Cyberpunk-Serie "Peripherie"

Amazon-Serie „Peripherie“ hat "Herr der Ringe" abgelöst

Die William-Gibson-Romanverfilmung "Peripherie" liefert ein visuell herausragendes Verwirrspiel mit der Wirklichkeit.
Szenenbild Peripherie
Foto: Amazon Studios

Im London des Jahres 2099 leben offensichtlich kaum Menschen. Dafür sehen Straßen und Gebäude merkwürdig glatt, hyperrealistisch aus – irgendwie erinnert das Setting der Amazon-Serie „Peripherie“ („The Peripheral“) in seiner Künstlichkeit an den Science-Fiction-Film „Inception“ (2010). Kein Wunder: Ausführende Produzenten sind die "Westworld"-Macher Lisa Joy und ihr Ehemann Jonathan Nolan. Letzterer ist wiederum Bruder von „Inception“-Regisseur Christopher Nolan, mit dem er auch schon zusammengearbeitet hat. Und der Look gefällt anscheinend: Denn nur wenige Tage nach Erscheinen löste "Peripherie" bereits die ebenfalls bei Amazon Prime laufende und mit viel Tamtam gestartete Serie "Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht" als erfolgreichste Serie des Streamingdienstes ab.

„Abgesehen davon, dass sich der Zuschauer des Eindrucks kaum erwehren kann,
dass „Peripherie“ manches künstlich verkompliziert,
lässt die Amazon-Serie jedoch die Gelegenheit aus, tiefgreifende Fragen zu stellen,
etwa was das Menschsein ausmacht“

Herausragendes Merkmal an bereits genanntem London Ende des 21. Jahrhunderts: die riesengroßen, massiven Statuen aus der klassischen Antike, die in Gebäude gehauen zu sein scheinen. Die Frage, die sich bei dieser kurzen Einführung stellt, lautet natürlich: Ist das real oder handelt es sich dabei um ein Videospiel?

Ein solches Videospiel spielen die Geschwister Burton (Jack Reynor) und Flynne Fischer (Chloë Grace Moretz) im Jahr 2032 in einer Kleinstadt der Blue Ridge Mountains im Osten der Vereinigten Staaten. Kaum, dass dem Zuschauer vorgeführt wurde, dass Flynne ihrem Bruder bei solchen Spielen überlegen ist, treibt ein neuartiges Gerät aus Kolumbien die Handlung voran.

Lesen Sie auch:

Geld verdienen mit Testspielen in virtuellen Simulationen

Burton soll es testen – schließlich verdient sich der ehemalige Soldat sein Geld mit dem Testen von virtuellen Simulations-Spielen für reiche Menschen. Damit und mit dem, was Flynne in der 3D-Druckerei verdient, können sie die teuren Medikamente für die todkranke Mutter Ella (Melinda Paige Hamilton) bezahlen.

Weil aber sie besser als ihr Bruder mit solchen Simulationen zurechtkommt, setzt Flynne das Headset auf ... und findet sich im eingangs beschriebenen London des Jahres 2099 wieder. Dort soll sie in Gestalt des Avatars Easy Ice ihres Bruders in das Gebäude eines Unternehmens namens Research Institute RI einbrechen. Das Ganze fühlt sich allerdings so real an ... nicht wie ein Spiel. Also doch eine reale Zukunft? Darauf scheint ebenfalls der Originaltitel der Serie anzuspielen: Aus Periph-eral wird Periph-real.

Grundlage der Handlung ist ein Roman mit dystopischer Vision

Zeitreisen spielen im Genre Science-Fiction eine herausragende Rolle, ob in Klassikern wie „Terminator“ (James Cameron, 1984) und deren Sequels sowie in „12 Monkeys“ (Terry Gilliam, 1995) oder aber zuletzt in „The Adam Project“ (Shawn Levy, 2022). Meistens reist jemand in die Vergangenheit, um irgendetwas zu verändern, was als Bedrohung für die Gegenwart angesehen wird.

