Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Der alte päpstliche Hofstaat

„...sei du der Senator der Stadt“

Die Päpste hatten durch die Jahrhunderte hinweg eine enge Bindung zur Verwaltung der Ewigen Stadt. Wenn Franziskus am 10. Juni wieder das Kapitol in Rom aufsucht, wird von dem einstigen Prunk nichts mehr zu sehen sein.
Vatican  Museums,  Vatican  City
Foto: IMAGO/xRunomanx (www.imago-images.de) | Der Hofstaat des Papstes, dargestellt auf einem Fresko von Francesco Podesti, gemalt anlässlich der Verkündigung des Dogmas von der unbefleckten Empfängnis Mariens durch Pius IX. am 8. Dezember 1854.

Als die Päpste das Erbe der Cäsaren antraten und damit die politische Verantwortung in Rom übernahmen, blieb der Senat weiterhin bestehen, wenn er auch in manchen Zeiten – und oft über lange Epochen hinweg – zur Bedeutungslosigkeit verurteilt war. Dennoch, prinzipiell blieb ihm ein gewisses Maß an Eigenständigkeit und Rechtshoheit zugestanden. Als der Senat als Körperschaft erlosch, sahen sich die Päpste in die Verantwortung genommen und hielten ihn in der Figur des „Senator Almae Urbis“ (Senator von Rom) symbolisch bei: Dieser Würdenträger hatte die Kontinuität in der Geschichte der Ewigen Stadt aufzuzeigen.

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1514 ernannte Leo X. (1513-1521) den Vizekämmerer der Heiligen Römischen Kirche zum „Gubernator Urbis“, zum Gouverneur der Stadt Rom. Dieser hochrangige Prälat, der zweite in der Hierarchie der Apostolischen Kammer, sollte dann für über 300 Jahre der weltlichen Administration der Ewigen Stadt vorstehen. Der Senator von Rom verlor mit der Zeit immer mehr Rechte, so dass ihm fast nur noch repräsentative Aufgaben zukamen.

Amtsantritt des Senators

Die Einsetzung eines neuen Senators erfolgte durch den Papst selber. Der zum Senator Bestimmte kniete bei dieser Zeremonie im Thronsaal des Apostolischen Palastes vor dem Pontifex nieder. Dem Papst wurde auf einem samtenen roten Kissen ein Zepter präsentiert. Der Heilige Vater ergriff es und überreichte es dem Niederknienden mit den Worten: „Nimm hin das Zepter und sei der Senator der Stadt. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“

Das 40 Zentimeter lange Zepter war aus Elfenbein gefertigt und sollte dem Senator als Zeichen seiner Amtsgewalt dienen. Vom päpstlichen Palast aus begab sich der Senator in einer feierlichen Kavalkade – in späterer Zeit benutzte er eine Galakutsche – zum Kapitol. 24 Salutschüsse der Geschütze der Engelsburg begleiteten den Amtsantritt.

Prozession zum Kapitol

Wenn der Papst nach seiner Krönung vom Lateran feierlich Besitz ergriff, trat der Senator dem neuen Herrn der Stadt als Vertreter des Magistrates und des Volkes entgegen. Die Reiterprozession des Heiligen Vaters hielt beim Kapitol an. Der Senator stieg in seiner feierlichen Amtsrobe, das Elfenbeinzepter in der Hand, die Stufen hinab, kniete vor dem Papst nieder, legte ihm als Zeichen der Unterwerfung das Zepter vor die Füße und küsste das auf den Schuhen des Papstes eingestickte Kreuz.

Dann richtete er eine Rede an ihn, in der er mit festgesetzten Worten der Freude über die erfolgte Papstwahl Ausdruck verlieh, die Treue und den Gehorsam der Stadt versprach und ein glückliches Regieren wünschte. Der Papst nahm das Treuebekenntnis und die Gehorsamsbezeugung an und erteilte den Apostolischen Segen. Der Senator nahm dann seinen Platz in der Reiterprozession ein. In früheren Zeiten war ihm in der Nachfolge des Stadtpräfekten von Rom der Stratorendienst anvertraut, das heißt er hatte die Zügel des päpstlichen Schimmels bei der Reiterprozession zu führen.

Der römische Karneval

Bei den wichtigsten weltlichen Festen der Ewigen Stadt war seine Anwesenheit gefordert. So lag alles, was den römischen Karneval betraf, in der gemeinsamen Verantwortung des Monsignor Governatore und des Senators. Zur Eröffnung des Festes und der Verleihung der Preise an die Gewinner der verschiedenen „corsi“ (Wettläufe) hatten die genannten Würdenträger ihren offiziellen Auftritt, der sogar Goethe zu beeindrucken wusste.

