In einem Morgenimpuls im Südwestdeutschen Rundfunk widmete sich der ehemalige Caritas-Direktor Mario Junglas unlängst dem Phänomen der Hinwendung Jugendlicher und junger Erwachsener zum christlichen Glauben und zur Kirche – einer Bewegung, die sich in einer von Jahr zu Jahr wachsenden Zahl von Erwachsenentaufen niederschlägt: Im Erzbistum Berlin etwa war diese Zahl 2025 mehr als doppelt so hoch wie noch 2022. „Vielleicht bahnt sich da ein Wandel an“, meint Junglas – beschreibt diesen Wandel aber vorrangig als Verschiebung des Taufalters: „Die Kleinkindtaufen nehmen ab, die Taufen von Schulkindern und Erwachsenen nehmen ganz langsam, aber stetig zu.“
So richtig es ist, dass es in den Großkirchen gar nicht so viele Erwachsenentaufen geben könnte, wenn die betreffenden Personen alle schon als Kinder getauft worden wären, weist die – etwa auch von dem Soziologen Edgar Wunder vertretene – Deutung der zunehmenden Erwachsenentaufen als lediglich „nachgeholte Kindertaufen“ doch auf ein eigentümliches Bedürfnis hin, ein Phänomen kleinzureden, das die religionssoziologische Grundannahme einer unaufhaltsamen und unumkehrbaren Säkularisierung infrage stellt. So war jüngst bis in kirchliche Kreise hinein geradezu Erleichterung zu spüren, als der „Quiet Revival Report“ der British Bible Society wegen methodischer Mängel in der Datenerfassung zurückgezogen wurde – als genügten ein paar Formfehler, um das ganze Phänomen wegzuerklären.
Das Gewicht der Lager verschiebt sich
Vor diesem Hintergrund hat es schon etwas Rührendes, wie Mario Junglas einem religiös liberalen Publikum das „Quiet Revival“ schmackhaft und verdaulich zu machen sucht: Dieser Trend, so meint er, „passt in unsere Zeit. Wir wollen ja, dass Menschen existenzielle Entscheidungen bewusst und informiert treffen.“ Weiterhin bemerkt er, es handle sich nicht um ein „Massenphänomen“, und das ist sicherlich richtig. Dennoch ist die Dynamik, die das „Quiet Revival“ an der Basis der Kirche entfalten könnte, nicht zu unterschätzen. Maria Hinsenkamp diagnostiziert in ihrer Dissertation „Visionen eines neuen Christentums“ einen Richtungsstreit zwischen jenen, die die Kirche als „eine möglichst in die Breite der Gesellschaft anschlussfähige Institution“ sehen wollen, „die nach innen und außen eine große Ambiguitäts- und Pluralitätstoleranz aufweist“, und den Verfechtern einer „missionarisch ausgerichteten, klar bekenntnis- und bekehrungsorientierten Kirche“. Es liegt auf der Hand, dass die Kirche vorrangig im erstgenannten Lager Mitglieder verliert – während die letztere Gruppe Zuwachs aus der „Generation Z“ erfährt. So berichtet ein Berliner Seelsorger, die erwachsenen Taufbewerber in seiner Pfarrei seien typischerweise junge Leute, die „schon die Bibel gelesen haben, sich bei YouTube über den katholischen Glauben gebildet haben und sich im Katechismus auskennen“. Den Pfarrgemeinden wird die Aufgabe zukommen, diesen Menschen ein Umfeld zu bieten, in dem sie ihren Glauben leben können. Inwieweit sie dieser Aufgabe gewachsen sind, wird sich noch zeigen müssen.
Der promovierte Autor aus Berlin ist Publizist und Blogger.
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