Vatikan

Von der Unverfügbarkeit und Würde des Menschen

Für die jüngste italienische Veröffentlichung des emeritierten Papstes, die jetzt beim Verlag Cantagalli unter dem Titel „La vera Europa. Identita e Missione“ (Das wahre Europa. Identität und Mission) mit einem Vorwort von Papst Franziskus erschienen ist, hatte Benedikt XVI. bereits 2015 eine Einleitung geschrieben, die bisher auf Deutsch nicht zu lesen war und der „Tagespost“ exklusiv vorliegt. Wir veröffentlichen diesen Text in ungekürzter Fassung und danken dem emeritierten Papst für die Erlaubnis zum Abdruck.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI
Foto: Daniel Karmann (dpa) | „Wo der Schöpfungsgedanke preisgegeben wird, ist die Größe des Menschen preisgegeben“, erläutert der emeritierte Papst.

Mit der Legalisierung der „homosexuellen Ehe“ in 16 Staaten Europas hat das Thema Ehe und Familie eine neue Dimension angenommen, an der man nicht vorbeigehen kann. Es zeigt sich eine Verbildung des Gewissens, die offenbar tief in die Kreise des katholischen Volkes hineinreicht. Darauf kann man nicht mit ein paar kleinen Moralismen antworten und auch nicht mit ein paar exegetischen Hinweisen. Das Problem geht tief und muss daher grundsätzlich bedacht werden.

„Homosexuelle Ehe“ als kulturelle Revolution

Zunächst scheint es mir wichtig festzustellen, dass der Begriff einer „homosexuellen Ehe“ im Widerspruch zu allen bisherigen Kulturen der Menschheit steht, also eine kulturelle Revolution bedeutet, die sich der gesamten bisherigen Tradition der Menschheit entgegensetzt. Zweifellos ist die rechtliche und moralische Konzeption von Ehe und Familie in den Kulturen der Welt außerordentlich verschieden. Nicht nur der Unterschied zwischen Monogamie und Polygamie, sondern auch andere weitreichende Unterschiede sind festzustellen. Dennoch ist die Grundgemeinschaft nie in Zweifel gezogen worden, dass die Existenz des Menschen in der Weise von Mann und Frau auf Fortpflanzung hingeordnet ist und dass die Gemeinschaft von Mann und Frau und die Offenheit für die Weitergabe des Lebens das Wesen dessen ausmachen, was man Ehe nennt. Die Grundgewissheit, dass der Mensch als Mann und Frau existiert, dass die Weitergabe des Lebens dem Menschen aufgegeben ist und dass eben die Gemeinschaft von Mann und Frau dieser Aufgabe dient und dass darin wesentlich über alle Unterschiede hinweg die Ehe besteht, ist eine Urgewissheit, die in der Menschheit bis heute als Selbstverständlichkeit existiert.

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Verlorener Maßstab

Eine grundlegende Erschütterung dieser menschlichen Urgewissheit ist eingeleitet worden, als durch die Pille die Trennung von Fruchtbarkeit und Sexualität zu einer grundsätzlichen Möglichkeit geworden ist. Es geht hier nicht um die Kasuistik, ob und wann eventuell die Anwendung der Pille moralisch gerechtfertigt sein kann, sondern um das grundlegend Neue, das sie als solche bedeutet – eben die grundsätzliche Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit. Diese Trennung bedeutet nämlich, dass damit alle Formen der Sexualität gleichberechtigt werden. Es gibt keinen grundsätzlichen Maßstab mehr. Wenn Sexualität und Fruchtbarkeit nicht grundsätzlich zusammengehören, werden in der Tat alle Formen von Sexualität gleichberechtigt. Diese neue Botschaft, die in der Erfindung der Pille enthalten war, hat zunächst nur langsam, aber dann immer deutlicher das Bewusstsein der Menschen umgestaltet.

Der geplante Mensch

Darauf folgt dann ein zweiter Schritt: Wenn zunächst Sexualität von der Fruchtbarkeit getrennt wird, dann kann umgekehrt natürlich auch die Fruchtbarkeit ohne die Sexualität gedacht werden. Es erscheint dann richtig, die Fortpflanzung des Menschen nicht mehr der zufälligen körperlichen Leidenschaft anzuvertrauen, sondern den Menschen rational zu planen und zu produzieren. Dieser Prozess, dass Menschen nicht mehr gezeugt und empfangen, sondern gemacht werden, ist inzwischen in vollem Gang. Das bedeutet aber dann, dass der Mensch nicht mehr eine geschenkte Gabe ist, sondern ein geplantes Produkt unseres Machens. Was man machen kann, kann man aber auch zerstören. Insofern ist der wachsende Trend zum Suizid als geplanter Beendigung des eigenen Lebens ein Bestandteil des geschilderten Trends.

So wird aber sichtbar, dass es bei der Frage der „homosexuellen Ehe“ nicht um etwas mehr Großzügigkeit und Offenheit geht, sondern die Grundfrage ist: Wer ist der Mensch? Damit geht es auch um die Frage: Gibt es einen Schöpfer, oder sind wir alle nur gemachte Produkte? Es steht die Alternative auf: Der Mensch als Geschöpf Gottes, als Bild Gottes, als Geschenk Gottes oder der Mensch als Produkt, das er selber herzustellen weiß. Wo der Schöpfungsgedanke preisgegeben wird, ist die Größe des Menschen preisgegeben, seine Unverfügbarkeit und seine alle Planungen übersteigende Würde.

Die Grenze der Machbarkeit

Man kann das Ganze auch noch von einer anderen Seite her ausdrücken. Die Ökologische Bewegung hat die Grenze der Machbarkeit entdeckt und erkannt, dass die „Natur“ uns ein Maß vorgibt, das wir nicht ungestraft ignorieren können. Leider ist die „Ökologie des Menschen“ noch immer nicht konkret geworden. Auch der Mensch hat eine „Natur“, die ihm vorgegeben ist und deren Vergewaltigung oder Verneinung zur Selbstzerstörung führt. Gerade darum geht es auch im Fall der Schöpfung des Menschen als Mann und Frau, die im Postulat der „homosexuellen Ehe“ ignoriert wird.

Mir scheint, dass es wichtig ist, die Frage in dieser Größenordnung zu bedenken. Nur so werden wir unserem Auftrag für den Menschen vor Gott gerecht.

 

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