Berlin

Der Alltag in einer belagerten Stadt

Ein beeindruckender Einblick in das Leben der Menschen während der Belagerung Aleppos 2012–2016: der Dokumentarfilm „Für Sama“.
„Für Sama“
Foto: Filmperlen | Waad al-Kateab mit ihrem Mann Hamza und Sama, deren kleiner Tochter, die während der Belagerung in Aleppo geboren wurde, vor den Ruinen eines der Krankenhäuser, in denen Hamza arbeitete.

Das Leben in Aleppo, dem ehemaligen Wirtschafts- und Handelszentrum Syriens, normalisiert sich weiter. In einem Interview mit „Asia News“ vom 20. Februar wertet der chaldäische Bischof Antoine Audo die vollständige Kontrolle des Damaskus-Regimes über einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt, die Wiedereröffnung des Flughafens sowie die Flucht der letzten Dschihadistengruppe als „positive Zeichen“. Die nordsyrische Stadt befand sich vom Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien 2011 bis zu seiner Einnahme durch regierungstreue Truppen im Dezember 2016 im Mittelpunkt der Kämpfe. Am Rande der Stadt agierten jedoch weiterhin dschihadistische Milizen.

Der Bürgerkrieg, der eine halbe Million Menschenleben kostete und die Flucht von etwa 11,6 Millionen Syrern verursachte, begann nach einem friedlichen Protest gegen das autoritäre Regime Bashir al-Assads im Zuge des Arabischen Frühlings Anfang 2011. Trotz der schweren Waffen – Raketenwerfer, Panzer, Kampfflugzeuge –, die von der Assad-Regierung und ihren russischen Verbündeten seit Juli 2012 eingesetzt wurden, blieben in der unter der Kontrolle teils gemäßigter, teils islamistischer Rebellengruppen stehenden Stadt etwa 300 000 Menschen bis Dezember 2016, als die letzten Aufständischen und deren Angehörige nach einer Vereinbarung aus Aleppo in Bussen evakuiert wurden.

Fünf Jahre unter Dauerbeschuss

Was bedeutet es für die Menschen, fünf Jahre unter Dauerbeschuss zu leben? Einen Einblick in solche Lebensbedingungen bietet der Dokumentarfilm „Für Sama“ von Waad al-Kateab und Edward Watts, den Waad als „Liebesbrief an ihre Tochter Sama“ in den fünf Jahren der Belagerung drehte. Im Jahre 2012 begann die damals 21-jährige Studentin Waad, die Studentenproteste gegen Bashir al-Assad zu filmen. Mit ihrem Handy und ihrer Kamera fängt sie die Aufbruchsstimmung ein, die bald aber umschlägt. Sie filmt weiter, auch als viele ihrer Freunde von Heckenschützen, Luftangriffen und Fassbomben getötet werden.

Augenblicke größter Angst etwa bei den Luftangriffen wechseln sich mit Momenten der Freude ab, als Waad den Arzt Hamza heiratet, oder als ihre Tochter Sama geboren wird. Freude und Lebensmut gewinnen letztlich die Oberhand, wozu auch etwa die enge Freundschaft zu einer fünfköpfigen Familie hilft, die sich ebenfalls weigert, Aleppo zu verlassen. Waad al-Kateab liefert ein eindrückliches Zeugnis: Sie hielt das Leid nicht nur der Menschen in ihrer Umgebung fest, sondern auch die eigene Trauer über ihr zerstörtes Haus oder darüber, Aleppo verlassen zu müssen, ohne zu wissen, ob sie jemals in die Stadt wird zurückkehren können.

„Für Sama“ gewann unter anderem den Emmy Award, den Prix l'Oeil d'Or für den besten Dokumentarfilm auf dem Filmfestival von Cannes, den Publikumspreis auf dem Filmfest München sowie den Europäischen Filmpreis.

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