Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Alttestamentarische Jetsetterin

Starke Frauen braucht das Volk 

Selbstermächtigung von Gottes Gnaden: Die biblische Figur der Esther spricht kraftvoll in unsere Zeit hinein.
Die Figur der Esther wurde im 19. Jahrhundert zu einer wichtigen Figur, als sich die gesellschaftliche Rolle der Frau zunehmend auch nach außen öffnete; Gemälde von Leon Benouville.
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Die Figur der Esther wurde im 19. Jahrhundert zu einer wichtigen Figur, als sich die gesellschaftliche Rolle der Frau zunehmend auch nach außen öffnete; Gemälde von Leon Benouville.

Esther: heute ein Modename, so wie Jakob, Noah oder Jonas. Auch deshalb fängt eine alttestamentarische Königin plötzlich an, aus biblischer Zeit zu uns Heutigen zu sprechen. Eine Frau, die anscheinend alles hat, wonach so manches menschliche Herz sich heute sehnt: Schönheit, Macht und Reichtum. Eine Inkarnation der auf Erden herrschenden Ungerechtigkeit, möchte man meinen. Einer der wenigen Menschen und der ganz wenigen Frauen, deren Leben es wert erscheint, aufgezeichnet und über Generationen überliefert zu werden. Denn dies dürfen wir uns bis heute vor Augen halten: In die Spalten der Geschichtsbücher schaffen es nur sehr, sehr wenige, während das Gros der Menschheit unter dem Begriff „das Volk“ firmiert. Dies ist seit Menschengedenken der Fall, und trotz Massenmedien, Textlawinen und Bilderflut wird sich daran wenig ändern.

In dem Moment, da der Einzelne erwacht und sich – irgendwie – bewusstwird, dass die Welt und die Menschheit in Wahrheit ganz anders sind und funktionieren, als er es sich bis dahin vorgestellt hatte, ist es praktisch immer schon zu spät, um, vor allem als Einzelner, erfolgreich an der Änderung der Zustände mitzuwirken. Wie nun aber vernünftig und sinnvoll mit der ab diesem Moment noch verbleibenden Lebenszeit umgehen? Es empfiehlt sich, sich mit Ereignissen zu beschäftigen, die sich vor sehr, sehr langer Zeit zugetragen haben und die – oh Wunder – nichts von ihrer tiefen Lebensweisheit verloren haben. 

Reich und schön auf Sinnsuche 

Wem die oben erwähnte Geschichtspräsenz nicht zuteil wurde– und das ist zahlenmäßig die erdrückende Mehrheit auf dieser Erde, egal von welcher Gegend oder welchem Kulturkreis die Rede ist –, der träumt zuweilen gern von jener nach außen hin glänzenden Glitterwelt, in der es anscheinend nichts als Freude und Sorglosigkeit gibt. Kaum einem dieser „normalen Menschen“ kommt wahrscheinlich die Idee in den Sinn, dass es auch unter den „Reichen und Schönen“ Individuen gibt, die eines Tages vor existentiellen Fragen und Herausforderungen stehen.  

Esther als Frauenakt in biblischer Umgebung; Théodore Chassériau, Louvre.
Foto: IMAGO/Zoonar.com/Tolo (www.imago-images.de) | Esther als Frauenakt in biblischer Umgebung; Théodore Chassériau, Louvre.

Dabei geht es überhaupt nicht um das vordergründige Arm-reich-Gefälle, dem so manche Ideologen gern mit einer simplen „Man müsste nur, man könnte jetzt …“ als einer „Auf die Barrikaden“-Fantasie zu begegnen versuchen. In der bisherigen Geschichte der Völker dieser Erde ist das immer wieder gescheitert ist und hat im Furor des Hasses unendliches Leid über die Menschen gebracht hat. Wer seine Lebensenergie dazu aufwendet, über „die da oben“ zu schimpfen, dem fehlt diese dann, um einen konstruktiven Weg aus der eigenen Misere zu finden; zumal die pauschal verurteilten Lebensumstände dann ja nicht mehr allzu erstrebenswert erscheinen dürften – und damit ein sinnvolles Lebensziel abhandenkommt. 

Es ist den spezifischen Gegebenheiten der Epoche, in die ihre Lebenszeit fällt, geschuldet, dass wir es bei Esther mit einer Königin, keiner gewählten Kanzlerin, zu tun haben. Doch hinter dieser Rolle verbirgt sich mehr, als man vermuten würde. Esther entstammt dem jüdischen Volk – eine Tatsache, die sie keineswegs dazu prädestinierte, persische Königin zu werden. Auch die schillernde und durchaus widersprüchliche Persönlichkeit ihres Gemahls, durch den sie zu dieser Würde aufstieg, hat an dieser Karriere ihren Anteil. Nun ja: Ihre auffallende Schönheit war für diese Entwicklung zweifellos nicht hinderlich. Doch strafen ihr Wesen und ihre persönliche Geschichte vorschnelle Vermutungen Lügen. 

