Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Joachim Sartorius zum 80.

Was dem Gottfernen bleibt, ist die Hoffnung auf Heimkehr

Poetische Sprache als Mittel zur Transzendenz: Der Kulturdiplomat und Lyriker Joachim Sartorius feiert heute seinen 80. Geburtstag. Ein Porträt.
Der Lyriker Joachim Sartorius
Foto: Wikicommons/gemeinfrei | Was einem säkularen Poeten wie Joachim Sartorius am Ende fast zwangsläufig bleibt, ist die Melancholie und das naturgemäß endlose Bemühen, sich in der Melancholie recht wohnlich einzurichten

Ist, wen schon im Knabenalter die Sonne von Tunis blendet, für die dunkleren Himmel nördlich der Alpen auf immer verloren? Kann, wer als Zehnjähriger auf seinem Schulhof des Lycée de Carthage vom heftigen Regen entblößte punische Silbermünzen findet, durch die nördlichen Nebel nur noch mit hochgezogenen Schultern und halbgeschlossenen Lidern wandern? Wird einer, der vom „Licht in Sidi Bou Said, der Tänzerin Aziza, den Ruinen der römischen Städte Dougga und Sheitla, der kleinteiligen Pracht der Souks und ihrer Vergänglichkeit und Fülle geprägt“ ist, zwangsläufig zum „skeptischen Hedonisten“? Denn so nennt Joachim Sartorius sich selbst 2003 in seiner Vorstellungsrede bei der Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtkunst. Ist so ein skeptischer Hedonist damit für den christlichen Glauben verloren? Betrachtet so jemand den Vatikan als nostalgiedurchtränkten Rest einer lange vergangenen Weltzeit? Geht der durch romanische, gotische oder barocke römisch-katholische Kirchen mit einem Museumsblick und sieht bloß noch Kunst, wo es vor allem um Glauben geht?

Augustinus kam in Thagaste zur Welt. Das liegt nur eine kurze Wegstrecke vom Lycée de Carthage entfernt. Könnte Sartorius also nicht auch, wenn er denn schon die Welt poetisch und kulturell bereichert, sein „Nimm und lies!“ hören und fortan, wie weiland der heilige Bischof von Hippo, alle Vergänglichkeitssucht hinter sich lassen und ganz neue, viel wildere Abenteuer des  Geistes anstreben, als ihm der doch unübersehbare Moder einer postaufgeklärten Moderne heute zu bieten hat? Mit anderen Worten: Warum hat der Heilige Geist um Joachim Sartorius, dem 1946 in Fürth geborenen gelernten Juristen, der Diplomat war und immer noch Lyriker und Übersetzer ist, bisher einen so weiten Bogen gemacht? Weshalb hat dieser so zielgenaue Heilige Geist ihm bislang nicht jenes nie mehr verlöschende Licht des Glaubens gesandt, das aus Ungläubigen und Häretikern Konvertiten kreiert? Es muss ja nicht gleich ein Heiliger aus ihm werden. 

Als Diplomatenkind wächst er in Tunis, Istanbul und Zypern auf

Das sind Fragen, die sich bei einem Porträt über einen Menschen aufdrängen, der als Diplomatenkind in Tunis, Istanbul und Zypern aufwächst und dort, wo das mittelmeerische Wasser all das umspült, was zu Recht die Wiege der abendländischen Welt genannt wird, mehr als ein Viertel seiner bisherigen Lebenszeit verbringt und ihr weiterhin innerlich anhängt. Wie sein Buch „Alexandria. Fata Morgana“ beweist – in dem Sartorius mit den dort versammelten Texten von Theokrit bis Flaubert jenen Leuchtturm des Geistes beschwört, den jeder Gebildete einst mit Alexandria verband.

Aber wer weiß, vielleicht trügt der äußere Schein. Denn woher kommt die spürbare Unruhe bei der vielleicht schon befürchteten Gretchenfrage. Die dann so gestellt wird: „Ist Joachim Sartorius religiös auch so unmusikalisch wie ein Professor Habermas?“  Statt einer gelassenen Antwort, mäandert der Blick. Doch wohin soll er sich wenden, am schmalen Kaffeehaustisch in einem Wilmersdorfer Lieblingsrestaurant, wo die Kellner den Doktor Sartorius respektvoll begrüßen, während von der nahegelegenen St.-Ludwig-Kirche das Angelusläuten herüberklingt. „Pantheist!“, kommt dann endlich die knappe Replik. Zusammen mit einer Handbewegung, die alles Nachfragen ein für allemal abschließen soll. „Wie Wolfgang von Goethe oder wie Friedrich der Große?“, wird dennoch nachgebohrt. „Wie Goethe. Wie Goethe!“ Punkt. Absatz. Themenwechsel!

