Kitas

Vorlesen ist ein Lebensmittel

Während Eltern immer weniger vorlesen, steigt die Zahl der Vorlesestunden in Kitas. Zu einer neuen Studie in Kindergärten.
Neue Schlaumaeuse Veranstaltungsreihe mit dem Titel Unter der Leselampe Son
Foto: IMAGO / Reiner Zensen | Nicht nur zu Hause, auch in Kitas sollte das Vorlesen selbstverständlich sein.

Alle Kinder lieben es, wenn man ihnen eine Geschichte vorliest. An diesem Ergebnis hat sich seit Bestehen der Vorlesestudie nichts geändert. Zugleich sinkt, wie die Vorlesestudie in Kitas aus dem Jahr 2021 ergab, die Zahl derjenigen Kinder, denen dieser Genuss zu Hause regelmäßig zuteil wird. Die Erzieher reagieren deshalb ausgleichend auf diesen Mangel und lesen selbst regelmäßig vor. In 91. Prozent aller Kindertagesstätten gehört das Vorlesen einmal oder mehrmals täglich zum Tagesablauf. Die Funktionen des Vorlesens sind dabei ganz unterschiedlich.

Ein Ritual zur Mittagspause

Es kann als kleines Ritual zu Beginn der Mittagspause dienen, atmosphärisch verpackte Informationen zu einem Thema vermitteln, mit dem die Kinder sich gerade beschäftigen, eine zur Beruhigung und Förderung der Konzentration dienen oder – und dies ist einer der häufigsten Gründe dafür, dass die pädagogischen Kräfte in der Kita zum Buch greifen: die Kinder artikulieren den Wunsch nach einer Vorlesezeit. Auch in der Elternarbeit spielt die Motivation zum Vorlesen inzwischen eine große Rolle. In neun von zehn Kindertagesstätten weisen die Erzieherinnen und Erzieher inzwischen regelmäßig auf die wichtige Funktion des Vorlesens hin und geben außerdem auch konkrete Anregungen dazu.

Diese reichen von Flyern mit Hinweisen zu kindgerechter Literatur über aktuelle Leseempfehlungen, Büchertische mit Kaufmöglichkeit oder eine kleine Leihbibliothek. Die Hinderungsgründe für das Vorlesen in jenen Familien, in denen die Eltern sich niemals mit einem Buch in der Hand mit den Kindern zusammensetzen – immerhin mehr als ein Drittel, wie die Studie ermittelt hat – sind vielfältig. Oft spielen Bücher im Leben der Erwachsenen, die nicht vorlesen, keine Rolle. Sie nutzen stattdessen den Fernseher oder digitale Medien. Aber auch ein Migrationshintergrund ist häufig bestimmend dafür, dass Vorlesen im Alltag der Kinder fehlt. Das ist schade, denn Kinder reagieren sehr unkompliziert auf ein mehrsprachiges Umfeld und die heilsame Kraft des Vorlesens vermittelt sich auch dann, wenn Vater, Mutter oder die Großeltern Geschichten in ihrer Muttersprache vortragen. Viele Kitas sind deshalb, wie die Studie berichtet, dazu übergegangen, auch Vorlesebücher in jenen Sprachen vorzuhalten, die die Muttersprachen der Eltern der von ihnen betreuten Kinder sind.

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Vorleseimpulse helfen den Kindern sehr dabei, ihr emotionales, kreatives und intellektuelles Potenzial zu entfalten. Vorlesen erweitert den Wortschatz beträchtlich. Es stärkt die Fantasie, erhöht die Resilienz und die Empathiefähigkeit der Kinder. Das Hören ist ein durch vielfältige visuelle Medien vernachlässigter, zugleich aber essenzieller Sinn, ist es doch der erste, den schon ein noch ungeborenes Kind entfaltet und der letzte, der dem Menschen vor dem Übergang in die Ewigkeit bleibt. Hören hat etwas mit Leben zu tun.

Kinder empfinden Vorlesen als Grundbedürfnis

Deshalb es ist ein beträchtlicher Unterschied, ob man ein Kind vor einen Apparat setzt, der ihm eine Geschichte erzählt oder ob es ein lebendiger Mensch ist, der diese vorliest. Die Erzieher in den Kitas wissen das und die Studie, bei der 507 repräsentativ ausgewählte Fachkräfte befragt wurden, bildet die hohe Kompetenz ab, die den Kitas in diesem Segment zukommt. Denn entgegen aller Werbung für digitale Medien und Vorleseapps verwendet die Mehrzahl der im Mai und Juni diesen Jahres für die Studie befragten Kitas Bücher für das Vorlesen.

