80 Jahre "Casablanca"

„Casablanca“: Beginn einer unsterblichen Leinwandlegende

Vor 80 Jahren feierte „Casablanca“ Weltpremiere. Unser Autor (Jahrgang 1992) sah den Filmklassiker nun zum ersten Mal – und ist fasziniert
Humphrey Bogart und Ingrid Bergman im Leinwandklassiker „Casablanca“.
Foto: dpa | Vor 80 Jahren schrieben sie Kinogeschichte: Humphrey Bogart und Ingrid Bergman im Leinwandklassiker „Casablanca“.

Der Film heißt 'Casablanca' und ich habe wirklich keine Ahnung, worum es geht“, schrieb Ingrid Bergman, die schwedische Filmikone, am 22. April 1942 einer Freundin, als sie erfahren hatte, dass sie die Hauptfigur Ilsa Lund spielen wird. Und was soll ich sagen, Frau Bergman? Mir geht es gerade so ähnlich.

Für mich ist „Casablanca“ nämlich einer dieser Filme, um die ich immer einen großen Bogen gemacht habe. Denn ich befürchtete einen filmgewordenen Gefühlsroman: Schwere Symbolik, schwülstige Poetik. „Ich seh dir in die Augen, Kleines!“ Dass dieses Zitat stellvertretend für den Film steht, sagt doch schon alles. Kitsch vom Feinsten. Aber was soll´s. Zum 80-jährigen Jubiläum eine feierliche Erstsichtung – wenn nicht jetzt, wann dann? Ich mache es mir auf der Couch gemütlich, schüttle meine Vorurteile ab, schalte ein.

„1943 wurde ‚Casablanca‘ mit dem Oscar für den besten Film, die beste Regie
und das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet –
2002 wurde der Film vom American Film Institute zum größten Liebesfilm aller Zeiten gekürt,
2007 zum drittbesten Film aller Zeiten“

Wer 1941 aus Europa nach Casablanca reiste, der tat das in der Regel nicht, weil es dort so schön war. Er tat es, weil er vor dem Krieg flüchtete. Manche, so die Erzählung des Films, wollten von der Stadt in Französisch-Marokko weiter nach Lissabon und von dort nach Amerika. Weit weg vom Schrecken des Krieges, weg von den Gräueltaten der Nazis. Die Voraussetzung für das Ticket nach Übersee war ein Visum. Doch das war rar und diejenigen, die damit handelten, waren korrupt.

Im Film ist so jemand Captain Renault (Claude Rains), französischer Polizeichef in Casablanca, der mit den Deutschen kooperiert und die begehrten Dokumente gegen Geld oder Sex aushändigt. Er ist gewieft und skrupellos. „Casablanca“ nimmt Fahrt auf, als zwei deutsche Offiziere ermordet und ihre Transit-Visa gestohlen werden und der deutsche Major Strasser (Conrad Veidt) anreist, um den tschechoslowakischen Widerstandskämpfer Victor László (Paul Henreid) daran zu hindern, mit seiner Frau Ilsa Lund (Ingrid Bergman, wirklich großartig) nach Amerika zu fliehen.

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Den Film mit damaligen Maßstäben anschauen

Zentraler Schauplatz ist der Nachtclub „Rick´s Café Américain“, der vom Amerikaner Rick Blaine (Humphrey Bogart) betrieben wird. Als Victor mit seiner Frau dorthin kommt, erkennt Rick sie wieder: Ilsa, mit der er ein Jahr zuvor in Paris eine Affäre hatte. Die Frau, die ihn dort zurückließ, weil sie erfahren hatte, dass ihr Mann, damals Gefangener in einem KZ, doch nicht tot ist. Als Victor Rick um zwei Visa bittet, muss dieser sich entscheiden: Helfen oder seinem Rivalen die Freiheit aus Trotz verwehren.

Gut, die Story hat man so ähnlich schon einmal gesehen. Die innere Zerrissenheit eingebettet in einen Konflikt größeren Ausmaßes. Ist der eigene Stolz mehr wert als die Freiheit der großen Liebe? Ein alter Hut. Meine nächsten Gedanken: Ich muss fair bleiben, darf die damaligen Maßstäbe nicht komplett ausblenden. Schließlich war Michael Curtiz´ „Casablanca“ ein Vorreiter, der den Weg des Melodrams im Film ebnete und vielleicht kommt mir das Ganze ja nur bekannt vor, weil der Film von anderen so oft zitiert wurde. Das Interessante ist doch, wie es zustande kommt, dass der Film beim Publikum auch heute noch so gut ankommt: Das Zuschauer-Rating bei der Bewertungsplattform „Rotten Tomatoes“ liegt aktuell bei sagenhaften 95 Prozent.

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Der ernste Hintergrund von „Casablanca“

Die Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 war noch nicht abgehalten, als sich das Filmstudio Warner Bros. Ende 1941 die Rechte am Theaterstück „Everybody Comes to Rick´s“ sichert, um daraus den Film „Casablanca“ zu machen. Hermann Görings Bluthund Reinhard Heydrich sollte bald die systematische Vernichtung der Juden organisieren. Das beispiellose Menschheitsverbrechen nahm seinen Lauf und massenhaft mussten Menschen um ihr Leben bangen. Die Filmbranche wurde erschüttert und Künstler aus Deutschland, Österreich oder Ungarn sahen buchstäblich ein letztes Mal zu, außer Landes zu kommen, möglichst weg von diesem Kontinent.

