Film & Kino

Ängste einer Frau ohne Gedächtnis

Trotz Spannung und guter Schauspieler ein eher schwacher Psychothriller „Ich. Darf. Nicht. Schlafen“. Von José García
Filmszene aus „Ich. Darf. Nicht. Schlafen“
Foto: Sony

Eine Frau in mittleren Jahren wacht auf. Sie schaut auf den Mann, der neben ihr liegt, der ihr fremd vorzukommen scheint. Im Badezimmer schaut sie sich ihre Haut an, die ihr viel zu alt erscheint. Dort hängen aber neben Memo-Zetteln Bilder ihrer Hochzeit mit eben diesem Mann. Christine Lucas (Nicole Kidman) leidet an von einem traumatischen Unfall verursachter psychogener Amnesie, die sie ihre nähere Vergangenheit vergessen lässt. Obwohl sie sich für eine alleinstehende Mittzwanzigerin hält, ist sie vierzig Jahre alt und mit Ben (Colin Firth) verheiratet. Jeden Tag muss ihr Ben aufs Neue erklären, dass sie wegen eines Verkehrsunfalls Jahre zuvor ihre Erinnerung an die Zeit nach dem Unfall verloren hat.

Nach einem scharfen Schnitt erscheint ein Zwischentitel „2 Wochen zuvor“. Nach dem Aufwachen bekommt Christine einen Anruf von Dr. Nash (Mark Strong), einem Neuropsychologen, der auf Christines Krankheit spezialisiert ist. Von ihm erhält sie die Information, dass der Auslöser ihrer psychogenen Amnesie nicht ein Autounfall, sondern ein brutaler Angriff gewesen sei. Vom Arzt bekommt sie ebenfalls eine Videokamera. Mit ihr soll sie ein Videotagebuch führen, in dem sie alles festhält, was sie jeden Tag über ihre Vergangenheit erfährt, um nicht jeden Morgen wieder von vorne anfangen zu müssen. In der Tat kommen ihr immer wieder Erinnerungsfetzen, die sich in einem Hotelzimmer abspielen und die Kameramann Ben Davis in grobkörnigen Bildern wiedergibt. Sie hört auch Kinderstimmen. Der Widerspruch zwischen der Erzählung ihres Mannes und den Erklärungen des Arztes machen Christine misstrauisch. Nach einiger Zeit gelingt es ihr, eine gute Freundin ausfindig zu machen: Claire (Anne-Marie Duff). Durch Claire erfährt sie, dass sie einen als Kind verstorbenen Sohn hatte. Aber Claire vertraut Ben nicht – was auf Gegenseitigkeit beruht. Denn ihr Mann hängt wieder die Bilder von Claire ab, die Christine aufgehängt hatte. Warum hat er ihr darüber hinaus die Existenz ihres Sohnes verschwiegen? Christines Misstrauen gegenüber Ben wächst. Auf der anderen Seite ist sie sich über Dr. Nashs Absichten nicht sicher. Welche Pläne verfolgt der Arzt? Bei Christine läuft alles auf eine Frage hinaus: Wem darf sie trauen?

„Ich. Darf. Nicht. Schlafen“ basiert auf dem gleichnamigen Debütroman von S. J. Watson „Before I Go To Sleep“ (2011), der in Deutschland unter demselben Titel wie dessen Verfilmung erschien. Das den Roman adaptierende Drehbuch stammt von Regisseur Rowan Joffé selbst. Dramaturgisch wird die Handlung von Christines Misstrauen gegenüber ihrem Mann, aber auch Dr. Nash, vorangetrieben. Spannung wird durch die sich mehrenden Erinnerungsfetzen erzeugt, die zur Rekonstruktion der Geschehnisse beitragen. Der Zuschauer wird bis zuletzt im Unklaren gelassen, ob Christines Ängste berechtigt sind oder durch die Krankheit überspitzt werden.

Über Amnesie wurden immer wieder Filme gedreht – von Mervyn LeRoys „Gefundene Jahre“ („Random Harvest“, 1942) bis Christopher Nolans „Memento“ (2000). Zwar enthält „Ich.Darf.Nicht.Schlafen“ einige Thriller-Elemente. Rowan Joffés Film ist allerdings im Unterschied zu Nolans „Memento“ eher ein Psychothriller. Bei Joffé spielen die Beziehungen zwischen Christine und Ben auf der einen, zwischen ihr und Dr. Nash auf der anderen Seite eine entscheidende Rolle. Denn durch die Aussagen des Neuropsychologen muss Christine die einzige Person in Frage stellen, der sie eigentlich vertrauen sollte. Als psychologische Studie einer Frau, die unter einem immer mehr um sich greifenden Verdacht leidet, findet „Ich.Darf.Nicht.Schlafen“ seine Vorbilder eher in Alfred Hitchcocks Filmen aus den 1940er Jahren „Rebecca“ (1940) und „Verdacht“ („Suspicion“, 1941).

Die Rückblenden sind eines der Mittel, die Rowan Joffé einsetzt, um Christines Unsicherheit in Szene zu setzen. Unterstützt von Spannung erzeugender Musik samt Tonspur kommen dazu Spiegelungen und vor allem Christines weit aufgerissene Augen, die ihre jeden Morgen beim Aufwachen von Neuem einsetzende Ratlosigkeit verdeutlichen.

Im Unterschied zu den erwähnten Klassikern leidet Joffés Film freilich an mehreren Stellen an mangelnder Plausibilität. Die guten Schauspieler machen dies aber teilweise wieder wett. Nicole Kidman drückt nicht nur Fassungslosigkeit aus. Ihre ganze Körpersprache samt brüchiger Stimme strahlt Unsicherheit, Verängstigung aus. Andererseits meistert sie die Actionszenen gekonnt. Colin Firth hält wunderbar die Balance: Zunächst erscheint er als perfekter Gentleman und hingebungsvoller Ehemann – womit er an Cary Grant im erwähnten „Verdacht“ erinnert. Im Laufe der Handlung zeigt er jedoch auch glaubwürdig andere Charakterzüge von Christines Ehemann. Mark Strong gestaltet seinen Dr. Nash als ambivalente Figur, deren Zielsetzung dem Zuschauer immer verborgen bleibt.

Dieses spannungsgeladene psychologische Dreieckspiel weicht aber gegen Ende harten Kampfszenen, die aus „Ich.Darf.Nicht.Schlafen“ eher einen blutgetränkten Actionfilm machen. Zusammen mit dem kaum damit im Zusammenhang stehenden kitschigen Ende verwässern diese Elemente den Psychothriller-Charakter, der Rowan Joffés Film über weite Strecken gekennzeichnet hatte. Aus dem Psychogramm einer verängstigten Ehefrau ist ein durchschnittlicher Actionfilm geworden.

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