Ungeschminkt

Ungebetene Briefe wirken wie unhöfliche Überfälle

Der Intellektuelle fühlt sich immer zuständig bei den großen Themen der Weltgeschichte, der dramatische Auftritt ist sein Metier. Auch Putins Angriffskrieg löst hierzulande „Verzweiflungstaten“ aus.
Alice Schwarzer
Foto: Oliver Berg (dpa) | Alice Schwarzer hat Bundeskanzler Scholz einen Brief geschrieben. Einige weitere Personen des öffentlichen Lebens haben diesen mitgezeichnet. Ihre Forderung: Keine Waffenlieferung in die Ukraine

Am Deutschen Wesen soll bekanntlich die Welt genesen und so ist erst einmal absolut folgerichtig, dass die deutsche Reaktion auf einen Krieg in der unmittelbaren europäischen Nachbarschaft mit jenem beantwortet wird, was wir als Nation am besten können: ungefragt gute Ratschläge erteilen. Während andere Völker zu Beendigung von Kriegen in befreundeten Territorien Waffen und ihre Söhne senden, schickt der Deutsche gerne einen Brief.

„Man sollte alle acht Tage eine Stunde zum Briefempfangen haben
und danach ein Bad nehmen.“

Und so kommt es, dass das mediale Paralleluniversum der vermeintlichen Intellektuellen-Elite nicht nur voll ist von Hunderten an Militärspezialisten, die innerhalb von Stunden vom Corona-Expertentum umgeschult hatten, sondern auch allerlei öffentliche Briefe den Marktplatz der Meinungen überschwemmen mit Forderungen an Kanzler Scholz, wie jetzt in Sachen Ukraine zu handeln sei oder auch nicht. Nun suche ich selbst immer noch nach dem Offenen Brief, der damals Hitler bezwungen und den 2. Weltkrieg beendete, irgendwie habe ich ihn wohl verlegt und die damals schlagenden verbalen Argumente wären jetzt in der Debatte sicher hilfreich.

Die eine Hälfte an Philosophen, Schauspielern und ehrenamtlichen Pazifisten sammelt sich also in Briefform rund um Alice Schwarzer in der „Frieden-schaffen-ohne-Waffen“-Fraktion. Man fordert Friedensverhandlungen (weil das ja bestimmt noch keiner versucht hat) und auf gar keinen Fall deutsche Waffen, weil wir sonst Kriegspartei wären, Europa und die Nato reingezogen werden, Atomkrieg, Ende. Die Ukraine ist hier auch Zündler, der dem Aggressor Russland ständig neue Motive zur atomaren Eskalation liefert und außerdem habe auch die Ukraine nicht ewig das moralische Recht sich zu verteidigen, das kostet schließlich Menschenleben. Während früher die deutsche Sicherheit bekanntlich selbst am Hindukusch verteidigt wurde, will man jetzt nicht einmal mehr auf Sichtweite darum streiten.

Ein Brief als Verzweiflungstat

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Der Gegenbrief dazu vom 4. Mai, initiiert vom Publizisten Ralf Fücks, schart auffällig viele Mitunterzeichner mit deutlich mehr Naherfahrung im Kommunismus, mit jüdischen und russischen Wurzeln aber auch die rumänische Nobelpreisträgerin Herta Müller um sich. Diese sind pro Waffenlieferungen, weil sie nicht an Verhandlung ohne Drohpotenzial glauben und deuten das putinistische Gebaren als Angriff auf die gesamte europäische Friedensordnung, der schlicht nicht hingenommen werden kann, will man nicht riskieren, dass Freiheit, staatliche Souveränität und Menschenrechte zu Worthülsen verkommen. Den Konflikt Russland-Ukraine ist hier ein Stellvertreterkrieg um Freiheit und Demokratie, der sich auf NATO-Boden verschieben kann, ließe man Putin damit durchkommen. Selbstredend haben beide Briefe Petitionen gestartet im Wettrennen um die Frage, wer mehr Unterschriften zusammenbekommt – als ob das irgendetwas ändert.

Der Intellektuelle fühlt sich nun mal immer zuständig bei den großen Themen der Weltgeschichte, der dramatische Auftritt ist sein Metier. Gleichzeitig sind Offene Briefe aber auch irgendwie Verzweiflungstaten jener, die im politischen Prozess ante portas oder nicht einmal in einer öffentlich-rechtlichen Talksendung sitzen und nicht gehört werden bei Entscheidungen, für die sie selbstredend gar nicht zuständig sind, weil man in unseren Breitengraden demokratisch gewählte Parlamente dafür erfunden hat. Was sollen wir also tun mit der ungebetenen Post?

Gleich zwei Briefe an den Bundeskanzler

Friedrich Nitzsche formulierte treffend, ein Brief sei immer ein unangemeldeter Besuch und der Briefbote der Vermittler unhöflicher Überfälle – und er wusste noch gar nichts von Alice Schwarzer und ihren zahlreichen Intellektuellen-Freunden. Nietzsche empfahl als Gegentherapie und Eindämmung unangekündigter Schreiben: „Man sollte alle acht Tage eine Stunde zum Briefempfangen haben und danach ein Bad nehmen.“

Häufiger kommt in manchen Orten die Post sowieso nicht seit ihrer Privatisierung. Dennoch haben jetzt innerhalb von zwei Woche gleich zwei als Brief getarnte Belehrungen das Bundeskanzleramt erreicht, Olaf Scholz wird aus der Wanne also gar nicht mehr rauskommen, wenn das so weitergeht. Präsident Selenskyj wiederum hat keine Zeit zu baden zwischen dem Stakkato deutscher Ratschläge, er muss ein Land gegen die Russen verteidigen. Die deutschen Selbsthilfegruppen müssen wohl weiter untereinander streiten.

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