Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Filmrezension

Bitteres über einen Großen des Showbiz 

Ethan Hawke trägt Linklaters dialogstarken Film über den brillanten, verletzten und schier unerträglichen Künstler Lorenz Hart.   
Lorenz Hart (Ethan Hawke, rechts) erlebt den Premierenabend von „Oklahoma!“ als Moment der eigenen Niederlage. Sein ehemaliger Partner Richard Rodgers triumphiert, Elizabeth (Margaret Qualley) bleibt unerreichbar.
Foto: Sony | Lorenz Hart (Ethan Hawke, rechts) erlebt den Premierenabend von „Oklahoma!“ als Moment der eigenen Niederlage. Sein ehemaliger Partner Richard Rodgers triumphiert, Elizabeth (Margaret Qualley) bleibt unerreichbar.

Richard Linklater wurde weltweit bekannt mit der „Before“-Trilogie – vor allem mit „Before Sunrise“ (1995) –, später dann mit „Boyhood“ (2014), jenem über zwölf Jahre hinweg gedrehten Film über das Aufwachsen eines Jungen. Beide Projekte waren filmische Experimente: Linklater wollte zeigen, was Zeit mit Menschen macht. „Blue Moon“ fügt sich nahtlos in dieses Werk. Wieder gibt es eine formale Beschränkung, wieder entsteht daraus ein Film über Zeit und Leben. 

„Blue Moon“ spielt fast vollständig an einem Ort, in einer Bar, und das in annähernder Echtzeit. Linklater interessiert sich auch hier weniger für Handlung als für Gegenwart: für einen Abend, an dem sich in Gesprächen, Blicken, kleinen Gemeinheiten und alten Kränkungen ein ganzes Leben öffnet. Der Film führt ins Jahr 1943, an den Premierenabend von „Oklahoma!“, jenem Musical, mit dem Richard Rodgers und Oscar Hammerstein Geschichte schrieben. Während oben gefeiert wird, sitzt unten in der Bar Lorenz Hart, Rodgers’ früherer Textdichter-Partner. Und er weiß sehr genau, dass dieser Abend nicht nur den Triumph des anderen markiert, sondern auch seine eigene Niederlage. Das ist die große Stärke von „Blue Moon“: Der Film erzählt nicht vom äußeren Absturz eines Mannes, sondern von dem Moment, in dem er begreift, dass die Welt ohne ihn weitergeht. Relevanz und Liebe verschwinden nicht mit einem Knall. Sie hören einfach auf, an einen zu denken. In diesem schmerzhaften Wissen liegt das eigentliche Zentrum des Films. 

Brillant und witzig, eitel, kaum auszuhalten

Lorenz Hart war kein Unbedeutender. Zusammen mit Rodgers schrieb er Lieder wie „My Funny Valentine“, „The Lady Is a Tramp“ und „Blue Moon“. Linklater macht aus ihm weder ein Denkmal noch einen bloßen Tragiker. Dieser Hart ist brillant und witzig, aber auch eitel und verletzend, kaum auszuhalten. Er spricht fast ununterbrochen, macht Witze, redet über Musicals, über „Casablanca“, über Sex, über Kunst, über sich selbst. Vieles ist komisch, manches glänzend. Zugleich wird immer deutlicher, dass dieses Reden nicht Souveränität, sondern Selbstverteidigung ist. 

Ethan Hawke, der mit den eingangs erwähnten Filmen von Richard Linklater, aber auch mit seinen Rollen in Ben Stillers „Reality Bites – Voll das Leben“ (1994) und in „Gattaca“ (Andrew Niccol, 1997) den Status eines Stars außerhalb der üblichen Hollywood-Blockbuster errang, trägt mit seiner Energie den Film. Er macht aus Hart keinen bloß traurigen Verlierer, sondern einen Mann, der noch immer um Fassung ringt, obwohl innerlich längst etwas zerbrochen ist. Hawke ist schon theatralisch, aber nie überspannt. Er beherrscht jede Szene, ohne sie zu erdrücken. Gerade darin liegt die Qualität seiner Darstellung: Man hört den Witz und sieht zugleich die Angst. 

Das Drehbuch von Robert Kaplow hat hörbar Freude an Harts Geist und seiner Schärfe. Überhaupt ist „Blue Moon“ ein Film, der stark auf Sprache setzt: auf Monologe, Wortgefechte, kleine rhetorische Duelle – Linklaters Kino lebte immer schon vom Gespräch. Hier findet er in Hart eine fast ideale Figur für diesen Stil. Denn Hart spricht nicht einfach viel. Er ist ein Mann, der sich selbst nur noch in seinen Sätzen begegnet. 

Ein Mann aus einer untergehenden Welt

Lesen Sie auch:

Gerade darin liegt aber auch die Grenze des Films. Mitunter wirkt „Blue Moon“ etwas zu verliebt in seine eigene Klugheit. Einige Szenen sind glänzend für sich genommen, fügen sich aber nicht ganz zu einem geschlossenen Ganzen. Margaret Qualley hat als Elizabeth eine eigentümlich frische Präsenz, bleibt jedoch letztlich Projektionsfläche für Harts Sehnsucht. Andrew Scott wiederum gibt Richard Rodgers mit der richtigen Mischung aus alter Verbundenheit, Erschöpfung und unterdrücktem Zorn. In den gemeinsamen Szenen spürt man, dass hier nicht nur eine künstlerische Partnerschaft zerbrochen ist, sondern eine ganze Lebensform.  Der Film hat etwas von Theater, im guten wie im begrenzenden Sinn. Er lebt von Präsenz, Rhythmus, Text und Schauspiel. Manchmal wirkt das altmodisch – vielleicht zu Recht. Denn auch Lorenz Hart ist hier keine moderne Figur, sondern ein Mann aus einer untergehenden Welt. Linklater schaut auf ihn mit Zuneigung, aber ohne Verklärung. Er macht ihn nicht sympathischer, als er ist. 

Auch wenn „Blue Moon“ Längen hat und zuweilen um sich selbst kreist, besitzt er etwas, das im heutigen Kino seltener geworden ist: echtes Interesse am Menschen hinter der Pose. Linklater zeigt einen Künstler nicht als Geniefigur, sondern als verletzlichen, oft lächerlichen, manchmal großen Menschen – ein Film über Einsamkeit, gekränkte Eitelkeit, zerbrochene Freundschaft und die Grausamkeit des kulturellen Fortschritts. „Blue Moon“ macht daraus kein lautes Drama, sondern ein leises, bitteres Kammerspiel. 

Lorenz Hart (Ethan Hawke, rechts) erlebt den Premierenabend von „Oklahoma!“ als Moment der eigenen Niederlage. Sein ehemaliger Partner Richard Rodgers triumphiert, Elizabeth (Margaret Qualley) bleibt unerreichbar. 

„Blue Moon“, USA, Irland 2025, 100 Min., Regie: Richard Linklater, im Kino ab dem 26. März.


Der Autor schreibt aus Berlin zu Film und Fernsehen,

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
José García

Weitere Artikel

Kirche

Die Veranstaltung „The Tabernacle“ bietet während des Katholikentags Lobpreis, Impulse und eine Bischofsmesse an. Dahinter steht auch die „Tagespost“.
28.03.2026, 08 Uhr
Meldung
Leo XIV. will zu den Anhängern des „Vetus Ordo“ Brücken schlagen. Seine Weisung an die Bischöfe Frankreichs weicht von der Linie seines Vorgängers ab.
26.03.2026, 17 Uhr
Guido Horst