Vitalität und Präsenz, ein hohes Aufmerksamkeitslevel selbst in langen Gesprächen und ihr phänomenales Gedächtnis: Dass die große Fotografin Ingrid von Kruse mittlerweile 90 Jahre alt geworden ist, vergisst man in ihrer Gegenwart schnell. Mit ihr zu plaudern ist ein Vergnügen. An den Wänden ihrer hellen, Hamburger Wohnung im feinen Villenviertel von Harvestehude nahe der Außenalster hängen eigene Fotos – und zwei abstrakt-seichtfarbige Werke ihrer Dozentin an der Essener Folkwang-Schule. Ein Künstlerleben: Auf ihre Abstammung von einem großen Bauernhof bei Lübeck ist sie ein wenig stolz, auf die künstlerische Karriere noch mehr. Dabei wurde von Kruse erst in späteren Jahren zur Fotografin. Von 1954 bis 1958 studierte sie Grafik, Malerei und Textilgestaltung an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und arbeitete nach ersten Festanstellungen erfolgreich als freie Textildesignerin. „Heute reden alle von Promi-Koch, Promi-Frisör, Promi-Architekt. Ich war eine Promi-Stoffdesignerin“, gibt sie selbstbewusst zum Besten und trägt wie zum Beweis dieser Ansage ein auffälliges Halstuch in wohlabgestimmten, blau-grün-violetten Farben.
Erst 1984, nach einem späten Fotostudium an der Folkwang-Hochschule Essen, widmet sie sich fast ausschließlich der Porträtfotografie – da war Ingrid von Kruse schon fast 50 Jahre alt. Ihre zweite Karriere, darauf legt die resolute Frau, Mutter und Großmutter Wert, finanzierte sie nach und nach aus eigenen Erlösen: „Mein Mann, ein Spätheimkehrer, der in der Pharma-Branche sein Geld verdiente, war äußerst sparsam!“ Mit Aufnahmen von Carl-Friedrich von Weizsäcker legte sie den Grundstein für ihren Ruf als bedeutende Porträtfotografin. Das Bild zeigt den Wissenschaftler und homme de lettre als Privatier: in gemütlicher Strickjacke mit den entspannten Gesichtszügen eines Mannes, der mit einem ganzen Zeitalter im Rücken nach vorn schaut, mal zuversichtlich, mal nachdenklich. Von Kruse hatte ihn aus einer Gesprächssituation mit Schülern für ihre Porträtsitzung herausgelöst. Die Max-Planck-Gesellschaft vergab danach einen Porträt-Großauftrag für etwa hundert ihrer klugen Köpfe an die Fotografin – der Beginn ihrer zweiten Karriere mit der Kamera. Zwar hatte sie vorher schon fotografische Mittel für Textildruck-Motive eingesetzt. Dass sie aber zum eigentlichen Fotografieren kam, verdankt von Kruse einem Rom-Aufenthalt mit einer geliehenen Minolta-Kleinbildkamera – und einem leichten Teleobjektiv. Es entstanden Bilder von magischer Atmosphäre, die fotografisch verdichteten Bildgründe erzeugen bisweilen den zauberhaften Guckkasten-Effekt einer Barockbühne.
Römische Erinnerungen
Nun legt Ingrid von Kruse ihre Rom-Erinnerungen in Wort und Bild als Buch vor – und schon jetzt wird das vergleichsweise kleinformatige Werk als literarisch-fotografisches Ereignis gefeiert. Für etwaigen Nachruhm hätte es das Buch nicht gebraucht: Von Kruses Arbeiten befinden sich in bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen, darunter die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, das Deutsche Historische Museum in Bonn, die Hamburger Kunsthalle oder das „Museum of Fine Arts“ in Houston. Im Jahr 2022 übernahm die Deutsche Fotothek ihren fotografischen Nachlass, so etwas wie der Ritterschlag für historische Relevanz. Alles ist ausschließlich analog fotografiert, fast immer bei Tageslicht mit den Effekten unterschiedlicher Zeiten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen – etwa bei einem Japan-Buch – ist alles durchgehend in Schwarz-Weiß aufgenommen, alles selbst entwickelt und vergrößert im eigenen Labor. Diese durchgängige Unmittelbarkeit über den gesamten Prozess der Bilderstellung verleiht all ihren Werken die besondere Intensität und Überzeitlichkeit. Ein stilsicher im Bild mit feinen Grauabstufungen eingebauter Patina-Effekt hat nichts Aufgesetztes, sondern ist integraler Teil der besonderen Bildsprache.

