Filmmarkt

Chinas Propagandisten kämpfen an der Kinofront gegen den Westen

„Spider-Man: No Way Home“ liegt äußerst knapp vor Chinas „The Battle at Lake Changjin“. Beinahe hätte das chinesische Regime bereits in diesem Jahr damit das Ziel erreicht, eine westliche Kinoproduktion im finanziellen Erfolg zu überholen.
Chinas Präsident Xi Jinping
Foto: dpa | Chinas kommunistischer Machthaber Xi Jinping will sein Land nicht nur politisch, ökonomisch und technologisch, sondern auch medial zur dominierenden Supermacht emporheben.

Es war ein hochdramatisches Finale, wie es Hollywood nicht hätte besser inszenieren können: Denn noch bis vor wenigen Tagen sah es so aus, als ob die Krone für den weltweit erfolgreichsten Kinofilm des Jahres 2021 nicht wie auch sonst an die erfolgsverwöhnte US-Traumfabrik, sondern an das Reich der Mitte gehen würde.

Doch Hollywood konnte aufatmen: Der Marvel-Superheldenfilm „Spider-Man: No Way Home“ brauchte letztendlich nur anderthalb Wochen in den Lichtspielhäusern, um die Milliarden-Dollar-Marke am weltweiten Box Office zu knacken. Das gelang seit Beginn der Corona-Pandemie keinem einzigen Kinofilm mehr - und so konnte die Comicadaption nicht nur bis einschließlich Weihnachten weltweit 1,054 Milliarden US-Dollar einspielen, sondern zudem noch sowohl der Omikron-Variante als auch der Tatsache trotzen, dass der neue Superheldenfilm im überaus wichtigen Kinomarkt China noch gar nicht angelaufen ist.

China verlagert den „Kampf der Systeme“ ins Kino

Apropos China: Genau dort wird man sich im Hinblick auf das Einspielergebnis des jüngsten Marvel-Films gehörig ärgern. Denn noch bis vor kurzem stand an der Spitze der international erfolgreichsten Kinofilme des Jahres ausgerechnet ein chinesischer Propaganda-Spielfilm, der spektakuläre 905 Millionen US-Dollar einspielen konnte und damit sogar „James Bond 007: Keine Zeit zu sterben“ mit 774 Millionen US-Dollar Einspielergebnis hinter ließ. Und nicht nur das: ein weiterer chinesischer Film, in diesem Fall eine Komödie, spielte ebenfalls mehr als Daniel Craigs Abschiedsvorstellung als Geheimagent Ihrer Majestät ein und sorgte dafür, dass „Keine Zeit zu sterben“ am Ende nur auf Platz 4 der erfolgreichsten Filme des bald vergangenen Jahres landete.

Die Tragweite dieses Einspielergebnis-Phänomens ist kaum zu unterschätzen – und alles Andere als ein Zufall. Um es verstehen zu können, muss sich das grundsätzliche strategische Vorgehen Chinas vor Augen geführt werden. Denn sein Umgang mit den Medien steht stellvertretend dafür, wie gewieft Xi Jinping und die herrschende Kommunistische Partei (KP) daran arbeitet, das eigene Land weltpolitisch an vorderster Front zu positionieren

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Mit geringen Kosten produziert und dem Milliardenvolk im Kino vorgesetzt

So will man bis 2035 das sozialistische System so weit modernisiert haben, um 2049, zum 100-jährigen Bestehen der Volksrepublik, schließlich ins „vollsozialistische Stadium übertreten zu können“, ist sich der deutsche Sinologe Oskar Weggel sicher. Umsetzen will die KP dies in kürzeren Etappen, den 5-Jahres-Plänen, deren 14. Auflage im März dieses Jahres beim nationalen Volkskongress vorgestellt wurde. Zentral darin ist eine verstärkte Investition in den Propaganda-Apparat bis 2025, dessen wichtigstes Scharnier die Filmindustrie sein wird.

Pro Jahr werden künftig zehn Filme produziert, die sich in der Kategorie Blockbuster bewegen, wie die „Global Times“ kürzlich berichtete. Die Action-Komödie „Detective Chinatown 3“ beispielsweise, die mit einem Einspielergebnis von rund 706 Millionen Dollar derzeit auf Platz sechs weltweit erfolgreichsten Filme dieses Jahres liegt. Weiter sollen 50 Filme jährlich je über 15,6 Millionen Dollar an den Kinokassen generieren. Zwar waren es 2021 nur 34 Filme, mit denen dieses Ziel erreicht werden konnte, doch diejenigen, die diese Marke überschritten haben, waren umso erfolgreicher: 21 der 50 erfolgreichsten Filme weltweit kommen in diesem Jahr aus China – und die werden fast ausschließlich für den eigenen Markt produziert.

Jeder Film ist eine Propagandaschlacht für die Kommunisten

All das ist staatlich durchkomponiert. Kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Interessen sind ineinander verschränkt. Mit zielgruppenorientiertem Storytelling will man das Volk erreichen. Das Ziel: Hollywood – und somit „westliche Ideologien“ – endgültig vom chinesischen Filmmarkt zu verdrängen. Zum Beispiel dadurch, dass chinesische Produktionen einander nicht in die Quere kommen und eigene Veröffentlichungs-Slots erhalten, in denen das volle ökonomische Potenzial dieses einen Produkts ausgeschöpft werden kann.