Der selige Urban V. (1362-1370) hatte durch seine „Statuta Urbis“ Konservatoren als Mitarbeiter des Senators eingesetzt. Sie mussten aus dem „ceto nobiliare“ (Adelsverzeichnis) der Stadt genommen werden. Bei ihrem Amtsantritt erhielten sie aus der Hand des Senators ein vergoldetes Zepter aus Holz. Im Falle, dass der Senator verhindert war, konnten sie ihn collegialiter vertreten. Die „Capirioni“, die Vorsteher der Stadtviertel, wurden aus dem Bürgertum ausgewählt. Konservatoren und „Capirioni“ bildeten gemeinsam mit dem Senator den römischen Magistrat („Magistratus Romanus“).

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Bei den Feierlichkeiten des Päpstlichen Hofs hatte der Römische Magistrat von Amtswegen zu erscheinen. Seine Mitglieder kamen in Galakutschen, gewandet in goldverbrämten roten Togen und begleitet von Pagen. Bei hochfeierlichen Anlässen wurde auch der „gonfalone“, das Banner der Stadt, mitgeführt. Der Senator assistierte dem Papst bei bestimmten Anlässen auf der ersten Stufe des päpstlichen Thrones, unterstützt von den Konservatoren.

Das prachtvolle Fresko von Francesco Podesti in der Sala dell?Immacolata des Apostolischen Palastes, das aus Anlass der Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis entstand, dokumentiert dies sehr eindrucksvoll. Bei der Fronleichnamsprozession in Rom galt es als besonderes Privileg, zu jenen zu gehören, die den großen Baldachin trugen, der den Papst und das Allerheiligste überhöhte. Zu seinen Trägern gehörte auch der Magistrat Roms.

Beeindruckende Gewandung des Magistrats

Beeindruckend war die Gewandung des Magistrats. Der Senator trug als Galakleidung die „toga rossa“, eine rote Damastsoutane mit rotem Zingulum und Goldquaste, rote Strümpfe, Lackschuhe, die mit einer rotgoldenen Rosette geschmückt waren, und eine rotgoldene „croccia“ (ein weiter Seidenmantel mit weiten, kurzen Ärmeln und Schleppe). Der Hut in der Form eines „cappello romano“ war mit schwarzgoldenen Quasten verziert. Über seinem Gewand trug er ein goldenes Kollar mit einem Medaillon, das auf der einen Seite das Wappen des regierenden Papstes, auf der anderen das der Stadt Rom aufwies.

Die Kleidung der Konservatoren war der des Senators nachempfunden, etwas vereinfacht und ohne Halskette. Die Pferde, die die Kutsche des Senators zogen, durften ein besonders verziertes Saumzeug und einen prachtvollen Kopfschmuck (himmelblaue, mit Gold durchsetzte Quasten) tragen – ein ansonsten den Pferden der Kardinäle, Fiocchetti-Prälaten, Fürsten und Botschafter vorbehaltenes Privileg. Der Senator wurde bei offiziellen Anlässen von zwei Pagen und einem „Fedele del Campidoglio“ (Amtsdiener des Kapitols) begleitet.

Im Zuge seines Reformprogramms hatte Papst Pius IX. (1846-1878) im Jahre 1847 dem Römischen Magistrat weitgehende Rechte eingeräumt und ihn zu einer echten Stadtregierung gemacht, vorbehaltlich gewisser Rechte, die dem „Monsignor Governatore di Roma“ zukamen, der nunmehr als Polizeidirektor von Rom fungierte. Letzter, durch den Papst eingesetzter Senator von Rom war der Marchese Francesco Cavalletti-Rondini gewesen; er hatte sein Amt vom Juli 1865 bis zum 20. September 1870 inne.

Am 10. September 1870 war der Senator letztmals vor der römischen Bevölkerung in Erscheinung getreten; der Papst hatte an diesem Tag die feierliche Wiedereröffnung der Wasserleitung der „Acqua Marcia“ bei den Thermen des Diokletian vorgenommen. Zehn Tage später besetzten die Truppen des italienischen Königs die Ewige Stadt und besiegelten das Ende des alten Kirchenstaates.

Für den Heiligen Stuhl blieben die Ämter des Senators, der Konservatoren und der Prioren der Stadtviertel weiterhin als Dignitäten präsent – als zeremonielle Institutionen am Päpstlichen Hof, die jedoch nicht mehr besetzt wurden. Auch nach der Aussöhnung mit Italien (1929) verschwand der „Magistratus Romanus“ nicht aus dem Päpstlichen Jahrbuch. Erst mit dem Motu Poprio „Pontificalis Domus“ vom 28. März 1968 hörte er auf, als päpstliche Einrichtung zu bestehen.

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Ulrich Nersinger Diokletian Pius IX. Romanus Urban V.

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