Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Filmrezension

"The Beach Boys": Mehr als nur "Fun, Fun, Fun"

Eine neue Disney+-Doku blickt hinter die Kulissen von "America's Band" sowie auf eine Karriere voller Höhen und Tiefen.
Beach Boys,  US-Kultband
Foto: IMAGO/JGM / Avalon (www.imago-images.de) | Seit über 60 Jahren sind sie "Amerikas Band": Die Beach Boys. Doch es ist nicht alles immer leicht gewesen. Die Band erlebte Höhen und Tiefen.

Wer immer nur auf der Erfolgswelle schwimmen will, muss früher oder später Schiffbruch erleiden. Das mussten auch die Mitglieder der US-Kultband The Beach Boys in ihrer 1961 als kalifornische Surfband begonnenen und bis heute andauernden Karriere erfahren. Mit Hits wie „Surfin' USA", „California Girls“, „Good Vibrations“, „I Get Around“, „Wouldn´t it be nice“ oder „Kokomo" schrieben die Beach Boys Musikgeschichte. Ihre ikonischen Songs und harmonischen Klänge überlebten alle Stürme der vergangenen Jahrzehnte und überdauerten sowohl musikalische Erneuerungen, wie auch politische Umbrüche und persönliche Erschütterungen.

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Triumphe und Tragödien kennzeichnen die wechselhafte Geschichte der Band, welche gleichzeitig auch die dramatische Geschichte einer musikalischen Familie ist. Von all dem erzählt seit dem 24. Mai der neue Dokumentarfilm „The Beach Boys“ vom Streaminganbieter Disney+. Dabei handelt es sich nicht um die erste Dokumentation über die legendäre Band: Außer einigen Konzertfilmen und TV-Specials widmeten sich unter anderem bereits die Dokumentationen „The Beach Boys: An American Band" (1985) und „Endless Harmony: The Beach Boys Story" (1998), sowie der der Spielfilm „Love & Mercy“ (2014) der tragischen Geschichte der Surf-Jungs, die bis auf Schlagzeuger Dennis Wilson eigentlich keine Surfer waren. 

Nur ein Beach Boy war tatsächlich Surfer

Nun nahm sich der altgediente Regisseur, Schauspieler und Produzent Frank Marshall (77), der unter anderem  die "Jason Bourne"- und "Indiana Jones"-Filmreihen produzierte, sowie auch Porträts über Musikgrößen wie den Bee Gees und Carole King umsetzte, der vielschichtigen Band-Historie an. Als Co-Regisseur stand ihm dabei Thom Zimny zur Seite, der für seine Zusammenarbeit mit Rock-Legende Bruce Springsteen bekannt wurde und auch die sehenswerte Elvis-Doku "Elvis: The Searcher" (2018) drehte. Ihr gemeinsamer Dokumentarfilm ist eine Hommage an die Beach Boys geworden - eine Würdigung, die die Musik der amerikanischen Beatles feiert und gleichzeitig deren private Dramen nicht verschweigt.

Er erzählt ihre Geschichte von Anfang an und wartet mit nie zuvor gezeigtem Filmmaterial auf, sowie brandneuen Interviews mit den noch lebenden Band-Mitgliedern Mike Love (83) und Bruce Johnston (81), mit dem dieser bis heute noch unter dem Beach-Boys-Namen Konzerte gibt, Brian Wilson (81) und Al Jardine (81). Die bereits früh verstorbenen Brüder Dennis (1944-1983) und Carl (1946-1998) sowie deren Eltern melden sich mittels Archivaufnahmen zu Wort. Außerdem äußert sich der ehemalige Beatles-Pressesprecher und berühmte Journalist Derek Taylor (1932-1997), Musiker wie Lindsey Buckingham von Fleetwood Mac, die Sängerin Janelle Monáe und andere musikalische Weggefährten. Sie alle wirken bei dieser neuen Doku mit und erzählen die Geschichte aus ihrer Sicht. 

Als Brian Wilson die Beatles herausforderte

Bevor die Beatles Mitte der 1960er-Jahre als britische Boy-Band die Welt eroberten, gründeten bereits 1961 die noch jugendlichen Brüder Brian, Dennis und Carl Wilson aus dem kalifornischen Hawthorne zusammen mit ihrem Cousin Mike Love und ihrem Schulfreund Alan Jardine eine Band, die ebenfalls Musikgeschichte schreiben sollte: The Beach Boys. Bis heute verkaufte die Band weltweit über 100 Millionen Alben und hatte dutzende Hit-Singles in den Charts. Mit ihren ikonischen Gitarren-Klängen und harmonischen Feelgood-Gesängen sowie ihrem Sunny-Boy-Image verkörperten die Beach Boys wie keine andere Band den kalifornischen Traum von Sonne, Spaß und Leichtigkeit und prägten damit ein Lebensgefühl.