Wie Goethe also. Auch so einer. Auch so ein Protestant, der vom lutherischen Glauben weg in die Welt der Kultur entlaufen ist. Der bei den heidnischen Griechen und Römern sein Heil gesucht hat – und hoch in den Jahren dann noch bei Hafis den Himmel fand. Hafis, dieser orientalische Sprachmagier, der in seiner Lyrik immer wieder die Rosen preist und als paradoxer Asket inständig hofft, mit Rausch und Genuss, seiner Seele die erwünschte Vereinigung mit dem zu erleichtern, was er für das Göttliche hält. Kein Wunder also, warum Hafis zum Freund all jener Sinnsucher aufsteigen konnte, die das Sinnliche nicht per se der dunklen Seite der Macht zuschreiben. Just dieser Hafis ist auch einer von Joachim Sartorius‘ Lieblingsdichtern.

In der Welt der Lyrik kennt er sich auf beängstigende Weise aus

In der Welt der Lyrik kennt er sich auf eine schon beängstigende Weise aus. Hier ist er wahrhaft zuhause. Gedichte sind sein Elixier. Sartorius hat viele aus dem Englischen und Französischen in ein treffendes poetisches Deutsch gesetzt und ist selbst Lyriker aus Passion. Sein „Weltatlas der neuen Poesie“ versammelt Gedichte über alle Breiten- und Längengrade hinweg und ist vielleicht sein bislang schönstes Buch. Jedenfalls hat Joachim Sartorius dies dem Ungarn Péter Nádas einmal auf einer Ansichtskarte aus Rom geschrieben. Der hat nach diesem offenherzigen Postkartengruß ein langes Gedicht auf den Absender verfasst. Eine Hommage. Auf einen Freund. So jedenfalls klingt es. Ein grenzüberschreitender Gruß an einen Dichterkollegen, dessen Verse Nádas in seine heimatliche Ungarnsprache transformiert hat – wie die im Munde eines Magyaren wohl klingen mögen?

Doch gleichviel. Wer mit den toten und lebenden Dichtern der Welt auf Duzfuß steht, wessen Gedichte vielsprachig gedruckt und von Cees Nooteboom übersetzt sogar auf den windumtosten Deichen Hollands verstanden wird, wer mit Hans Magnus Enzensberger und Heiner Müller das Brot bricht und über John Ashbery, William Carlos Williams, Malcolm Lowry, Drieu La Rochelle, Fernando Pessoa und Orhan Pamuk luzide Essays schreibt, braucht der etwa keinen Gott mehr? Ist dem die Ewigkeit einerlei? Wohl kaum. Denn warum sonst ist eine Sentenz der Hekuba ihm zum Orakel geworden? Denn was Euripides der trojanischen Königin in den Mund legt, hat Sartorius gleich zweimal ganz groß gedruckt quer über Innenseiten einer Sammlung seiner Aufsätze gelegt: „Nie war ich im Inneren der Schiffe. Aber ich weiß von ihnen durch die Worte, die ich hörte, und Bilder, die ich sah.“

„Nie war ich im Inneren der Schiffe.“ Für einen, der am Mittelmeer groß wird, ist das ein mehr als erstaunlicher Satz und wortwörtlich gewiss nicht zu nehmen. Aber was dann? Wohin sonst führt er uns? Ins Geheimnis eines Lebens, das aus dem Wort gespeist und durch das Wort gelenkt wird? Für einen Lyriker sind Worte alles. Aber wie lassen sich Wort und Welt, wie lassen sich Buchstabe und Ding miteinander verbinden? Wie geht das eine aus dem anderen hervor? Wie es vor der Erschaffung der Welt war, das sagt uns der Evangelist Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott“. Aber wie weiter? 

Ein Blick, dem keine Nuance entgeht

Wer Sartorius‘ Aufsätze über die Maler liest, der staunt über seinen überscharfen, hellsichtigen Blick. Ein Blick, dem keine Nuance entgeht und jede von ihnen wohl zu deuten weiß. Denn bei Sartorius sind’s die Augen. Dieser eher zarte als harte Mann, der sich von der Statur her ja tatsächlich so gut in jene Welt der Levante fügt, die wir mit Kallimachos und Sappho verbinden und dessen langjähriges Wirken für den Deutschen Akademischen Austauschdienst ihn immer wieder mit reisenden Künstlern zusammengeführt hat, dieser Herr mit einer Noblesse, die zwischen Schwermut und Ironie changiert, er kann wirklich sehen. Bei ihm sind Augen und Mund ein symbiotisches Paar.

Sartorius schätzt aktuelle, zeitgenössische Kunst. Nun ja. Was bleibt einem ehemaligen Arbeiter im Weinberg der „Berliner Festspiele“, deren Intendant er elf Jahre lang war, auch anderes übrig. Doch gleichzeitig weiß er viel über die Bildschöpfungen der Alten. Wann Fensterkreuze auf Kruzifixe verweisen, wie Verwundung, Opfer und Heilserwartung zusammengehören, das erklärt er kenntnisreich und mit leichter Hand. Die große christliche Bildergeschichte ist ihm vertraut – und wer Sartorius‘ Aufsätze liest, bemerkt auf fast jeder Seite, dass er die von Fra Angelico bis Caravaggio geschaffenen Werke mit Golgatha, Pietà oder Auferstehung nicht ad acta gelegt hat.