Die zentralen Ergebnisse der Vorlesestudien in den vergangenen Jahren bestätigen eindeutig: Vorlesen fördert die Lesemotivation und das Leseverhalten. Es beschleunigt die sprachliche Entwicklung. Es trägt zur Entfaltung einer empathischen, gemeinschaftsfähigen und gegen psychischen Stress resilienten Persönlichkeit bei und fördert die soziale Kompetenz von Kindern. Das wichtigste, jedes Jahr neu bekräftigte Ergebnis der Studien aber ist: Vorlesen ist ein Grundbedürfnis von Kindern. Sie lieben die persönliche Zuwendung, die sie verspüren, wenn ein Erwachsener sich die Zeit nimmt, ihnen ein Buch vorzulesen. Abendliche Vorleserituale tragen maßgeblich zu einem guten und gesunden Schlaf bei. Es ist daher ein interessanter Nebengedanke, dass die Anzahl der Menschen, die in Deutschland unter Schlafproblemen leiden, in den letzten Jahren umgekehrt proportional zum Leseverhalten angestiegen ist.

Für Eltern nicht Blumen, sondern ein Kinderbuch

Fernsehen und Computerspiele sind für einen gesunden und ausgeglichenen Lebensrhythmus definitiv nicht förderlich. Vorlesen hingegen beruhigt, entspannt, beflügelt die Phantasie, stärkt das Einfühlungsvermögen, die soziale Kompetenz und hilft Kindern und Erwachsenen dabei, Worte für ihre Befindlichkeit zu finden. Aktionen wie der bundesweite Vorlesetag am 19. November sollten deshalb eine vielfältige Unterstützung finden. Bücher wieder zu einem selbstverständlichen Teil des Alltags zu machen ist ein Anliegen, dass sich in den letzten Jahren nicht nur Kitas und Schulen zueigen gemacht haben.

In vielen Städten gibt es inzwischen öffentliche Bücherdepots, in denen man kostenlos Lesestoff mitnehmen und einlegen kann. Diese Tauschbörsen erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch in Kindergärten gibt es häufig feste Plätze, an denen ausgelesene Bücher zum Weiterschenken abgelegt werden können. Die Studie ergab, dass die Kitas auch weiterhin eng mit den örtlichen Stadtbibiliotheken zusammenarbeiten, mit den Kindern dorthin gehen und ihnen den Reichtum der Bücherwelt erschließen. Solche Brücken zu bauen ist essenziell, denn Kinder, die sich für etwas begeistern, tendieren dazu, ihren Eltern dies nachhaltig mitzuteilen. Im Fall des Vor- und Selberlesens ist eine Anstiftung, danach zu fragen, also durchaus am Platze. Die Studie zeigt außerdem, dass auch die Kitas selbst sich über Unterstützung bei der Förderung des Vorlesens freuen.

Bereicherung durch Multikultur in Kindergärten

Medienempfehlungen und Hinweise auf interessante Neuerscheinungen sind hier ebenso willkommen wie der Verweis auf vielleicht weniger bekannte, zum Vorlesen aber sehr geeignete Bücher aus der klassischen Kinderbuchliteratur. In diesem Segment kann die mulitkulturelle Struktur vieler Kindergärten eine große Bereicherung sein. Wer in der Elternarbeit auf Mütter und Väter trifft, die vielleicht aus ihren Herkunftsländern selbst noch Vorleseerfahrung haben, kann diese motivieren, die entsprechenden Bücher oder Geschichten zu besorgen oder mit etwas dies Recherchevermögen selbst tun. Eltern, die sich im Beirat der Kita engagieren, für ihr Engagement statt mit einem Blumenstrauß mit einem Kinderbuch aus ihrer Heimat zu überraschen, kann sich als Türöffner erweisen. Die so neu entdeckten Heimatgeschichten können übersetzt und in der Gruppe miteinander geteilt werden.

Eine Geschichte erzählt oder vorgelesen zu bekommen, ist ein menschliches Urbedürfnis. Es gehört zu unserer emotionalen DNA. Dass dies so ist, zeigt auch die aktuelle Studie wieder neu. Denn die Bitten: „Erzähl mir eine Geschichte“ oder „Liest Du mir etwas vor“ verstummen nicht. Dies ist der stärkste Hinweis darauf, dass digitale Medien die mündliche, die persönliche Weitergabe von lebenstiftenden Sinngeschichten niemals ersetzen können.

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