Kolumne "Nichts Neues"

Wo es sich gut leben lässt, da sei das Vaterland

Was tun, wenn sich der Westeuropäer wegen Cancel-Culture und der Umdeutung existenzieller Grundbegriffe „in seiner Stadt wie ein Fremder“ (Cicero) vorkommt?
Gehöft
Foto: IMAGO/W. Pattyn (www.imago-images.de) | Viele denken an das Auswandern, um der Unkultur einer woken Generation zu entkommen - zum Beispiel auf einen bretonischen Bauernhof.

Er geht Jahrtausende zurück, der Spruch „ubi bene ibi patria“ („Wo es sich gut leben lässt, da sei das Vaterland“), und doch ist er so aktuell wie nie zuvor. Man wird wohl zunächst an jene Millionen Menschen denken, die, von Krieg, Verfolgung, Hunger, Armut oder einfach Abenteuerlust getrieben, den beschwerlichen Weg aus Afrika, dem Nahen Osten oder Lateinamerika in den „Westen“ auf sich nehmen, um bessere Daseinsbedingungen zu finden – teils mit Erfolg (für sich wie die Gastgeber), teils aber auch mit dem Resultat, viele jener Probleme, vor denen sie flüchteten, nun in das Gastland zu überführen.

Schon immer haben Menschen ihre Heimat verlassen, um anderswo ein besseres Leben aufzubauen: Von der altgriechischen über die indische und chinesische bis hin zur mittelalterlichen europäischen Kolonisation hat die Liebe zur Heimat immer weniger Bedeutung gehabt als der Wunsch nach besseren Lebensbedingungen im Hier und Heute für die eigene Familie – wobei die Selbstverständlichkeit dieses Wunsches noch lange nicht einen Anspruch auf seine Realisierung bedeutet, steht er doch dem ebenso großen Recht der Ureinwohner auf Bewahrung des Eigenen gegenüber.

„Bleibt also nur noch die Binnenmigration, und so erstaunt kaum,
dass so mancher sich mit Gedanken an die Bergtäler der Faröer,
verlassene süditalienische Dörfer oder bretonische Bauernhöfe trägt:
immer in der Hoffnung, zwar dem unmittelbaren Anblick der Misere zu entgehen“

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Heute nun erleben wir eine ganz neue Spielart jener Problematik: das wachsende Unbehagen vieler Westeuropäer mit dem gegenwärtigen Zustand ihrer Zivilisation, das sie zunehmend in die Ferne treibt – nicht etwa, weil sie sich eine unmittelbare Verbesserung ihrer materiellen Lebensumstände erhoffen (oft ist das Gegenteil der Fall), sondern vielmehr, weil sie sich in der eigenen Heimat nicht mehr zu Hause fühlen. Als ob man ihnen gewissermaßen den Boden unter den Füßen wegzöge, haben in kürzester Zeit existenzielle Grundbegriffe wie Christentum, Familie, Nation oder Abendland radikal ihre Bedeutung verändert, ja im Rahmen der fortschreitenden Cancel-Culture sogar ganz verloren, und der Europäer findet sich unversehens, wie Cicero es in ganz ähnlicher Lage schrieb, „in seiner eigenen Stadt wie ein Fremder“ wieder.

Doch während der Westen das Verheißene Land für Millionen von Menschen geworden ist, muss den heimatlos gewordenen Abendländer die Verzweiflung packen. Eine Emigration nach China oder Russland käme einer Absage an die Freiheit gleich; Indien, der Nahen Osten oder Afrika, ja selbst Lateinamerika implizieren neben dem kulturellen Bruch gewaltige wirtschaftliche und soziale Risiken, und nach Nordamerika oder dem angelsächsischen Pazifik zu ziehen hieße, vom Regen in die Traufe zu geraten.

Entfliehen und dennoch mit dem Erbe verbunden bleiben

Bleibt also nur noch die Binnenmigration, und so erstaunt kaum, dass so mancher sich mit Gedanken an die Bergtäler der Faröer, verlassene süditalienische Dörfer oder bretonische Bauernhöfe trägt: immer in der Hoffnung, zwar dem unmittelbaren Anblick der Misere zu entgehen, gleichzeitig aber doch nicht ganz die Verbindung zu seinem Erbe aufzugeben und vielmehr sichere Rückzugsräume zu schaffen, um den tentakulären und zunehmend intoleranten „safe spaces“ der woken Generation zu entgehen. Ist dies Eskapismus? Das mag sein.

Aber ohne den in solchen Rückzugsräumen vorbereiteten griechisch-römischen, altchinesischen oder iranischen Antiquarianismus hätte es kein Principat, kein Han-Kaisertum und keine sasanidische Restauration gegeben – und ohne die verbissenen Kulturpatrioten der Spätantike, der Zeit der großen Barbarenverschwörung oder der islamischen Eroberung des Iran keine spätere Renaissance der antiken, altchinesischen oder zoroastrischen Literatur.

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