.5.2004) die christlichen Elemente, mit denen er arbeitet, in ihr Gegenteil um: Nicht der Sohn offenbart den Menschen die Liebe des Vaters, sondern der Vater überzeugt die Tochter davon, dass die Menschen seiner Liebe nicht würdig seien. In „Antichrist“ (2009) vermischte der dänische Regisseur eine Tiersymbolik, die mit christlicher Tradition nichts zu tun hat, mit kruden Stilmitteln des pornografischen und des Horrorfilmes, um in gnostischer Manier die Schöpfung als Werk des „Antichrist“ statt Gottes darzustellen.

Sein aktueller, auf dem diesjährigen internationalen Filmfestival Cannes uraufgeführter Spielfilm „The House that Jack built“ lehnt sich allzu offensichtlich an Dantes „Göttliche Komödie“ an. Ein geheimnisvoller Doktor Verge (Bruno Ganz) führt den Serienmörder Jack (Matt Dillon) in die Hölle, deren Gestalt ebenfalls Dantes berühmtem „Trichter“ ähnelt. Auch von deren „Kreisen“ ist einmal die Rede. Die detailreiche Nachstellung des bekannten Gemäldes von Eugene Delacroix „Die Dante-Barke“ gehört zweifellos zu den starken Bildern in von Triers neuem Film. Die „Höllenfahrt“ bildet allerdings lediglich den Rahmen für die Horrorgeschichte eines Psychopathen, der zum Serienmörder wird. Der Film erzählt fünf „Vorfälle“ („Incidents“ im Original), die wohl in den 1970er Jahren angesiedelt sind. Die erste Episode scheint zu erzählen, wie Jack zum Mörder wurde, als eine nervige Frau (Uma Thurman) nach einer Autopanne auf einer einsamen Straße seine Hilfe beansprucht, und ihn mit ihrem „Gelaber“ zum Wahnsinn treibt – bis er ihr einen Wagenheber mitten ins Gesicht rammt. In einem längeren Zeitraum werden es insgesamt 61 Mordopfer sein, die Jack in einem von einem Pizzabäcker erworbenen Kühlhaus aufbewahrt. Dabei kommt die Polizei nicht gerade gut weg, weil Jack immer unverfrorener handelt. Er beginnt sogar, die Opfer zu fotografieren und die Bilder an die Presse zu schicken.

Von Trier bietet ein Potpourri an Stilelementen von Kunstwerken über Klavierspiel-Aufnahmen von Glenn Gould bis hin zu Porträts etwa von Goethe. Die filmischen Stilmittel – etwa die Großaufnahmen von Jacks Gesicht, die bewegte Kamera, der sprunghafte Schnitt – weisen auf einen Psychothriller mit einem geistesgestörten Serienmörder, der etwa von Mord als Kunst spricht, und außerdem behauptet, das Verwesen von Menschen mache sie zu Kunstwerken. Die dazugehörigen Bilder stammen nicht nur aus dem Horrorgenre – wie etwa schon in „Antichrist“. Das Arrangement seiner Opfer, so die Fixierung des Gesichtsausdrucks an der Leiche eines kleinen Jungen, den er zusammen mit seinem Bruder und seiner Mutter ermordet hat, um ein gräuliches Lachen zu erzwingen, kann – wie auch noch weitere abstoßende Szenen und Details – nicht anders denn als menschenverachtend bezeichnet werden. Obwohl diese makabren Szenen quantitativ nur einen kleinen Teil von „The House that Jack built“ ausmachen, stellt sich die Frage, warum Lars von Trier Jacks Grausamkeiten in aller Ausführlichkeit, ja mit einem gewissen Ergötzen daran auf der Leinwand ausbreitet. Ist dies lediglich dem Hang zum Provozieren geschuldet, der den dänischen Regisseur auszeichnet – vor sieben Jahren hatte er sich beispielsweise auf einer Pressekonferenz in Cannes als „Hitlerversteher“ bezeichnet – oder steckt dahinter eine fast schon als zwanghaft zu bezeichnende Morbidität?

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