Video

Ihre Beliebtheit verdankten die Jungs nicht zuletzt den Texten von Mike Love sowie dem kreativen Genie Brian Wilsons, der Mitte der 60er-Jahre, angespornt von den musikalischen Experimenten der Beatles, nach Höherem als dem unterhaltsamen, aber oberflächlichen Surfsound strebte: das große Konzeptalbum "Pet Sounds" (1966) entstand. Es sollte ein zusammenhängendes Kunstwerk werden, anstelle von separaten Hits. „Pet Sounds“ gilt heute als eines der bedeutendsten Pop-Alben in der Musikgeschichte und als das zentrale Werk der Beach Boys – in vielen Listen der besten Alben aller Zeiten ist es nicht selten gar auf dem ersten Platz gelistet. 

Höchste Höhen und allertiefste Tiefen

Doch es kam dabei zu massiven Streitigkeiten unter den Bandmitgliedern. Auch wenn Brian Wilson seine restlichen Bandmitglieder für die unverwechselbaren Gesangsparts und Texte brauchte, schuf er die Melodien, die Harmonien, die Sound-Experimente, die aus den Beach Boys eine der weltweit einflussreichsten Bands machten, praktisch solo - ein immenser Druck, der ihn schließlich psychologisch aus der Bahn werfen sollte. Die Beach Boys wiederum litten unter dem Druck, den die monatelange Arbeit an diesem Album ebenso wie dem schließlich verworfenen „Smile“-Projekt, welches Wilson erst Jahrzehnte später vollenden sollte,  bedeutete, zumal Mastermind Brian Wilson auch noch dem Drogenkonsum verfiel und unter seinem autoritären und gewalttätigen Vater Murry litt, der ursprünglich ihr Förderer und Manager war und als solcher die Songrechte der Band ohne vorherige Rücksprache mit ihnen für einen lächerlichen Preis verkaufte, als die Band Ende der 1960er-Jahre und dem Aufkommen der Flower-Power Bewegung, auf dem absteigenden Ast war. Interne Streitereien und Gerichtsprozesse waren schließlich die Folge.

Zwar rauften sich alle verbliebenen Mitglieder immer wieder, wie zum 50. Bandjubiläum 2012, noch einmal zusammen und gingen gemeinsam auf eine erfolgreiche Tournee. Doch Freundschaft bestand zwischen ihnen längst nicht mehr. Als es in der Dokumentation um das nach wie vor schwierige Verhältnis von Mike zu seinem Cousin Brian geht, kämpft dieser vor laufender Kamera mit den Tränen und ringt um ehrliche Worte der Versöhnung. Ganz am Ende der Doku kommt es schließlich zu einem emotionalen Treffen aller noch lebenden Beach Boys - und zwar genau an dem Strand, wo das berühmte Cover-Bild ihres Debütalbums „Surfin` Safari“ (1962) aufgenommen wurde. Ein magischer Moment, der „Good Vibrations“ versprüht und dieser Dokumentation, neben einigen neuen audiovisuellen Aspekten, einen wirklichen Mehrwert verleiht, im Vergleich zu vorherigen Dokus.

Sehenswerte, wenn auch viel zu kurze Doku

Auch wenn einige schwierige Themen, wie Dennis Wilsons Beziehung zu Charles Manson und seiner Bande sowie die frühen Tode von Carl und Dennis nur angerissen werden und hauptsächlich die legendäre Musik als Erbe, das alle Zwistigkeiten überdauert, im Mittelpunkt steht, ist diese Dokumentation absolut sehens- und hörenswert! Marshall und Zimny ist ein sehr authentisches, historisch-musikalisches Denkmal gelungen, dass wirklich nachdenklich macht und gut aufzeigt, dass Musik mehr ist als nur „Fun, Fun, Fun“. 

Wie wird es für die Beach-Boys-Senioren jetzt weitergehen? Diese Frage lässt sich wohl am besten mit einem ihrer größten Hits beantworten: „God only knows“!

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