Cannes

Die Erinnerung an die schönste Zeit bleibt

Rückblick auf eine der romantischsten Film-Liebesgeschichten: Claude Lelouches „Die schönsten Jahre eines Lebens“.
"Die schönsten Jahre eines Lebens"
Foto: Wild Bunch Germany | 53 Jahre seit "Ein Mann und eine Frau" lässt Claude Lelouch die Protagonisten Anne Gauthier (Anouk Aimée) und Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant) wieder aufeinander treffen.

Claude Lelouches Filmkarriere verlief zwar parallel zu den bekannten Vertretern der „Nouvelle Vague“ François Truffaut, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Éric Rohmer und Jacques Rivette (DT vom 25. Juni). Er wird jedoch meistens nicht zu dieser Strömung gezählt, die Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre den französischen Film revolutionierte. Wohl deshalb, weil die meisten seiner Filme eher als Unterhaltung denn als Filmkunst angesehen werden.

Dieses Urteil traf sogar den Film, der Claude Lelouch die Goldene Palme in Cannes 1966 und den Oscar einbrachte, und der als sein bekanntestes Werk gilt: „Ein Mann und eine Frau“ („Un homme et une femme“). Die romantische Geschichte um den Witwer Jean-Louis Duroc (Jean-Louis Trintignant) und die Witwe Anne Gautier (Anouk Aimée), die sich in Deauville, Normandie kennen- und lieben lernen, wo ihre Tochter und sein Sohn im selben Internat leben, wurde ebenfalls trotz des großen Publikumserfolgs von manchem Kritiker als „banal“ apostrophiert.

Die Geschichte eines Mannes und einer Frau

„Ein Mann und eine Frau“ wird heute indes als typischer Film der „Nouvelle Vague“ bewertet: Der Einsatz der Handkamera, die teils improvisierten Dialoge, die Außenaufnahmen sowie die dramaturgisch und für die Tonart des Filmes entscheidende Wirkung der Filmmusik von Francis Lai (die berühmte Melodie „Chabadabada-daba-dabada“) sprechen unmissverständlich dafür. Lelouchs Film machte außerdem die Protagonisten Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant, obwohl er bis dahin bereits etwa vierzig Filme gedreht hatte, weltberühmt.

Im Jahre 1986 drehte Claude Lelouch erneut mit Anouk Aimée und Jean-Louis Trintignant sowie mit Antoine Sire, der 1966 Jean-Louis Durocs Sohn Antoine gespielt hatte, „Ein Mann und eine Frau – 20 Jahre später“, eine Art Fortsetzung seines Welterfolgs. Darin beschließt Anne Gauthier, die inzwischen Filmregisseurin geworden ist, einen Film über ihre kurze Zeit währende Beziehung zu drehen. Obwohl Lelouch wieder einmal eine Liebesgeschichte fernab geläufiger Konventionen bot, konnte der Folgefilm nicht an den Erfolg des Originals anschließen.

53 Jahre später: Ein Wiedersehen im Altersheim

Jedenfalls ist es bezeichnend, dass Claude Lelouch auf die Fortsetzung keinen Bezug nimmt, da er nun einen dritten Film über die Geschichte von Anne Gauthier und Jean-Louis Duroc gedreht hat – 53 Jahre nach dem Original: „Die schönsten Jahre eines Lebens“ („Les plus belles années d'une vie“). In dem Film, der 2019 in Cannes außer Konkurrenz Weltpremiere feierte, versammelte er nicht nur den inzwischen 89-jährigen Jean-Louis Trintignant und die 87-jährige Anouk Aimée, sondern auch Souad Amidou und Antonie Sire vor der Kamera, die 1966 Annes Tochter Françoise beziehungsweise Jean-Louis' Sohn Antonie verkörpern hatten.

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In „Die schönsten Jahre eines Lebens“ macht Antoine Anne in einem kleinen Dorf in der Normandie ausfindig. Denn sein Vater Jean-Louis wird immer vergesslicher, aber seine Erinnerungen drehen sich immer wieder um die eine Frau, in die er sich vor mehr als einem halben Jahrhundert verliebte. Eher widerwillig macht sich Anne auf den Weg zum Altersheim, wo inzwischen Jean-Louis lebt.

Nicht die Handlung steht im Mittelpunkt, sondern die Hauptdarsteller mit ihren Erinnerungen und Träumen. Dies erlaubt Claude Lelouch, immer wieder besonders bekannte Szenen aus dem Originalfilm in seinen neuen Film einfließen zu lassen. Auch wenn hier die Tonspur unter der Zeit gelitten hat, zeugen die teils durch Überblendungen eingearbeiteten Szenen noch von großer Intensität. Obwohl dadurch die Nebenfiguren Françoise und Antonie ziemlich in den Hintergrund treten, strahlt „Die schönsten Jahre eines Lebens“ durch die Vermischung der zwei Zeitebenen und die Traumsequenzen eine mit kleinen humorvollen Momenten gespickte Nostalgie aus, die vom gleichnamigen Titelsong unterstützt wird.

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