In der Nacht zum 17. Juni 1972 nahm die Polizei im Watergate-Gebäudekomplex in Washington fünf Einbrecher fest. Sie hatten offenbar versucht, im Hauptquartier der Demokratischen Partei Abhörwanzen zu installieren und Dokumente zu fotografieren. Es war der Beginn der sogenannten „Watergate-Affäre“, die schließlich zum Rücktritt Richard Nixons im August 1974 führte – des einzigen US-Präsidenten, der bislang sein Amt niederlegte.
Wesentlich zur Aufklärung trug die 1973 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Berichterstattung der „Washington Post“ bei. Ihre Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein machten die Watergate-Affäre öffentlich, was als ein Triumph der Pressefreiheit gedeutet wird. Mit der Nachstellung des Einbruchs beginnt Alan J. Pakulas Film „All the President’s Men“, der genau vor 50 Jahren in die Kinos kam und in Deutschland unter dem Titel „Die Unbestechlichen“ lief. Die Library of Congress nahm ihn 2010 als „einen der prägenden Journalismusfilme überhaupt“ in das National Film Registry auf. Den Einfluss des Filmes auf das Bild von Journalisten und Politik untersuchten Elliott und Schenck-Hamlin bereits 1979 in der Zeitschrift „Journalism Quarterly“.
Vier Oscars, acht Nominierungen
Premiere feierte der Film im John F. Kennedy Center for the Performing Arts. Das – allerdings mehrfach überarbeitete – Drehbuch verfasste William Goldman („Zwei Banditen“, „Papillon“, „Der Marathon-Mann“). Als Kameramann konnte Gordon Willis gewonnen werden, der beispielsweise bei allen Woody-Allen-Filmen von 1977 bis 1985 die Kamera führte.
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Bob Woodward und Carl Bernstein von 1974 über ihre Ermittlungen im Watergate-Skandal. Mit Robert Redford als Woodward und Dustin Hoffman als Bernstein wurde der Film zu einem Kassenschlager. Er erhielt acht Oscarnominierungen, von denen er vier gewann, darunter den für das beste adaptierte Drehbuch sowie für den besten Nebendarsteller für Jason Robards als „Post“-Chefredakteur Ben Bradlee.
Zum 50. Jahrestag schrieb David Smith im britischen „The Guardian“, der Film gelte als „Urvater aller Journalismusfilme“. Es sei die maßgebliche Schilderung journalistischer Ermittlungsarbeit, die die Zusammenhänge zwischen dem Einbruch in das Hauptquartier des Democratic National Committee, Nixons Wiederwahlkampagne und dem Weißen Haus offengelegt habe. Smith zitiert Bob Woodward mit den Worten: „Beim Journalismus stellt man sich immer die Frage: Was ist die nächste Geschichte? Was ist die nächste Ebene, und wie kommt man dorthin?“ Diesen Geist hätten Alan J. Pakula und alle, die daran mitgearbeitet haben, übernommen.
Filmkritikerin Ann Hornaday beschrieb kürzlich in der „Los Angeles Times“ den Film als Beispiel dafür, „wie aufwendige Recherche, redaktionelle Verantwortung und journalistischer Mut zusammenwirken“ – Qualitäten, die heute vielfach unter Druck stünden. Bereits 1976 schrieb Vincent Canby in der „New York Times“: „Zeitungen und Zeitungsleute sind seit langem beliebte Themen für Filmemacher, doch erst mit ‚All the President’s Men‘ ist ein Film auch nur annähernd einem getreuen Abbild des amerikanischen Journalismus in seiner besten Form nahegekommen.“ Jordan Orlando urteilte 2018 in „The New Yorker“, der Film habe den investigativen Journalisten weltweit zu einem demokratischen Idealbild gemacht und Generationen von Journalisten geprägt. Der berühmte Satz „Follow the money“ sei zu einer festen Redewendung für investigative Recherche geworden.
Heute noch Thema: Suche nach der Wahrheit
„Die Unbestechlichen“ beeinflusste auch eine Reihe Spielfilme. Hier seien nur zwei Filme aus den letzten Jahren genannt: „Spotlight“ (2015), der die Recherchen des „Boston Globe“ zu den Missbrauchsfällen des katholischen Priesters John Geoghan behandelt. Regisseur Tom McCarthy erklärte mehrfach, dass Pakulas Film sein wichtigstes Vorbild gewesen sei. „Spotlight“ konzentriert sich weniger auf die Missbrauchsfälle als auf die journalistische Recherchearbeit. Auch Regisseurin Maria Schrader verwies bei ihrem Film „She Said“ (2022) ausdrücklich auf Pakulas Film. Bei „She Said“ geht es um die Aufdeckung sexuellen Missbrauchs durch den bekannten und wohl einflussreichsten Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein in einem Artikel der „New York Times“ vom Oktober 2017. Beide Filme haben mit Pakulas Film gemeinsam, dass es um die Suche nach Wahrheit geht.
Darüber hinaus prägte die Erzählweise von Pakulas „Die Unbestechlichen“ ebenso den politischen Thriller: „The Insider“ (1999), „Michael Clayton“ (2007) oder „Dark Waters“ (2019) stehen für den Kampf gegen mächtige politische oder wirtschaftliche Interessen durch hartnäckige Recherchearbeit. Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Uraufführung bleibt „Die Unbestechlichen“ das filmische Standardwerk über den investigativen Journalismus, der Skandalen auf den Grund geht und dabei seine Quellen schützt. In Zeiten sozialer Medien und „Fake News“ hat der Film nichts von seiner Bedeutung verloren.
„Die Unbestechlichen“ („All the President’s Men“), USA 1976. Regie: Alan J. Pakula. 138 Min. Als Leih- oder Kauftitel bei Amazon Prime Video oder Apple TV+. Auch verschiedene Ausgaben als DVD oder Blu-ray.
Der Autor schreibt als Historiker zu Film und Fernsehen.
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