Zum Tod Benedikts XVI.

Worte des Lichts

Inspiration fand Joseph Ratzinger sein Leben lang auch bei den Dichtern und Denkern.
Familie Ratzinger
Foto: KNA (KNA) | Schon als Schüler ein begeisterter Leser: Joseph Ratzinger (ganz links im Bild) als Elfjähriger im Kreis seiner Familie

Papst Benedikt XVI. war ein Mann des Geistes und der Worte. Mit seinen Reden und Büchern berührte er die Menschen in der ganzen Welt, in schlichter Weise konnte er die komplexen Geheimnisse des Glaubens und seines Denkens entfalten. Das war seine große Gabe.

Eine Gabe, die früh geformt und geschliffen wurde. In seiner Autobiographie „Aus meinem Leben“ (1998) erinnert sich Joseph Kardinal Ratzinger an die Lektürebegeisterung als Gymnasiast: „Die griechischen und lateinischen Klassiker begeisterten mich, auch Mathematik war mir inzwischen liebgeworden. Vor allem aber entdeckte ich nun die Literatur. Ich las hingerissen Goethe, während Schiller mir ein wenig zu moralistisch erschien, und liebte besonders die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts: Eichendorff, Mörike, Storm, Stifter, während andere wie Raabe und Kleist mir eher fremd blieben.“

Damit nicht genug. So wie sein Vorgänger auf dem Stuhl Petri, der Pole Karol Wojtyla, fühlte auch der junge Ratzinger eine poetische Berufung aufkeimen, die sich mit seinen spirituellen Neigungen verband. „Natürlich begann ich auch selber eifrig zu dichten und wandte mich mit neuer Freude den liturgischen Texten zu, die ich besser und lebendiger aus den Urtexten zu übertragen versuchte.“ Lagen hier vielleicht schon die Wurzeln für den späteren Startheologen, der an der Seite von Kardinal Frings zum eigentlichen Geist des Konzils wurde?

Beim Theologie-Studium traten natürlich andere Schriftsteller in den Vordergrund – allen voran Augustinus, über den Ratzinger promovierte („Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche“). Aber auch die Kirchenväter waren Ratzinger damals neben modernen Theologen wie Henri de Lubac wichtig. Sie prägten ihn. Weshalb es nicht überrascht, dass Benedikt XVI. am Beginn seines Pontifikats stets und stetig auf diese Lehrer der frühen Kirche zu sprechen kam. Er betrachtete sie – darin dem von ihm ebenso verehrten Kardinal John Henry Newman nicht unähnlich – als „die wahren Sterne, die aus der Ferne strahlen“.

Und wohl auch als Brückenköpfe zu den orthodoxen Teilkirchen. Ein gemeinsames Erbe verpflichtet. Die tiefere zeitgeschichtliche Ursache für Ratzingers Faible für diese Art von Tradition hat der Zisterziensermönch Justinus Pech gut beschrieben: „Wie es damals die Umbruchsituation war, die die Kirchenväter herausgefordert hat, so sind es heute die Infragestellung des Menschen als Person, der Zweifel an der Wahrheitsfähigkeit des Menschen und am moralischen Sittengesetz.“ (Die Bedeutung der Kirchenväter für den theologischen Ansatz von Papst Benedikt XVI., 2011)

Botho Strauß nennt Ratzinger Nietzsche unserer Zeit

Doch Umbruchsituationen spiegeln sich immer auch in der Literatur wider. So überrascht es nicht, dass Kardinal Ratzinger als „der Nietzsche unserer Zeit“, wie Botho Strauß ihn nannte, auch moderne Schriftsteller immer wieder gewürdigt und zitiert hat. Zum Teil mit der Absicht der Distanzierung.
Das erste Zitat in seiner ersten Enzyklika „Deus Caritas est“ ist dem echten Nietzsche geschuldet. Benedikt XVI. bezieht sich auf „Jenseits von Gut und Böse“, wenn er schreibt: „Das Christentum — meinte Friedrich Nietzsche — habe dem Eros Gift zu trinken gegeben; er sei zwar nicht daran gestorben, aber zum Laster entartet. Damit drückte der deutsche Philosoph ein weit verbreitetes Empfinden aus: Vergällt uns die Kirche mit ihren Geboten und Verboten nicht das Schönste im Leben? Stellt sie nicht gerade da Verbotstafeln auf, wo uns die vom Schöpfer zugedachte Freude ein Glück anbietet, das uns etwas vom Geschmack des Göttlichen spüren lässt?“ Benedikt widerspricht natürlich, so wie er auch in den antiken, von Vergil („Omnia vincit Amor“) gepriesenen Fruchtbarkeitskulten das Böse sieht.

Im Jahr 2007 überraschte Benedikt XVI. den Buchmarkt mit dem ersten Teil seiner „Jesus von Nazareth“-Trilogie. Der Platz eins auf der Spiegel-Bestsellerliste war ihm sicher. In dem ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit verfassten Werk tut sich auch ein literarischer Resonanzraum auf, wenn der deutsche Papst den russischen Philosophen Michail Solowjew und dessen „Kurze Erzählung vom Antichristen“ erwähnt, um Theologen „mit der Gebärde hoher Wissenschaftlichkeit“ in die Nähe des „Antichrist“ zu rücken.

