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Wiedersehen in Tel Aviv

100 Jahre Bauhaus Dessau führen auch nach Israel. Dort findet sich das größte zusammenhängende Ensemble von Bauhaus-Architektur weltweit.
Bauhaus-Eindrücke aus Dessau und Tel-Aviv.
Foto: Brinker, Adobe Stock | Bauhaus-Eindrücke aus Dessau und Tel-Aviv.

Für lebendiges Bauhaus-Feeling muss man sehr weit fahren. Am besten, man fliegt. Denn in der israelischen Küstenmetropole Tel Aviv, Sitz vieler Botschaften, Verwaltungseinrichtungen und Touristenhotels am stimmungsvollen Strand, finden sich weltweit die meisten Bauwerke im Bauhaus-Stil. Der Grund ist voller Tragik, gleichzeitig voller Trost und Hoffnung: Vor dem Hitler-Regime flohen zahlreiche Architekten nach Palästina, die dann das junge Tel Aviv entscheidend prägten und die „Weiße Stadt“ erbauten. Heute wirkt das Ensemble wie ein trotziges Zeichen des Widerstands, des Willens zu überleben und der Überzeugung: Es gibt eine bessere Welt – und man kann sie bauen. Das weltweit größte Ensemble von Bauten des sogenannten Internationalen Stils, seit 2003 UNESCO-Welterbe, ist ein Touristenmagnet. Die Kapazitäten der zahlreichen Führungen reichen kaum aus, weshalb die Kopfhörer-Tour immer populärer wird: Unabhängig von geführten Gruppen stromert man durch die Stadt und macht hier und da Halt. Sogar Cafés und Restaurants für die Lunchpause werden empfohlen.

4 .000 Häuser im Bauhaus-Stil

Zu sehen sind typische Wohnhäuser der 1930er-Jahre, errichtet meist von Architekten, die am Bauhaus von Gropius oder bei Mendelsohn und Le Corbusier gelernt hatten und nach 1933 emigrierten. Das Besondere: Diese Häuser sind keine Museen oder gar Gedenkorte, nein, hier wird gelebt wie in einer ganz normalen Stadt. Und hier wird weitergebaut: Um den Bestand von rund 4. 000 Häusern zu erhalten, wählte man eine denkmalschützerisch geschmeidige Lösung und erlaubte Aufstockungen und Erweiterungen. Ein kleiner Teil der Häuser ist davon ausgenommen; die Besitzer werden für ihren konservatorischen Tribut entschädigt. So ist vielleicht nicht mehr alles im Originalzustand erhalten, aber die Häuser leben und sind Teil der quirligen, internationalen Metropole, die als liberalster Ort des Nahen Ostens ein beliebtes Urlaubsziel zum Beispiel queerer Touristen aus Deutschland geworden ist. Propalästinensische Haltungen und antijüdisch-diskriminierende Positionen einerseits und Strandurlaub in Tel Aviv mit Airbnb in der Bauhaus-Wohnung andererseits: ein Widerspruch, der nur selten thematisiert wird.

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Die Bauhäuser sind leicht zu erkennen: Viele sind aufgeständert, das Erdgeschoss ist quasi ein offener, schattiger Raum, unter dem die Meeresbrise hindurchstreichen und das darüberliegende Geschoss kühlen kann – denn die mediterrane Wärme ist hier ein größeres Problem als die Kälte. Die zugebauten Balkone der Häuser mit Innenhöfen sind nur scheinbar ein Widerspruch im Kampf gegen die Hitze: Waren die vorkragenden offenen Kuben als sogenannte Schattenbalkone einerseits ein Freisitz, so bildeten sie andererseits für die darunterliegenden Wohnungen eine gebaute Abschirmung gegen die Sonneneinstrahlung. Als dann Klimaanlagen erschwinglich wurden, verwandelten viele Bewohner die Schattenbalkone in zusätzliche Innenräume. Damit wurde das konstruktive Klimamanagement, so simpel wie ressourcenschonend von genialen Architekten erdacht und umgesetzt, durch stromfressende und oft geräuschvolle Geräte ersetzt. Große Fensterflächen spielen hier keine Rolle, man möchte die Sonne nicht auch noch ins Haus einladen. In den heißen Nächten ist mitunter das luftige Dach der Platz, an dem man es am besten aushalten kann. Dieser orientalischen Tradition folgend und nah an den kubischen Formen der Bauhaus-Philosophie sind die Dächer häufig offener Wohnraum für lange Abende oder auch mal Partyzone und Nachtlager. Die Häuser sind, wie bereits beschrieben, Gebrauchsarchitektur. Seeluft und Sonne, Wind und Temperatursprünge setzen den Fassaden zu. Fenster, Türen, Zargen und Verglasungen wie auch andere Ausbauelemente wirken sympathisch „shabby chic“ – die alten Gebäude sind überraschend patinafähig, wenn man hier und da ein Auge zudrückt.