Aber wie weiter? Einmal formuliert Sartorius den Gedanken von der poetischen Sprache „als – vielleicht einzigem? – Mittel, Transzendenz zu erfahren“. Das wird ein Schlüsselsatz sein. Denn hier verdichtet sich jene Hoffnung, auf die Glaubensferne aller Couleur immer wieder so gerne setzen, sie ersehnen oder herbeiflehen. 

Glaubensferne nehmen die Kunst als Ersatz für Gott

Denn Glaubensferne nehmen die Kunst als Ersatz für Gott, und viele Künstler hoffen darauf, sich selbst an Gottes Stelle setzen zu können. Auch Sartorius ist einer von denen. In immer neuen Anläufen zitiert er genau diesen Gedanken herbei. Er sagt gerade das nur ungern mit eigenen Worten. Doch manchmal kann er nicht anders. Da muss es heraus: „Immer also geht es um die Verwandlung und Besitzergreifung der Welt – durch das Wort und durch das Bild, wie schon Hekuba es formuliert hatte“. Was dabei entsteht, nennt er nur wenige Zeilen später „eine Vision der Wirklichkeit, die in unserem skeptischen Jahrhundert jene spirituelle Befriedigung gibt, die früher die Religion bereithielt.“ Hier enthüllt sich der Kern eines säkularen Gegenprogramms, aus dem jene schöpfen, die ihre Knie nicht vor dem Geheimnis des Glaubens beugen wollen. Jenem wahren Geheimnis, das in jeder Heiligen Messe aufscheint und in der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi ihren elementaren und existentiell so bedeutsamen Ausdruck gefunden hat.

Was einem säkularen Poeten wie Joachim Sartorius am Ende fast zwangsläufig bleibt, ist die Melancholie und das naturgemäß endlose Bemühen, sich in der Melancholie recht wohnlich einzurichten. „Wir sehen Suchende, Unruhige, Hinübergehende, Begierige“, schreibt er über Fotographien von Nan Goldin und fährt fort: „Die Welt ist nicht kalt, aber wirkliche Wärme ist nur, wo ein Körper ist. Menschen, in Paaren oder vereinzelt allein, suchen unstillbare Sehnsüchte zu stillen.“  Welche Hoffnung dann für das Gedicht und den Dichter bleibt, sagt Sartorius so: „Ein gutes Gedicht ist eine absolute Metapher für einen Weltmoment. Weil das Gedicht, wenn es ein Gedicht ist, diesen Augenblick als Epiphanie fasst, setzt es den Fakt, dass die Welt ein Uhrwerk ist, außer Kraft.“ 

Das ist ein schöner und sehr irdischer Traum. Aber was sonst? Denn was dabei nicht erkannt wird: Die Wortsuche des Menschen ist auch ein Verweis auf seine Gottesebenbildlichkeit und ein besonders schöner dazu. Was dem Gottfernen bleibt, ist die Hoffnung auf Heimkehr. Einer Heimkehr, die Joachim Sartorius in einem Aufsatz über „die Bilder und die Sprache“ mit einer offensichtlichen Analogie zum Himmlischen Jerusalem in der Apokalypse des Johannes verbindet. Mit dem sprechenden Unterschied: Der Blick des Herrn Doktor Sartorius ist nicht dem Licht zugewandt, sondern dem Dunkel: „Ich schlug die Augen noch einmal auf, und alles war traumscharf und wie neu, und ich sah jene Stadt der Nacht, die unser Zuhause ist. Ihr wollte ich immer näher kommen.“ 

Für die Wege des Heils nicht gänzlich verloren

Ist in diesen wenigen Worten nicht auch jener Zustand enthalten, in dem sich Augustinus von Thagaste befand, bevor er sein „Nimm und lies!“ hörte, umkehrte und ein Leben zur Heiligkeit hin begann? Worauf also, um die eingangs gestellte Frage erneut aufzugreifen, worauf wartet der Heilige Geist, um von Fall zu Fall wirksam zu werden? Welche Koordinaten der Seele sind so, dass er seinen erleuchtenden Blitz schickt oder ihn eben nicht schickt? Ob auch Joachim Sartorius diese Frage umtreibt – auch wenn er darüber nicht gerne öffentlich spricht? Denn worum es im „Jammerthal“ geht, in dem wir alle immer aufs Neue nach Seligkeit suchen, das hat er sehr wohl verstanden und, inspiriert vom flämischen Maler Patinir und dessen Bild „Überfahrt in die Unterwelt“,  in einem seiner Gedichte so gesagt: „Die Pilgerschaft ist eine Wanderung zwischen dem Guten und dem Bösen.“ Kann, wer das weiß, für die Wege des Heils gänzlich verloren sein?


Das Porträt erschien bereits 2008 in der gedruckten Ausgabe der „Tagespost“. Wir veröffentlichen den Beitrag aus Anlass des 80. Geburtstags des Lyrikers noch einmal zur Lektüre.

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