Juden aus sämtlichen Ländern Europas flohen um ihr Leben. Conrad Veidt etwa, der als der wandelnde Somnambul in „Das Cabinet des Dr. Caligari“ weltberühmt wurde und dessen Frau Jüdin war. Peter Lorre, der als getriebener Mörder im Fritz Lang-Klassiker „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ zum Weltstar avancierte und dessen Abstammung jüdisch war. Oder Madeleine Lebeau und Marcel Dalio, das französische Schauspieler-Ehepaar. Auch Paul Henreid gelang die Flucht und machte als einer der wenigen Auswanderer Karriere in Hollywood. Noch viele Namen ließen sich nennen. Was diese Menschen gemeinsam haben? Sie alle spielten in „Casablanca“ mit.

Mehr als reine Fiktion und ikonische Zitate

Moment. Ist es also das, was diesen Film so besonders macht? Die Vermengung von Realität und Fiktion. Die Schicksale der Schauspieler, die eng verwoben sind mit denen der von ihnen gespielten Figuren. Ob dieser Tragik scheint es zweitrangig, dass das echte Casablanca bereits befreit worden war, als der Film am 26. November 1942 Weltpremiere feierte. Befreit von Vichy-Frankreich, dem Marionettenregime, das mit Nazideutschland verbündet war. Die Stadt wurde zum wichtigen Strategiezentrum der Alliierten und zehn Tage nachdem der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt am Silvesterabend 1942 im Weißen Haus seinen Gästen „Casablanca“ vorführte, traf er sich mit dem britischen Premierminister Winston Churchill im echten Casablanca, um dort das weitere Vorgehen gegen Hitlerdeutschland zu besprechen.

Ich bin im Film jetzt an der Stelle angelangt, als Rick Ilsa zum ersten Mal entgegenschmachtet, dass er ihr in die Augen schaut. Ich bin nicht vorbereitet. Erst der Spruch, dann stoßen Bogart und Bergmann in Paris mit ihren Gläsern an. Das war´s? Das war´s. Kitschig, in der Tat.

 

 

Klar ist, wer böse und wer gut ist

Eine andere Szene ist es, die mich packt und dank der ich glaube zu begreifen, welche Wirkung „Casablanca“ damals entfaltete. Denn der Film war – im guten Sinne – ein US-amerikanischer Propagandafilm, der die Bevölkerung auf den Krieg einstimmen und deutlich machen sollte, wer auf der guten Seite steht und wer auf der bösen. Als im Film deutsche Offiziere in Ricks Bar „Die Wacht am Rhein“ singen, stimmt László die Marseillaise an, die französische Nationalhymne. Immer mehr stimmen mit ein, es wird immer lauter. Ursprünglich sollten die Deutschen in der Szene das „Horst-Wessel-Lied“ singen, damals die inoffizielle Nationalhymne der Nazis, doch das Lied stand in einigen Ländern unter Urheberrechtsschutz und so wob der Wiener Star-Komponist Max Steiner die offizielle deutsche Nationalhymne als düsteren Marsch in seinen Score ein, der erschallt, als Major Strasser und seine Schergen, von der Marseillaise besiegt, Ricks Bar verlassen. „Casablanca“ ist in dieser Szene am wirkungsmächtigsten. Hier, wo sich der ideologische Gehalt des Films voll entfaltet.

Am 26. November 1942, als der Film Weltpremiere feierte, befanden sich die Amerikaner seit fast einem Jahr im Krieg mit dem Deutschen Reich. Als „Casablanca“ zehn Jahre später zum ersten Mal in den deutschen Kinos zu sehen war, wurden in dieser Version alle Hinweise auf den Zweiten Weltkrieg entfernt. Conrad Veidt mit seiner Figur Major Strasser zum Beispiel war überhaupt nicht mehr zu sehen. Aus dem tschechoslowakischen Widerstandskämpfer László wurde der norwegische Atomphysiker Larsen. Unglaublich. Und plötzlich erkenne ich ein Schema, einen Grund für mein Vorurteil dem Film gegenüber: Es muss auch dieses verfälschte Bild einer völlig harmlosen Liebesschmonzette gewesen sein, deren Kernanliegen, die Anti-Nazi-Agenda, herausgeschnitten wurde, die meine Idee von „Casablanca“ als eine lahme Schnulze ohne Aussagekraft in mir reifen ließ.

Es dauerte einige Zeit, bis der Film Legende wurde

1943 wurde „Casablanca“ mit dem Oscar für den besten Film, die beste Regie und das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet – 2002 wurde der Film vom American Film Institute zum größten Liebesfilm aller Zeiten gekürt, 2007 zum drittbesten Film aller Zeiten. Klar ist: „Casablanca“ ist mehr als ein Liebesfilm. Er ist vielmehr der Beweis, wie ergiebig es ist, den historischen Kontext eines Films nicht außer Acht zu lassen. Er ist mehr als seine ikonischen Zitate, mehr als „Ich seh dir in die Augen, Kleines“. Er ist ein Lehrstück, das zeigt, wie Politisches in hervorragend gemachte Unterhaltung umgewandelt werden und dass ein Film auch immer ein Instrument sein kann – in diesem Fall zum Guten. „Casablanca“, der dieser Tage seinen 80. Geburtstag feiert, ist ein Film, dessen Vater, wie so viele andere Dinge, der Krieg ist und das sieht man ihm – sensibilisiert durch den Ukraine-Krieg – heute erst recht an.

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