„Peripherie“ basiert auf dem gleichnamigen, 2014 erschienenen Roman von William Gibson ("Neuromancer"), der zu den bekanntesten Autoren des Science-Fiction-Subgenres „Cyberpunk“ gehört. Genretypisch ist die große Rolle, die Technologie spielt, sowie eine dystopische Zukunftsvision. Dazu kommt die Handlung auf zwei Zeitebenen, die miteinander verbunden werden. Die Verbindung zwischen beiden Welten oder Zeitebenen stellt in „Peripherie“ der geheimnisvolle Wilf Netherton (Gary Carr) dar.

Lesen Sie auch:

Dramaturgie: Widersprüchliche Informationen werden nur langsam aufgelöst

Er spielt auch für den Fortgang der Handlung insofern eine herausragende Rolle, als Wilf nach und nach Flynne – und mit ihr selbstverständlich auch den Zuschauer – über die Rolle aufklärt, die sie übernehmen soll. Um Spannung zu erzeugen, gehört es zu den Genre-Merkmalen, dass solche – teilweise auf den ersten Blick widersprüchliche – Informationen nur allmählich preisgegeben werden.

Jedenfalls führt Flynnes Mission in der Zukunft dazu, dass sie ins Kreuzfeuer verschiedener Mächte gerät – sie und ihre Familie werden auch in ihrer Gegenwart bedroht. Die verschiedenen Angreifer haben jedoch nicht mit Burtons Kriegskameraden gerechnet, die dank einer nicht näher erklärten Technik miteinander haptisch verbunden sind, um wie eine „Einheit“ zu handeln.

Spannung durch eine latent spürbare Bedrohung

Neben einer überzeugend spielenden Chloë Grace Moretz, die Flynne immer mehr in die ihr zugedachten Rolle hineinwachsen lässt, und dem ebenso glaubwürdig handelnden Jack Reynor, dessen Burton insbesondere für Action sorgt, stechen einige Darsteller in Nebenrollen heraus, vor allem Gary Carr: Wilf wirkt zwar zunächst freundlich und hilfsbereit gegenüber Flynne, aber seine Vergangenheit – und ebenso seine Gegenwart – hüllen ihn in eine gewisse geheimnisvolle Aura ein. Als latente Bedrohung erweist sich die Leiterin des „Research Institute“ Dr. Cherise Nuland (T´Nia Miller). Für trockenen Humor sorgt Conner (Eli Goree), der als Soldat beide Beine und den linken Arm verlor.

„Peripherie“ überzeugt insbesondere visuell: Die dystopische Zukunftswelt erinnert zwar an den einen oder anderen Film, besitzt – Stichwort griechisch-römische Statuen – eine gewisse Originalität. Inhaltlich knüpft die Amazon-Serie an bekannte Fragen an: Wie kann zwischen Simulation und Realität unterschieden werden? Abgesehen davon, dass sich der Zuschauer des Eindrucks kaum erwehren kann, dass „Peripherie“ manches künstlich verkompliziert, lässt die Amazon-Serie jedoch die Gelegenheit aus, tiefgreifende Fragen zu stellen, etwa was das Menschsein ausmacht.


„Peripherie“, 8 Folgen à ca. 56-70 Minuten. Stoffentwicklung: Scott B. Smith.
Regie: Vincenzo Natali, Alrick Riley. Auf Amazon Prime Video.

 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
James Cameron Science-Fiction-Filme

Weitere Artikel

Mozart, Mendelssohn, Bach: Eine Spurensuche in Sachen Kreativität die auf genetischer Disposition, Förderung und Selbstmotivation basiert.
09.10.2022, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Der Krieg gegen die Ukraine bringt - bei allen schrecken - auch wieder das Gute im Menschen zum Vorschein: Aufopferungsvoll stehen viele Freiwillige und Mitarbeiter großer Organisationen den ...
30.09.2022, 07 Uhr
Johannes Hartl

Kirche

In seiner ersten Ansprache in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa rief Franziskus zum Ende von Ausbeutung und Gewalt auf. Er komme als „Pilger der Versöhnung“.
31.01.2023, 18 Uhr
José García