Zurück zum gerade im Morio-Verlag erschienenen Rom-Buch mit dem Untertitel „Stadt der Götter und der Träume“: Gleich das Titelbild setzt den Ton. Ein römisches Komposit-Kapitell im alten Hafen von Ostia Antica verbindet als Spolie den in Marmor gehauenen Akanthus am Übergang zum Säulenschaft mit wucherndem Efeu. Wie in einer bildgewordenen Vers-Erzählung aus Ovids „Metamorphosen“ überlagern sich Zeiten und Wahrnehmungen, Natur und menschliche Gestaltungskraft und formen verwandelt eine neue Realität. Am linken, unteren Bildrand bilden flache, römische Ziegel aus der Kaiserzeit das Fundament, von diesen gebrannten Tonsteinen lässt sich die Fotografin in Rom immer wieder faszinieren. Als formal-grafische wie als konkret-stoffliche Kraft wirken die schlichten Backsteine in die Bildgestaltung hinein. Bei einem Fotoblick zum „Tempel von Castor und Pollux“ auf dem Forum Romanum bilden aus Ziegeln kunstvoll gemauerte Bögen den dynamischen Vordergrund – als Kontrast zu den statuarisch aufragenden Säulen mit dem abgebrochenen Architrav der Tempelruine. Im Hintergrund eine moderne Wohnbebauung, die als plastische Folie den gewaltigen Zeitsprung erfahrbar werden lässt.
Faszinierende Netzwerke
Dass ihre Bildwerke nicht genial-künstlerischen Alleingängen entspringen, daraus macht von Kruse keinen Hehl. Im Gegenteil – sie ist stolz auf ihre faszinierenden Netzwerke. Immer spielt in die Geschichte der Bilder auch die Fähigkeit der Fotografin hinein, Kontakte zu knüpfen, Menschen für sich zu gewinnen, Zeitfenster zu nutzen und die entscheidenden Momente der Begegnungen zu erfassen. Meist sind es Männer, die ihr die Wege bereiten, mit ihnen kann sie, wie man so sagt. Federico Fellini, der geniale Regisseur, sticht als Tippgeber und Türöffner natürlich heraus, aber einer ist sicher an vorderster Stelle zu nennen. Prälat Max-Eugen Kemper, der Botschaftsrat an der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl, wurde zum „kundigen Cicerone“, wie von Kruse würdigend schreibt. Er öffnete ihr die gerade renovierte Sixtinische Kapelle mit den geradezu verstörend frischen Farben aus der Michelangelo-Zeit des Cinquecento. Auch San Clemente, Kempers Lieblingsbasilika, bleibt ihr mit den unterirdischen Spuren des Mithras-Kultes unvergessen. Von Kruse ist Protestantin: Dass sie sich dem Katholischen in der hier sichtbaren und lesbaren Weise so öffnen konnte, verdankt sie vor allem dem offenen, vermittelnden Spirit des Monsignore aus dem Hochsauerland. Es geht eben bei Rom nicht nur um Architektur, Skulptur und Malerei, sondern um ein Erfassen der Ewigen Stadt mit allen Sinnen. Kemper, von Johannes Paul II. 1990 zum Ehrenprälaten ernannt und seit 2003 Koadjutor des Domkapitels an Sankt Peter, hat die Entstehung des Buchs interessiert mitverfolgt. Seine Sorge, er tauche in den Beschreibungen zu sehr als freigiebiger Genussmensch mit gut gefülltem Spesenkonto auf, weiß Ingrid von Kruse zu zerstreuen: „Wenn er in die ‚Hostaria Costanza‘ an der Piazza Navona einlud, freuten sich schon die Kellner auf den genussfreudigen Gast. Aber er bezahlte dann alles aus seinem Portemonnaie, Kemper stammt aus wohlhabenden Verhältnissen, ist finanziell unabhängig.“ Zehn der Rom-Bücher, wo er so prominent auftaucht, hat Kemper schon für seine Verwandtschaft bestellt.
Noch prominenter in der katholischen Hierarchie angesiedelt ist ein anderer, der für von Kruses Rom-Erfahrungen prägend werden sollte: Kardinalstaatssekretär Sua Eminenza Agostino Casaroli, der als „Außenminister“ des Heiligen Stuhls unter Papst Paul II. eine entscheidende, wegbereitende Rolle einnahm – und schon bei der Cuba-Krise geheimdiplomatisch vermittelte. Wie die begabte Autorin Ingrid von Kruse diese historische Begegnung in gekonntem Plauderton ausbreitet, soll hier nicht vorweggenommen werden, nur so viel: Allein die Casaroli-Passage lohnt die Lektüre dieses wunderbaren Buchs.
Ingrid von Kruse, Rom – Stadt der Götter und Gelehrten, Erinnerungen; 176 S., Morio Verlag, Heidelberg 2026, 32 Euro.
Hinweis: Eine aktuelle Ausstellung mit Fotos von Ingrid von Kruse ist derzeit in der Fotokunst-Galerie von Johanna Breede in der Berliner Fasanenstraße zu sehen. „Eminent Architects“ heißt die Schau, die gezeigten Aufnahmen sind auch in Buchform erschienen. Ohne Auftrag, lediglich aus persönlichem Interesse reiste Ingrid von Kruse mit ihrer alten Hasselblad-Kamera im Gepäck durch die ganze Welt. Ihre Kamera wird Treffpunkt von 32 legendären Baumeistern; es entsteht ein eindrucksvolles Panorama der größten Architekten.
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