Ein etwas aus der Mode gekommener Begriff, der aber auch in der im selben Jahr veröffentlichten, zweiten Enzyklika („Spe salvi“) des deutschen Ex-Papstes auftauchte. Ausgerechnet in einem Immanuel Kant-Zitat, was Benedikts Weite und Belesenheit unterstreicht. „1794, in der Schrift über „Das Ende aller Dinge“, erscheint ein verändertes Bild. Kant erwägt nun die Möglichkeit, daß neben dem natürlichen auch ein widernatürliches, ein verkehrtes Ende aller Dinge eintreten könne. Darüber schreibt er: ,Sollte es mit dem Christentum einmal dahin kommen, daß es aufhörte, liebenswürdig zu sein [...]: so müßte [...] eine Abneigung und Widersetzlichkeit gegen dasselbe die herrschende Denkart der Menschen werden; und der Antichrist [...] würde sein (vermutlich auf Furcht und Eigennutz gegründetes) obzwar kurzes Regiment anfangen: alsdann aber, weil das Christentum allgemeine Weltreligion zu sein zwar bestimmt, aber es zu werden von dem Schicksal nicht begünstigt sein würde, das (verkehrte) Ende aller Dinge in moralischer Rücksicht eintreten?“

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Lieferte Benson die Vorlage für sein politisches Denken?

Stimmt es, dass schon zu Beginn der 1990er Jahre Kardinal Ratzinger in dem Roman „Der Herr der Welt“ von Robert Hugh Benson Ähnlichkeiten zur damaligen politischen Weltpolitik witterte und eine zur Romanhandlung vergleichbare Transformation hin zu einer homogenen globalen Zivilisation in der Realität befürchtete? In der Sozial-Enzyklika „Caritas in Veritate“ (2009) griff Benedikt XVI. zitierend jedenfalls nicht auf schöngeistige Dichter oder dystopische Schriftsteller zurück, sondern auf eigene, frühere Worte, sowie die Verlautbarungen anderer Päpste und die Konzilstexte. Dafür sollte in der letzten, mit Papst Franziskus vierhändig gespielten Enzyklika „Lumen fidei“ (2013) noch einmal ein Potpourri der Poesie und Philosophie auftauchen. „Der junge Nietzsche forderte seine Schwester Elisabeth auf zu wagen, ,in der Unsicherheit des selbständigen Gehens‘ ,neue Wege‘ zu beschreiten. Und er fügte hinzu: ,Hier scheiden sich nun die Wege der Menschheit; willst du Seelenruhe und Glück erstreben, nun so glaube, willst du ein Jünger der Wahrheit sein, so forsche‘. Glauben stehe dem Suchen entgegen. Davon ausgehend entwickelte Nietzsche dann seine Kritik am Christentum, die Reichweite des menschlichen Seins verringert zu haben, indem es dem Leben Neuheit und Abenteuer genommen habe. Demnach wäre der Glaube gleichsam eine Licht-Illusion, die unseren Weg als freie Menschen in die Zukunft behindert.“

Es folgt ein Ausflug ins Mittelalter – zu einem katholischen Literatur-Klassiker: „Nachdem Dante in der Göttlichen Komödie vor dem heiligen Petrus seinen Glauben bekannt hat, beschreibt er ihn mit den Worten: ,Dies ist der Funke, dies der Glut Beginn / die dann lebendig in mir aufgestiegen / der Stern, von welchem ich erleuchtet bin‘.“

Viel Licht, viel Leuchten. Schließlich wird auch der wahrscheinlich größte russische Schriftsteller aller Zeiten mit päpstlicher Erwähnung geadelt: „F. M. Dostojewski lässt in seinem Werk Der Idiot den Protagonisten, den Fürsten Myschkin, beim Anblick des Gemäldes des toten Christus im Grab von Hans Holbein dem Jüngeren sagen: ,Aber beim Anblick dieses Bildes kann ja mancher Mensch seinen Glauben verlieren‘. Das Gemälde stellt nämlich auf sehr drastische Weise die zerstörende Wirkung des Todes auf den Leichnam Christi dar. Und doch wird gerade in der Betrachtung des Todes Jesu der Glaube gestärkt und empfängt ein strahlendes Licht, wenn er sich als ein Glaube an Jesu unerschütterliche Liebe zu uns erweist, die fähig ist, in den Tod zu gehen, um uns zu retten.“

Wenn Glaube schwindet, schwindet das Leben

Nach einer Watsche für Philosoph Ludwig Wittgenstein („Glauben ist seiner Meinung nach ähnlich wie die Erfahrung des Verliebtseins im Sinne von etwas Subjektivem, das nicht als eine für alle gültige Wahrheit aufgestellt werden kann“) wird aus dem Festspiel „The Rock“ (Der Fels) zitiert, welches die religiöse Umbruchssituation der Moderne passend behandelt. So schreibt Benedikt unter dem Decknamen Franziskus: „Wenn der Glaube schwindet, besteht die Gefahr, dass auch die Grundlagen des Lebens dahinschwinden, wie der Dichter T. S. Eliot mahnte: ,Muss man euch denn sagen, dass sogar so bescheidene Errungenschaften, mit denen ihr angeben könnt nach Art einer gesitteten Gesellschaft, kaum den Glauben überleben werden, dem sie ihre Bedeutung schulden?‘“ Der verstorbene und nun in Ewigkeit emeritierte Papst Benedikt XVI. interessierte sich ein Leben lang für Literatur, und er schuf dank einer Begabung zur geschliffenen Formulierung selbst so etwas wie ein literarisches Werk. Ob Illusion oder Wahrheit steht für Katholiken nicht zur Debatte.

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