Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Mythos „Rechtskatholizismus“

Zwischen Herrenreitern und Reichsromantikern

Wo liegen die historischen Ursprünge des „Rechtskatholizismus“? Zwei biografische Skizzen aus der Weimarer Republik zeigen, dass die Begrifflichkeit nicht zu Erkenntnissen führt. Rechtskatholizismus hat es im vereinheitlichenden Wortsinn nie gegeben.
Paul von Hindenburg mit Franz von Papen, ca. 1932, Deutschland, Europa *** Paul von Hindenburg with Franz von Papen, ca
Foto: IMAGO/imageBROKER/Siegfried Kuttig | Er gilt vielen als der Prototyp eines „Rechtskatholiken“: Franz von Papen (r.). Als Reichskanzler begrüßt er 1932 Reichspräsident Paul von Hindenburg (l.).

Sätze wie Donnerschläge: „Ein solcher Axtschlag ist jede Anstellung eines Universitätslehrers, dessen Forschungsfreiheit Schranken gezogen werden“, wetterte Theodor Mommsen am 15. November 1901 in einem Aufsatz für die „Münchener Neuesten Nachrichten“. Was hatte den berühmten Althistoriker, der nur wenige Monate später für seine „Römische Geschichte“ als erster Deutscher den Literaturnobelpreis erhalten sollte, zu seinem Protest bewogen?

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Opfer von Mommsens Attacke wurde ein gerade einmal 26-jähriger Privatdozent, der gegen den Willen der Fakultät auf einen Lehrstuhl für Geschichtswissenschaft in Straßburg berufen werden sollte.  Fortschrittliche“ (zumeist protestantische) Universitätskreise liefen Sturm. Martin Spahn, so der Name des Umstrittenen, verdanke seinen Posten allein Proporzgründen und, weit schlimmer, sei als Katholik einem wissenschaftsfeindlichen Dogmatismus unterworfen. Der „Fall Spahn“ wuchs sich zu einem Höhepunkt im akademischen „Kulturkampf“ aus, der durch das penetrante Misstrauen insbesondere preußischer Eliten gegenüber den „ultramontanen“, papsttreuen Katholiken befeuert wurde.

Romantisierende Vorstellung von Kirche und Reich

Dabei wies Spahn nicht nur hinsichtlich seiner erfolgreichen Universitätslaufbahn eine blütenreine Weste auf. Als Sohn eines preußischen Richters zeichnete er sich, wie der Mommsen-Biograf Jürgen Malitz vermerkt, durch eine dezidiert „liberale Einstellung“ gegenüber der katholischen Lehre aus. Im ostpreußischen Marienburg geboren und aufgewachsen, entstammte er denjenigen rheinischen Kreisen, die früh ihren Frieden mit den sonst dort eher ungeliebten Preußen geschlossen hatten.

Als borussischer Patriot bildete der katholische Glaube für Spahn zwar einen wesentlichen Bestandteil der eigenen Identität, doch hing er einer eher romantisierenden Vorstellung vom Verhältnis von Kirche und Reich an, wie er selbst regelmäßig durch die Beschwörung seiner Kindheit im Schatten der alten Ordensburg der Deutschritter bekräftigte. Das wilhelminische Deutschland, in dem er trotz des wissenschaftspolitischen Skandals um seine Person rasch Anschluss an höchste Kreise fand, stellte für ihn daher keine Bedrohung, sondern den Endpunkt der historischen Voraussetzungen des Glaubens dar.

„Reformkatholische“ Abkehr vom alten Milieudenken

Nach dem verlorenen Weltkrieg und dem Verlust Elsass-Lothringens erhielt Spahn einen Lehrstuhl an der Universität Köln. Doch der Historiker mit größeren Ambitionen geriet rasch in Opposition zur Zentrumspartei, der noch sein Vater angehört hatte. 1921 trat er der rechtsextremen DNVP bei, für die er von 1924 bis 1933 als Abgeordneter im Reichstag saß. In Berlin intensivierte er seine, wie man heute sagen würde, metapolitischen Tätigkeiten.

Besonders als Gründer und Leiter des „Politischen Kollegs“, eines Instituts mit Hochschulcharakter in Spandau, gelang es Spahn, durch großzügige Spenden industrieller Kreise um Alfred Hugenberg und Hugo Stinnes gefördert, so heterogene Stimmen des nationalistisch-rechten Lagers wie Arthur Moeller van den Bruck oder den Herausgeberkreis der Zeitschrift „Die Tat“ zusammenzuführen. Eine „reformkatholische“ Abkehr vom alten Milieudenken propagierend, versuchte er, einer Kompatibilität zwischen katholischem Lager und autoritären, antidemokratischen Positionen vorzuarbeiten.

Martin Spahn als Vater des Rechtskatholizismus?

An Spahns Wirken erinnerte sich noch der damals in Berlin studierende spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Dass dem Versuch Spahns, ebenso wie Kiesinger selbst Mitglied mehrerer katholischer Studentenvereine im „Kartellverband“ (KV), den Unvereinbarkeitsbeschluss des KV hinsichtlich einer Mitgliedschaft in der NSDAP (der Spahn noch im Sommer 1933 beitreten sollte) zu torpedieren, kein Erfolg beschieden war, wirft jedoch Fragen zur Realisierbarkeit seiner Ambitionen auf. Ebenso wenig wie vom Zentrumsrenegaten Franz von Papen ließen sich kaum Katholiken, jedenfalls nicht in ihrer Eigenschaft als Gläubige, von den reaktionären und in ständischem Dünkel schwelgenden Hirngespinsten Spahns bezirzen.

