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Wem nützt Beten?

Mit dem Gebet verbinden wir uns mit der Gemeinschaft aller Gläubigen über Zeit und Raum hinweg. Es ist unsere direkteste Möglichkeit, mit dem Schöpfer in direkten Kontakt zu treten. Dennoch gibt es da Anfragen.
Mann entzündet eine Votivkerze
Foto: imageBROKER/Bildverlag Bahnmüller, mago-images. | Ein Mann entzündet eine Votivkerze, Andachtskerzen, Kirche Notre Dame, Saint-Jean-Pied-de-Port, Jakobsweg. Er bewegt sich mit seinen Anliegen in die Schar aller Beter - egal wann und wo gebetet wird und wurde.

Die Frage brachte den Bischof kurz in Verlegenheit. Die einfachsten Fragen sind manchmal die schwersten. Warum will Gott, dass wir ihn anbeten? Schließlich könne es dem Allmächtigen doch egal sein, ob wir Ihm die Ehre erweisen. Die Antwort des Bischofs: „Er will es, weil er weiß, dass es gut für dich und dein Seelenheil ist. Aus Liebe und Fürsorge.“ Dieser Dialog – bei Exzerzitien angehender Malteser-Ritter in Ehreshoven – liegt Jahre zurück, aber er ging mir nie aus dem Kopf. Ich fand die Antwort klug. Ganz verstanden habe ich sie nie.

„Ich fand Gebete, die um etwas sehr Konkretes bitten
(„Lieber Gott, mach …“) immer leicht suspekt“

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Bis jetzt. Meine Mutter, sie ist 91 Jahre alt, ist in ihrer Wohnung gestürzt und liegt in München auf der Intensivstation. Das hat mich neu beten gelernt. Ich fand Gebete, die um etwas sehr Konkretes bitten („Lieber Gott, mach …“) immer leicht suspekt. Erstens, dachte ich, hat der Boss im Moment sicher Wichtigeres zu tun, zweitens fand ich, haben solche Gebete – zumal wenn es um Wetter und Ernte geht – etwas aufreizend Archaisches, um nicht zu sagen, Vorchristlich-Heidnisches und drittens, überhaupt, heißt es nicht „Dein Wille geschehe“ und „Mir geschehe nach Deinem Wort“?

Mir war immer klar, dass ich die Sache nicht durchblicke. Würde man jedes Bittgebet so beginnen, dass man erstmal ein, „Dein Wille geschehe“ voranstellt, um dann anzufügen, „aber wenn es Dir gefällt, bitte mach, dass XY wieder gesund wird“, würde man's ja erst recht ins Absurde drehen. Als ob Gott je Gefallen an Krankheit, Tod (oder Hagel und Sturm) finden könnte! Jetzt aber, als ich in einer Kirche in Ostwestfalen kniete und für Mami betete, wurde mir etwas klar, das ich leider nur stammelnd wiedergeben kann, weil es nur eine bruchsekundenhafte Erkenntnis war und solche Momente der Luzidität ja leider flüchtig sind. Die Kirche in der ich saß, ist fast 1000 Jahre alt. Unzählige Male habe ich schon Liturgien in dieser Kirche erlebt. Immer mit meiner Mutter (ihre Schwester lebte hier). Diesmal war die Kirche leer. Aber während ich betete, schien mir ganz offenbar, dass die Worte, die ich hier flüstere, in gewisser Weise gar nicht von mir allein gesprochen werden, sondern von allen, die hier gebetet haben und beten werden.

Kommunikation mit der Lebenskraft schlechthin

Beten, das war plötzlich evident, setzt Zeit und Raum außer Kraft! Und wenn das so ist, ist Beten das Klügste und Raffinierteste, das ein Mensch überhaupt tun kann. Zumal man ja mit einer Kraft in Verbindung tritt, ohne die nichts leben kann. Man befindet sich in Kommunikation mit der Lebenskraft schlechthin, ohne die kein Herz schlagen, kein Grashalm wachsen, keine Zelle sich teilen und immer wieder teilen könnte. So etwas nicht zu praktizieren, schien mir auf einmal schlichtweg dumm und fahrlässig. Dümmer noch als sein Handy nicht aufzuladen und sich dann zu wundern, dass es nicht funktioniert. Wenn das Gebet also die Gesetze von Zeit und Raum und sämtliche anderen Gesetze außer Kraft setzt, mit denen wir vertraut sind, ist dies der einzige Ort, an dem es sinnvoll ist, seine innigsten Wünsche zu platzieren. Was ich eigentlich sagen will: Danke, Mami, dass Du mir das Beten neu beigebracht hast. Und das vom Klinikbett aus. Ohne ein Wort zu sagen. Und über 500 Kilometer hinweg. Du bist die Beste!

 

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