Eine jüdische Frau schreibt Geschichte 

Intrigen und Verleumdungen sollten König Artaxerxes dazu verführen, den Befehl zu geben, das jüdische Volk auszulöschen. Fremdartiges Verhalten und ungewöhnliche Gesetze seien eine Gefahr für das Perserreich, behauptete der Höfling Haman. Dessen Pläne, den weisen Juden Mordechai, den Onkel Esthers, mitsamt dessen Volk zum Sündenbock zu machen, scheiterten nicht zuletzt dank der Königin, die ihre menschlichen Tugenden und Vorzüge geschickt bei ihrem Gemahl einzusetzen wusste. Eine höhere Weisheit hatte vorausgeschaut und Rettung von langer Hand vorbereitet. Eine solche Perspektive passt nicht gut in eine rein menschliche Erklärung der Lebenslinien – doch genau darin liegt das faszinierend-Geheimnisvolle unserer Existenz. 

Eine Frau, eine Jüdin, schreibt Geschichte. Das Volk Israel hat ihr viel zu verdanken und feiert bis heute ihr zu Ehren das Purimfest. Wir dürfen durchaus ein paar Ecken weiterdenken: Der ganzen Menschheit stünde es wohl an, ihr Dankbarkeit zu erweisen. Doch Dankbarkeit ist in der Geschichte selten eine hoch im Kurs stehende Kategorie – was viel mit Vergessen und interessengeleiteter Geschichtsinterpretation zu tun hat. Ja, das Volk Israel zeichnet sich zuweilen durch fremdartiges Verhalten und „ungewöhnlich“ erscheinende Gesetze aus – und genau damit hält es uns alle bisweilen auch auf Trab. Gott sei Dank – obwohl dieser in Esthers Geschichte namentlich gar nicht genannt wird. 

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Man stelle sich ein zielloses Dahinplätschern des Lebens vor, frei von Hindernissen, Überraschungen und erstaunlichen Vorkommnissen; eine Welt, in der alle Menschen und Kulturen einander vollkommen gleich wären und jeder Kontrast, jeder Unterschied feinsäuberlich ausgemerzt würde. So manche, so mancher mag davon träumen – doch es scheint, als habe kaum jemand eine solche Utopie zu Ende gedacht. Der Mensch wächst an den Hindernissen und Widerständen seines Lebens und kommt zu Erkenntnissen durch Kontrast. Die Auserwählung gerade dieses Volkes ist Gottes Geheimnis; doch die Tatsache, dass er es bis heute trotz unendlicher Verfolgungen und Leiden nicht hat zugrunde gehen lassen, sollte dem gesamten Rest der Menschheit zu denken geben. 

Eine Frau, im entscheidenden Moment mächtig und stark: Esther vor Arthaxerxes nach den Vorstellungen des 15. Jahrhunderts; Filippo Lippi.
Foto: IMAGO/? Fine Art Images/Heritage Images (www.imago-images.de) | Eine Frau, im entscheidenden Moment mächtig und stark: Esther vor Arthaxerxes nach den Vorstellungen des 15. Jahrhunderts; Filippo Lippi.

Gott lässt sich nicht in die Karten schauen. Gottes Wille, seine Gnade ist unvorhersehbar – und wird nicht selten gerade in jenen Momenten erfahrbar, die niemand sich wünscht und die erst im Rückblick tatsächlich den Weg zun Heil öffnen. „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, wie es in Friedrich Hölderlins Gedicht „Patmos“ heißt. Es sind solche Worte und Geschichten, die der Mensch in genau jenen Augenblicken braucht, in denen jeder Ausweg abgeschnitten zu sein scheint. Umkehr und Rettung sind existentielle menschliche Erfahrungen, die durch keine Worte und keine Belehrungen ersetzt werden können. Wir dürfen uns darauf verlassen, dass es sie immer geben wird – und Gott daher letztlich niemals aus der Mode kommen wird, allen zeitgeistigen Unkenrufen zum Trotz. 

Göttliches zwischen Schrift und Quantenphysik 

Jeder erfahrene Geschichtenerzähler weiß, dass es zunächst gilt, Spannung aufzubauen, um eine möglichst unerwartete Wendung herbeizuführen, die im Leser oder Zuhörer – der vielleicht selbst nach Lösungen im eigenen Leben sucht – neue Hoffnung aufkeimen lässt. Von der Erfindung der Schrift bis zur Entdeckung der Quantenphysik; auf Tiefen menschlicher Entwicklung folgten gewaltige Höhen. Aber auch hinter jeder scheinbaren Lösung erwartet uns ein neues Problem. Dies ist der Lauf der Welt, und wer bereit ist, sich in diese Logik einzuklinken, der darf sich auf einiges gefasst machen. „Aufgeben“ tut man bekanntlich einen Brief. Ob Königin, Jetset-Lady unserer Tage oder doppelt geforderte, berufstätige Mutter: Jeder Mensch ist eingeladen, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen und dabei Gott den ihm gebührenden Platz einzuräumen. Gott drängt sich nicht auf – aber er bietet sich uns immer wieder an. Auch als der lebendige Christus wirkt er in unsere Zeit hinein. 

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