Die preisgekrönte Netflix-Serie „Adolescence“ mutet dem Zuschauer einiges zu. Hier begeht ein Teenager einen Mord an seiner Mitschülerin und die Eltern verstehen die Welt nicht mehr. Die bedrückende Serie lässt die meisten Fragen offen. Eine davon ist, welche männlichen Rollenbilder es heute gibt. Auf der einen Seite ist es die „Manosphere“, in der Gestalten wie Andrew Tate ihre Muskeln und ihren Reichtum zur Schau stellen und Frauen wie Objekte behandeln. Szenenwechsel: Findet irgendwo ein besonders krasses Gewaltdelikt statt, lassen die Stimmen nicht lange auf sich warten, die diagnostizieren, „Männlichkeit“ sei das Problem. Googelt man „Männer sind das Problem“, findet man sofort eine Unmenge von Artikeln und Zitaten mit genau dieser Aussage. Abschaffung des Mannes oder toxischer Macho? Keines von beidem kann die Lösung sein. Wenn sich diese Scheinalternative stellt, lohnt die Erinnerung an ein mittelalterliches Ideal von Männlichkeit, das tatsächlich unsere ganze Kultur prägte: der Gentleman. Dahinter: die höfischen Tugenden (daher der Begriff „Höflichkeit“) eines Mannes, der weder schwach noch rüpelig ist.
Kein Ritter ohne Ritterlichkeit
Wie kam es dazu? Hatte ein Kämpfer sich am Schlachtfeld bewiesen und genoss er nun Zugang zum Hof, begegnete er dort ganz anderen Situationen als dem bewaffneten Zweikampf. Hier gibt es Frauen, hier gibt es Kinder, hier gibt es gutes Essen, Musik, Geistliche und andere Würdenträger. Nun zählen andere Qualitäten. Neben den Kämpfertugenden wie Kühnheit, Durchhaltevermögen und körperliche Kraft werden nun bestimmte neue Tugenden wichtig: milte, staete, triuwe, diemuot und mâze heißen sie auf Mittelhochdeutsch. Sie charakterisieren den edlen Mann, den Gentleman: Güte, Beständigkeit, Treue, Demut und das Maßhalten. Kein Gentleman ist, wem diese fehlen. Dessen Wort nichts gilt, der prahlt, sich in den Vordergrund spielt, sich vordrängt und unmäßig ist. Der deutsch-italienische Philosoph und Theologe Romano Guardini (+1968) setzte dem Gentleman ein literarisches Denkmal, als er schrieb:
„... er sei einer, auf den Verlass sei. Von dem man wisse, wie er sich in bestimmten Situationen benehmen werde. (…) ... er sei einer, in dessen Händen die zarten Dinge gut aufgehoben seien. ... er sei einer, der die Verletzlichkeit des andern fühle und sich bemühe, ihm keinen Schmerz zuzufügen.“
Liest man diese tiefsinnigen Worte, wirken sie aus der Zeit gefallen und zeitlos zugleich. Am meisten Eindruck hat auf mich die überaus konzise Aussage gemacht, ein Gentleman sei einer, in dessen Händen die zarten Dinge gut aufgehoben seien. Ja, der Umgang mit Frauen, der Umgang mit Kollegen, das Verhalten in delikaten zwischenmenschlichen Situationen, aber auch der Umgang mit Kleidung, Kunst und Essen: ein Gentleman zeichnet sich dadurch aus, dass er all dies kennt, um seine Bedeutung weiß und sich entsprechend verhält. Dass er im Vollbesitz seiner Kraft ist, wird dabei stillschweigend vorausgesetzt. Wer schwach ist, in dessen Hände sind die zarten Dinge auch nicht gut aufgehoben. Doch wer Kraft hat, diese jedoch einzusetzen und zu zügeln weiß, dem vertraut man. Der Gentleman ist nicht von gestern, er ist von heute und von morgen.
Der Autor leitet das Gebetshaus Augsburg.
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