Sonnige Aussichten in Dessau

Vergleicht man die Tel-Aviv-Architektur der „Weißen Stadt“ in den vielen Straßen zwischen Rothschild-Boulevard, Dizengoff und Ben-Gurion-Boulevard mit den ursprünglichen Bauhaus-Objekten dort, wo sie erfunden wurden, dann springen die Unterschiede sofort ins Auge. Weite Fensterflächen sorgen für helle Räumlichkeiten, offene Balkone bieten einen Freisitz, wenn Frühling und Sommer nach draußen einladen. Das eigentliche Bauhausgebäude in Dessau, von Gropius entworfen und 1926 fertiggestellt, präsentiert beim Blick auf den Werkstattflügel die gläserne Vorhangfassade und dahinter das fünfgeschossige Atelierhaus, das sogenannte Prellerhaus, mit den erwähnten charakteristischen Balkonen. Preller – war das nicht der romantische Landschaftsmaler aus Weimar? Tatsächlich ist es nach Friedrich Preller dem Älteren benannt: Nach ihm hieß bereits das Atelierhaus der Weimarer Kunstschule, in dem er einst sein Atelier hatte und in dem später die Bauhäusler wohnten und arbeiteten. Der Name ist ein thüringisches Mitbringsel.

Das Äußere und das Innere sind im Bauhaus immer ganzheitlich gedacht und entwickelt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Bedienung der Fensteröffnung: Die großen Stahl-Glas-Fassaden mit mechanischer Betätigung werden über ein Handrad gesteuert, das einen Kurbelmechanismus in Gang setzt. Ganze Fensterbahnen können dadurch gleichzeitig gekippt werden. Wenn es dunkel wird, ersetzt ein künstlicher Leuchtkörper die Sonne: Die Opalglas-Kugeln an Metallstäben mit der typischen Deckenrosette im Bauhausgebäude gehen auf Entwürfe der Metallwerkstatt zurück, an denen neben Max Krajewski auch Marianne Brandt beteiligt war.

Stoffliche Macht der Frauen

Überhaupt, das weibliche Bauhaus: Der Dokumentarfilm „Bauhausfrauen“ und die populärgeschichtliche ARD-Verfilmung „Lotte am Bauhaus“ zeigen eindrucksvoll, wie die kulturhistorisch bedeutsame Rolle der Frauen erst sehr spät, viel zu spät, gewürdigt wurde. Sie entwarfen Teppiche und Stoffdesigns, entwickelten Gebrauchsporzellan und Möbelideen – aber eben nicht nur. Die Leiterin der Weberei, Gunta Stölzl, die Textildesignerin Anni Albers, die Fotografin Lucia Moholy oder die schon erwähnte Marianne Brandt – sie sind heute große Namen. Der uneingeschränkte Chef von allem, Walter Gropius, war ein Charmeur mit bewegtem Liebesleben, und seine Gleichberechtigungsrhetorik bekam schnell Risse. Übergriffe auf Studentinnen allerdings sind nicht dokumentiert. Das Gropius-Büro wäre auch heute noch ein reizvoller Chefplatz: Der repräsentative Schreibtisch mit Regalanbau und historischem Telefon weckt immer noch Bewunderung, der kubische Sessel F51, von Gropius selbst erdacht, könnte für ein erfolgreiches Bewerbungsgespräch taugen, und der Stahlrohrstuhl nach Marcel Breuer würde auf Design-Auktionen Höchstpreise erzielen. Auch die vernickelten Türdrücker in warmem Silberton hat Gropius entworfen, gemeinsam mit seinem Büropartner Adolf Meyer. Noch heute werden sie in der Egge-Stadt Brakel in Ostwestfalen produziert: als Modell FSB 1102 – keine originalgetreue Replik, sondern ein von Alessandro Mendini überarbeitetes Redesign, erhältlich in Edelstahl, Messing, Bronze und Aluminium.

Diese Beispiele zeigen: Bauhaus ist bei Weitem nicht nur ein Thema für Architekturhistoriker und Designfetischisten, sondern ein bis heute gefeiertes und verbautes Angebot für qualitäts- und stilbewusste Menschen. Bauhaus verbindet international, auch über schwierige Beziehungen hinweg – zum Beispiel von Dessau in Sachsen-Anhalt nach Tel Aviv in Israel.

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