Dass beispielsweise „Spider-Man: No Way Home“ mit einem ebenfalls hochkarätigen Blockbuster wie „The Matrix Resurrections“ fast zeitgleich zur Adventszeit anläuft, wäre in China nicht denkbar. Der von der Regisseurin Jia Ling inszenierten Komödie „Hi, Mom“, die international „James Bond“ an den Kinokassen hinter sich ließ, gelang so mit einem Budget von 59 Millionen Dollar und einem Einspielergebnis von bis dato 842 Millionen Dollar ebenfalls ein immenser Erfolg. Und nicht nur das: Ling legte mit ihrem Filmdebüt den erfolgreichsten Film einer Regisseurin überhaupt hin und überzeugte noch dazu die internationale Presse von ihrer Komödie.

Kein nicht-englischsprachiger Film ist erfolgreicher

Ganz im Gegensatz zu „The Battle at Lake Changjin“, dem mit einem Einspielergebnis von 905 Millionen Dollar weltweit nunmehr zweiterfolgreichsten Film des Jahres 2021, der zugleich die teuerste chinesische Filmproduktion aller Zeiten ist: Ein Kriegsfilm, der von hiesigen China-Beobachtern besorgt zur Kenntnis genommen wird und in Südkorea für Empörung sorgt. Produziert von Yu Dong, den das US-Branchenblatt „The Hollywood Reporter“ schon 2006 als einen der „einflussreichsten Filmemacher der Zukunft“ bezeichnete, ist „The Battle of Lake Changjin“ nichts weniger als ein 178-minütiges Anti-Amerika-Epos, das den Korea-Konflikt in den 1950er-Jahren aufgreift.

Was der chinesischen Bevölkerung in diesem 200 Millionen Dollar-Film präsentiert wird, ist keineswegs eine neutrale Aufarbeitung des Krieges zwischen Nord- und Südkorea beziehungsweise China und der UN, sondern ein Propaganda-Paket, in dem, wenn man es von der straff gebundenen Schnur aus Bombast und Pathos befreit, Ideologie in Reinform zu finden ist: Die KP weitet ihre propagandistische Kampfzone aus und schürt in der Bevölkerung Unmut gegen die Vereinigten Staaten.

Selbstverständlich ist der Westen, sind die UN und sind die USA die Bösen

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Zum historischen Kontext des Films: Als die Nordkoreaner im Jahr 1950 die Südkoreaner nach Busan zurückdrängten, rückten 30.000 US-Streitkräfte auf nordkoreanischem Territorium in Richtung chinesischer Grenze vor. Die pronordkoreanischen Chinesen überraschten die Amerikaner mit einem 120.000 Mann starken Heer und trieben sie in einem 17 Tage anhaltenden Kampf um den See Changjin nach Hungnam zurück. 18.000 amerikanische und 48.000 chinesische Soldaten starben.

Dass dieses Szenario nun wieder aktuell gemacht wird, ist kein Zufall: Zu der Zeit erstarkte die KP und initiierten eine Landreform, die in einer der größten Hungerkatastrophen des Landes resultierte. Über 30 Millionen Chinesen starben. Dieses selbstverschuldete Desaster als solches anzuerkennen, wäre schwer verträglich mit dem heutigen Auftritt der KP als unfehlbare Regierungsinstanz mit ihrem strahlenden Oberhaupt Xi Jinping. Stattdessen wählt man ein Ereignis, das sich gut instrumentalisieren und mit dem sich die Schuldfrage für die prekäre Situation des Landes in den 1950ern neu stellen lässt. Dass Nordkorea den Krieg anzettelte und der Konflikt wohl früher zu Ende gewesen wäre, hätten die Chinesen nicht eingegriffen, wird im Film weitgehend kaschiert, erklärte Han Ye-jung, eine Anwältin aus Seoul, jüngst der Deutschen Welle.

Das chinesische Regime hat einen sehr langen Atem

Hierzulande wird von „The Battle at Lake Chingjin” nur wenig Notiz genommen. Das liegt mithin daran, dass der Film ein „Regierungsprojekt“ ist, wie Phil Hoad in seiner Rezension in „The Guardian“ resümiert. Die Geschichte wird zugunsten der Chinesen nachjustiert – der Film dient dabei als Instrument, den Blick der chinesischen Bevölkerung auf die USA zu manipulieren. Zumindest hierdurch ist erkennbar, dass China (noch) kein Interesse daran hat, seinen Filmmarkt international auszuweiten. Womöglich ist dies für den nächsten 5-Jahres-Plan vorgesehen.

Doch aus chinesischer Sicht will Gut Ding Weile haben: Dass in diesem Jahr mit „The Battle at Lake Chingjin“ und „Hi, Mom“ die erfolgreichsten nicht-englischen Filme aller Zeiten produziert worden sind, ist ein großer Erfolg für das kommunistische Regime. Und dass es immerhin einen Spider-Man brauchte, um cineastische „Fake History“ aus China an der Kinokasse aufzuhalten, sollte zu denken geben.

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