Tagesposting

Wie wird das das Fasten in Zukunft sein?

Lebensumstände wandeln sich, Techniken, von den man vor 50 Jahren noch nicht mal träumte, halten Einzug in den Alltag. Aber sie bestimmen ihn häufig auch. Da ein bewussterer Umgang zum Gewinn werden.
Online-Fasten
Foto: Sven Hoppe (dpa) | Weniger ist manchmal mehr: Eine Frau schaltet ihr Smartphone aus. Seht so das Fasten der Zukunft aus? Der bewusste Verzicht auf digitale Kommunikation und Verfügbarkeit?

Gestern habe ich mit meinem Handy einen Sonnenuntergang fotografiert. Ich hätte auch gar nicht anders gekonnt. Denn in exakt dem Augenblick, als mein Auto den höchsten Punkt des Weges erreicht hatte, ging die Sonne unter. Ein unwiderstehlicher Anblick. Vor mir breitete sich das Berg-Panorama des südlichen Schwarzwalds aus – und über der nahen Schweiz die große orangerote Kugel aus Licht. Als ich das Foto nachher betrachtete, musste ich laut auflachen.

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Denn wenige Tage zuvor hatte ich das Display meines Smartphones auf Schwarzweiß umgestellt. Dies ist eine der Maßnahmen, die ich mir für den Anfang des Jahres selbst verordnet habe. Zusammen mit einer 4-wöchigen Abstinenz von Social Media. Das Posten von Bildern, Vorträgen und Texten gehört seit Jahren fest zu meiner täglichen Routine, es ist Teil meiner Arbeit. Umso schwerer fällt es mir, die Freizeit davon frei zu halten.

„die Social-Media-Apps sind von meinem Handy gelöscht,
sodass ich automatisch weniger oft auf den Bildschirm blicke.
Ein bisschen mehr Langeweile in meinem Leben,
aber dadurch auch ein bisschen mehr Langsamkeit“

Auch das beinhaltet die neue Konstellation von Kreativität und Entspannung im digitalen Zeitalter: den Arbeitsplatz kann man nicht ohne weiteres absperren und nach Hause gehen. Denn wir nehmen ihn überall hin mit: in unserer Hosentasche. Das Problem: dadurch ist der Alarmzustand immer nur eine SMS, einen Anruf und eine Mail entfernt. Wer hält es denn wirklich aus, nicht nachzusehen, wenn dieses Ding piept, vibriert oder eine rote Zahl aufleuchtet?

Doch auch das positive Gegenteil gibt es. Mit dem Smartphone ist die nächste willkommene Ablenkung immer nur einen Griff entfernt. Eine spannende Information, die man sonst verpassen könnte, die jüngste Zerwürfnisse im englischen Königshaus, zum Beispiel. Jedes Auffinden einer neuen Information, jede Kontaktnahme, jedes Aufblinken verpasst dem Gehirn eine kleine Dosis des Motivationshormons Dopamin.

Ein gesunder Umgang ist wichtig

Das Kritische daran ist die Gewöhnung, die dadurch auf neuronaler Ebene entsteht. Die Sucht nach der nächsten Ablenkung. Obwohl wir erschöpft und müde sind, suchen wir uns die neuen Informationen, unter denen wir eigentlich leiden. Innerer Lärm, den wir freiwillig in unser Leben holen. Bevor all dies zu sehr nach kulturpessimistischem Lamento klingt: die Digitalisierung hat gewaltige Vorteile. Und sie wird unser Leben ohnehin immer weiter prägen. Umso wichtiger aber ist das Erlernen eines gesunden Umgangs damit. Ich glaube, dass digitale Abstinenz das Fasten der Zukunft ist. Wir sollten es einüben und bereits unsere Kinder lehren. Oder anders herum. Tatsächlich habe ich den Trick mit den Graustufen von meiner Tochter gelernt, die ihrem Gehirn auf diese Weise ein bisschen weniger Dopamin zukommen lässt (denn farbige und bewegte Bilder fesseln uns mehr als graue).

Wirklich Spaß macht das nicht. Die Nachrichten auf Schwarz-weiß lesen. Und die Social-Media-Apps sind von meinem Handy gelöscht, sodass ich automatisch weniger oft auf den Bildschirm blicke. Ein bisschen mehr Langeweile in meinem Leben, aber dadurch auch ein bisschen mehr Langsamkeit. Ich merke, dass mir diese Tage gut tun. Auch dieses Jahr werde ich das Mobiltelefon nicht mit in den Urlaub nehmen. Echte Sonnenuntergänge gibt es nur in der Realität. Genau so wie Gerüche, Berührungen und echte Begegnung. Auf einmal kommt mir die Welt wieder farbiger vor.

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