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Sehnsucht nach Halt treibt sie an

Drei Autoren, drei Zugänge zu Ausformungen von Liebe und der Sehnsucht nach dem Ideal.
Dorfleben
Foto: Felix Kästle (dpa) | Zum großen Erstaunen der Städterin leben auf dem Land in einem Dorf vollkommen normale Menschen, die noch dazu freundlich sind. Das verunsichert - soweit, dass Verwirrung entsteht.

In einigen Urlaubstagen nahm ich mir zwei neue Besteller-Romane vor. Im Sommer zuvor hatte ich Daniela Kriens „Die Liebe im Ernstfall“ gelesen. Nun kamen das frisch erschienene „Vernichten“ von Houellebecq und „Über Menschen“ von Juli Zeh mit auf die Reise. Die drei Geschichten sind höchst unterschiedlich. Bei Krien geht es um die Schwierigkeiten, Erfüllung in Beziehungen zu finden. Die Aneinanderreihung miteinander verwobener Einzelgeschichten zeigt bereits in der Form die Problematik: das Bleiben bleibt aus. Beständigkeit in der Liebe ist demnach ein Ideal, das in der heutigen Zeit offenbar kaum mehr zu erreichen ist.

„Was bei Krien als real existierende Größe überhaupt nicht mehr vorkommt ist das,
was bei Houellebecq im Angesicht des Todes immer noch trägt:
die wiedergefundene Liebe in einer Ehe, die Familie, trotz all ihrer Schattenseiten.“

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Die international gefeierte deutsche Romanautorin Juli Zeh lässt eine junge, erfolgreiche Werbetexterin während des Lockdowns aus Berlin und dem hippen Großstadtmilieu ausbrechen und aufs Brandenburger Land ziehen. Auf der Suche nach Irgendwas. Dort findet sie sich auf einmal inmitten „ganz normaler Menschen“ wieder, die politisch aber komplett anders gepolt sind als ihre Berliner Szene. Wie kann es sein, dass ihr Nachbar vorbestrafter Rechtsradikaler ist, aber ihr ohne Worte selbstverständlich beim Einzug hilft? In einem Dorf, wo fast jeder die AfD wählt, kommt die Berlinerin in Kontakt mit ganz freundlichen Leuten, deren Ansichten ihren eigenen aber diametral entgegen stehen. Ein Prozess der Verwirrung setzt ein, innere Grenzen scheinen sich zu verschieben.

Einfache Antworten gibt Zeh nicht, doch in ihrer Protagonistin tut sich ein Abgrund auf, ein Mangel an Substanz, an Selbststand. Eigentlich weiß sie nicht, was sie will, wo sie zuhause ist. Die existenzielle Heimatlosigkeit kennzeichnet auch Paul Raison, die Hauptfigur in Houellebecqs neuem Buch. Er hat bisher hauptsächlich für seine Karriere gelebt, tiefe Überzeugungen sind ihm fremd. Die politische Ordnung des Westens ist nun aber im Wanken, sein Vater liegt im Sterben und schließlich wird bei ihm selbst Krebs diagnostiziert.

Es gibt etwas, was trotz aller Skepsis noch trägt

Auch hier keine Antworten, doch eine subtile Sehnsucht. Beim Blick auf eine Kirche überkommt Raison die Ahnung, seine Geschichte mit dem Christentum sei vielleicht noch nicht abgeschlossen. Meint Houellebecq nur Paul selbst oder gar die Geschichte Europas? Weshalb hat er seiner Hauptfigur den Namen „Raison“ gegeben, Vernunft? Houellebecqs Roman ist ebenso wie jene Zehs und Kriens einer des Vergehens, des Zerbrechens. Was bei Krien als real existierende Größe überhaupt nicht mehr vorkommt ist das, was bei Houellebecq im Angesicht des Todes immer noch trägt: die wiedergefundene Liebe in einer Ehe, die Familie, trotz all ihrer Schattenseiten.

Und der Glaube der Schwester von Paul, die engagierte Katholikin ist. Ist es wahr, dass die Autoren mitunter Seismographen, vielleicht sogar säkulare Propheten einer Gesellschaft sind? Falls dem so ist, sprechen diese relativ zufällig herausgegriffenen zeitgenössischen Romane eine Sprache der Sehnsucht. Sehnsucht nach Halt. Sehnsucht nach Verbundenheit. Nach Sinn. Es sind Romane metaphysischer Heimatlosigkeit. Romane, die es sich in dieser Heimatlosigkeit aber nicht bequem eingerichtet haben, sondern sie wach halten.

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