Dennoch wird Spahn, auch in der maßgeblichen Biografie von Gabriele Clemens, zum Vater einer diffusen Gedankenwelt erhoben, der man das Label des „Rechtskatholizismus“ verleiht. Dabei macht allein ein Blick in das politische Umfeld der Weimarer Zeit deutlich, dass dieser Begriff, der auch mitunter heute als Gespenst umhergeht, historisch betrachtet ein grober Unfug ist.

Nicht nur war das katholische Milieu von Natur aus fragmentiert. Kaum weniger als Spahn beanspruchte das liberale „Hochland“ die Meinungshoheit, entwickelte sich um Romano Guardini der Aufbruch der liturgischen Bewegung. Auch eine katholische Parteinahme auf Seiten der politischen Rechten hatte nur wenig mit der gängigen Trennlinie zwischen „Reformkatholiken“ und „Romtreuen“ zu tun.

Katholische Rechtfertigungen des „Reichs“ 1932

1932 gaben die „Münchener Neuesten Nachrichten“ einen weithin als Sammlung rechter Stimmen wahrgenommenen und unter anderem auch von liberalen Katholiken angegriffenen Band mit dem Titel „Was ist das Reich?“ heraus. Hier publizierte auch der 1901 – also im Jahr des „Falls Spahn“ – geborene Historiker Albert Mirgeler an der Seite so illustrer Gestalten wie dem „Volk ohne Raum“-Dichter Hans Grimm eine katholische Rechtfertigung des deutschen Anspruchs auf ein über den Nationalstaat hinausgehendes „Reich“ als angemessene politische Ordnungsform – um dieses aber zugleich gegen alle Formen „völkischer Selbstverschwendung“ als „Symbiose des deutschen Volkes mit andern Völkern“, weniger als machtpolitische Realität denn als in der Rückbindung an Gott und Papst gründende, „letzte transzendente und sakrale Quelle“ der staatlichen Autorität zu konzipieren.

Nationalismus oder Reichsgedanke?

So fremd diese Positionen heute sind, unterscheiden sie sich doch fundamental von denen Spahns: Wo dieser für die Mobilisierung katholischer Bevölkerungsteile im Sinn nationalistischer Großmachtpolitik warb, sprach Mirgeler einem „deutschen Faschismus“ jegliche produktive Wirkung ab. Der später in Aachen lehrende Historiker verurteilte einen stets zersetzend wirkenden Imperialismus, ob dieser nun von „Bolschewismus, Faschismus oder paneuropäischer Demokratie“ ausgehe.

Das Idealbild des jungen Mirgeler bestand nicht mehr, wie noch für den Liberalkatholiken Spahn, im hegemonialen Reich Bismarcks, sondern in einer „Überwölbung der fruchtbaren Spannungen“ in Europa durch einen tragfähigen Reichsgedanken, wie ihn zeitgleich etwa auch die Jünger Stefan Georges aus den Zeiten der mittelalterlichen Stauferkaiser heraus zu rekonstruieren suchten. Folgerichtig verschoben sich auch die Allianzen. Mirgeler suchte die Nähe zu Figuren wie den Brüdern Ernst und Friedrich Georg Jünger oder dem „Nationalbolschewisten“ Ernst Niekisch, die für den recht biederen Martin Spahn den lebendigen Gottseibeiuns markierten.

„Rechtskatholizismus“ hat es nicht gegeben

Der knappe Vergleich zweier Zeitgenossen mit völlig unterschiedlichen Ausgangspunkten und Stoßrichtungen macht deutlich: „Rechtskatholizismus“ hat es, kann es im vereinheitlichenden Wortsinn nicht gegeben haben und nicht geben. Er ist eine Chimäre und wie diese das Produkt einer zumeist wenig plastischen Fantasie. Ein Katholik mag sich für rechte Positionen engagieren, ein Rechter Wert auf seine Rückbindung an katholische Ansichten legen – falsch und, das musste bereits Spahn erfahren, unfruchtbar wird es immer dann, wenn Glaube als politisches Mobilisierungsinstrument missbraucht werden soll.

Doch mindestens genauso verquer verfährt eine Kritik, die durch die religiöse Existenz einer Person an die Quelle kollektiver Meinungsbildung zu rühren glaubt. „Die Welt hat er ihrem Streit gegeben“, diese Worte aus dem Buch Kohelet (3,11) sollten in allen irdischen Angelegenheiten beherzigt werden; die letzten Dinge in diesen Kampf der Meinungen hineinzuziehen, bleibt immer ein Fehler – in Spahns und Mirgelers Fall nicht weniger als in manchen heutigen kulturkämpferischen Handlungsweisen von der „anderen“ Seite.


Der Autor promoviert in Alter Geschichte und nimmt an dem Junge Autoren-Programm der „Tagespost“ teil.

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