Serienproduktion

Amazon opfert Tolkien dem Zeitgeist

„Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ beeindruckt zwar optisch. Inhaltlich geht aber die philosophische Tragweite des Tolkien-Werkes verloren.
Elbenfürstin Galadriel
Foto: Amazon | In der Amazon-Serie „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ ist die Elbenfürstin Galadriel (Morfydd Clark), die in den Jacksons Filmen von Cate Blanchett als ätherisches Wesen dargestellt wurde, zu einer ...

Für kaum eine Serie wurden die Erwartungen so hoch geschraubt, für kaum eine Fernsehserie wurde die Werbetrommel so gerührt, wie für „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“. Zum einen handelt es sich um die teuerste Serie, die Amazon Studios je produziert haben. Deshalb der hohe Aufwand, die Serie zu bewerben. Andererseits aber gibt es in der ganzen Welt eine große Tolkien-Fangemeinde, die sicherlich Amazons Serie an Peter Jacksons „Der Herr der Ringe“-Trilogie messen wird.

„Kommerzialisierung reduziert die ästhetische
und philosophische Tragweite dieses Werks auf ein Nichts“

Dass in die Serie viel Geld investiert wurde, wird an den Schauwerten, am Produktionsdesign, an den Kulissen, den Landschaftsaufnahmen, am Ton einschließlich der Musik ersichtlich. Die Serienmacher haben sich offensichtlich von den Dekors in der erwähnten „Der Herr der Ringe“-Trilogie inspirieren lassen, etwa in der Gestaltung einiger Details im Inselreich Númenor. Dass einige Produktionsdesigner bereits für Peter Jacksons Trilogie gearbeitet hatten, trägt ebenfalls dazu bei.

Doch die technischen Aspekte sind nur sozusagen die „Hülle“, in die eine Geschichte eingebettet wird. Und hier beginnen die Probleme der Amazon-Serie „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“. Denn sie soll von den Ereignissen im sogenannten Zweiten Zeitalter von Mittelerde erzählen, Tausende Jahre vor der Erzählzeit in der Trilogie „Der Herr der Ringe“. Im Gegensatz hierzu gibt es darüber kein eigenständiges Werk von J.R.R. Tolkien. Einiges aus dieser Zeit befindet sich in der Sammlung mit dem Namen „Silmarillion“, die von Tolkiens Sohn Christopher überarbeitet und 1977 veröffentlicht wurde.

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Drehbuch ohne echten inhaltlichen Bezug zum Original Tolkiens

Die Drehbuchautoren der Amazon-Serie besaßen allerdings nicht die Rechte daran. In einem Interview mit „Vanity Fair“ führten Patrick McKay und JD Payne dazu aus: „Wir haben ausschließlich die Rechte an ,Die Gefährten‘, ,Die zwei Türme‘, ,Die Rückkehr des Königs‘, den Anhängen, und ,Der Hobbit‘. Das war´s. Wir haben keine Rechte am ,Silmarillion‘, den ,Unvollendeten Geschichten‘, der ,Geschichte von Mittelerde‘ oder irgendwelchen anderen Büchern.“ Mit anderen Worten: Original von J.R.R. Tolkien ist an dieser Serie kaum etwas.

Wenn aus das für eine Serie, die auf Tolkiens Welt basiert, eine Belastung darstellt, sagt dies an sich noch nichts über die Qualität der Serie aus. Ein Projekt dieser Größenordnung auf die Schultern von zwei Drehbuchautoren und Regisseuren zu legen, die – mit Ausnahme von Juan Antonio Bayona – gleichermaßen unerfahren sind, bedeutete jedoch ein zu hohes Risiko. Die Serienmacher haben sich dafür entschieden, sich oberflächlich an die Vorlage zu halten; erzählerisch jedoch fängt das Drehbuch nicht die Tiefe von Tolkiens Welt ein, sondern springt von einem Ort zum anderen, von einer Handlung zur anderen, von einer Figur zur anderen, die – mit wenigen Ausnahmen – distanziert kühl wirken; dazu kommt eine großspurige, gekünstelte Sprache.

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Die Charaktere werden ihren Pendants in den Büchern nicht gerecht

Genau hier liegt der Schwachpunkt der Amazon-Serie: Die Charaktere laden kaum zum Mitfühlen ein. Dies gilt gerade für jene, die der Leser/Zuschauer aus der Trilogie kennt: Die in Jacksons Trilogie von Cate Blanchett als ätherische Elbin dargestellte Galadriel agiert hier in der Darstellung von Morfydd Clark als Kriegerin impulsiv und rachedurstig. Bei Elrond (Robert Aramayo) sind die Motive, die ihn zu seinem angeblichen Freund, dem Zwergenprinzen Durin IV. (Owain Arthur) führt, kaum durchschaubar.

Dass sich die Produktion für einen multiethnischen, „diversen“ Cast entschieden hat, den es selbstverständlich bei Tolkien nicht gibt, sagt zunächst einmal ebenfalls nichts über die Qualität der Serie. Ähnliches gilt für die weibliche oder gar feministische Sicht, aus der „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ erzählt. Dass Númenor von einer Königin-Regentin geführt wird, stellt allerdings alles, was Tolkien über dieses sagenhafte Reich geschrieben hat, so ziemlich auf den Kopf. Geradezu albern nimmt es sich aus, dass Frodo und Sam eine Art Entsprechung in den „Barfüßler“-Mädchen Nori (Markella Kavenagh) und Poppy (Megan Richards) finden.

Authentizität wird dem gesellschaftlichen Zeitgeist geopfert

Die von Tolkien erdachte Welt ist zwar quantitativ vorwiegend männlich. Allerdings spielen in ihr wenigstens drei Frauengestalten eine ganz besondere Rolle: Galadriel, Arwen und Éowyn. Die Amazon-Serie prägt aber der jetzige Zeitgeist, nach dem Frauen nicht eine besondere Stellung, sondern – mit Ausnahme der Zwerg-Prinzessin Disa (Sophia Nomvete) – genauso agieren müssen, wie die Männer: Der Vergleich zwischen der beiden Galadriel-Interpretationen spricht in dem Zusammenhang Bände. All das sagt mehr über die heutige Gesellschaft als über das literarische Erbe Tolkiens aus. Wenn dann auch das Drehbuch willkürlich von einem Schauplatz zum nächsten springt, ohne die einzelnen Handlungen in einem Zeit-Ort-Rahmen zu verorten, bleibt ein ziemlich schaler Nachgeschmack. Bereits 2012 sagte J.R.R. Tolkiens Sohn Christopher Tolkien im Gespräch mit „Le Monde: „Kommerzialisierung reduziert die ästhetische und philosophische Tragweite dieses Werks auf ein Nichts“.

In der Amazon-Serie „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ wird die „philosophische Tragweite“ in Tolkiens Werk auf dem Altar des Zeitgeistes geopfert.


„Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“. Acht Episoden mit je 65 bis 72 Minuten.
Stoffentwicklung: Patrick McKay, John D. Payne. Auf Amazon Prime Video

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