Frau Rogge, Sie haben mit Ihrer Exkursion ins Weltall für sich einen Traum verwirklicht. Träumen Sie noch heute davon?
Manchmal träume ich tatsächlich noch davon – von dem Eindruck, wie man die Erde von dort oben gesehen hat, wie der ganze Planet irgendwie im All schwebt. Das ist aber nach gut einem Jahr jetzt seltener geworden. Gelegentlich sehe ich mir Bilder und Filme von meinem Weltraumflug noch einmal an. Das hat allerdings nicht das gleiche Gewicht wie dieser gewaltige Eindruck von oben. Das kann man kaum beschreiben.
Sie hatten den Plan, Astronautin zu werden, nach Abschluss Ihres Masterstudiums in Elektrotechnik gefasst – 2020, fünf Jahre vor Ihrem Raumflug. Und dann lernen Sie 2023 auf einem Ski-Expeditionstraining im arktischen Spitzbergen Chun Wang kennen, den Designer und Sponsor der Fram2-Mission. Ein halbes Jahr nach der Expedition fragt er Sie per Textnachricht, ob Sie mitkommen wollten. Was ging da in Ihnen vor?
Das fühlte sich zunächst sehr surreal an. Ich fragte mich: Lebe ich jetzt in einer Simulation? Als ich merkte, dass er es ernst meinte, kam eine Woche Ekstase – und dann kamen Bedenken. Das wird doch eh nichts, dachte ich mir. Und warum fragt er denn gerade mich, da gibt es doch viel Bessere.
Sie wurden zu einer deutschen Bedenkenträgerin?
Ja, genau. Es war für mich ein Prozess von über zwei Monaten: des Recherchierens, des Abwägens von Risiken, des Nachfragens, des Sichererwerdens. Aber dann war der Entschluss gereift: Ich mache mit. Und ab da stand ich zu hundert Prozent hinter meiner Entscheidung.
In Vorbereitung auf die Weltraummission haben Sie vieles eingeübt: Hochbeschleunigung in der Zentrifuge, Teamwork im All, wissenschaftliche Experimente. Das Fliegen von Flugzeugen haben Sie nicht geübt. Dabei wurde Ihnen in der vierköpfigen Crew die Rolle der Pilotin zugedacht. Sie waren also eine Pilotin ohne Pilotenschein. Eine ganz neue Entwicklung?
In der Tat. Keiner von uns vieren hatte vorher selbst Flugzeuge geflogen oder dies im Rahmen der Missionsvorbereitung nachgeholt. Unser Raumschiff, die Crew Dragon, ist auf autonomes Raumfahren hin konzipiert. Die Navigation erledigt der Bordcomputer, unterstützt durch die Bodenkontrolle. Es ist das Mindset eines Piloten, auf das es in erster Linie ankommt. 90 Prozent meines „Pilotentrainings“ bestanden darin, mich für Notlagen zu wappnen – wie Druckverlust, Fehler in den Lebenserhaltungssystemen etc. – und im äußersten Notfall dann tatsächlich die Steuerung übernehmen zu können. Als bewusster, menschlich-autonomer Akt wurde vor dem Start der Rakete das Scharfschalten des Launch-Abbruchsystems durch die Crew beibehalten. Damit allen klar wird: Jetzt ist es ernst.
Für Ihren Aufenthalt im Weltall konnten Sie nur wenige persönliche Dinge mitnehmen. Sie hatten unter anderem eine analoge Kamera dabei, eine Minolta X-300. War ein Grund dafür vielleicht, dass Sie den Film nachher auf der Erde in einer Drogerie entwickeln lassen konnten – und den spannenden Moment erst beim Abholen hatten, zu sehen, was aus den Weltraumbildern geworden ist?
Ja, so ungefähr. Das war ein Grund: dass man erst später sieht, was herauskommt, und sich deswegen länger Gedanken macht, was man fotografiert. Und bewusster Fotos macht, weil man auf dem Film nicht so viele Bilder speichern kann wie auf einem Chip. Der andere Grund war, dass man mit einer analogen Kamera die Atmosphäre (im doppelten Sinne) im Weltraum viel besser einfangen kann als mit einem Smartphone. Wir hatten von SpaceX natürlich auch sehr hochwertige Digitalkameras mit an Bord.
Vielfach wurde in (deutschen) Medien über Ihre Rolle als erste deutsche Frau im All geschrieben. Ein anderer Erstling blieb dort kaum reflektiert: Ihre Mission Fram2 war der erste bemannte Raumflug, der sich in einer polaren Umlaufbahn bewegte und nicht die Erde nahe am Äquator umkreiste. So konnten Sie zum Beispiel Nord- und Südpol direkt überfliegen. Wie kam es dazu?
Dies hat sich während der einjährigen Vorbereitung unter Mitwirkung der Crew als ein Ziel unserer Mission herauskristallisiert. Wir vier haben alle Bezug zur Arktis, drei von uns haben sich dort kennengelernt. Unsere Mission wurde vom Initiator Chun Wang „Fram2“ benannt – in Anlehnung an das Forschungsschiff Fram, mit dem Fridtjof Nansen und Roald Amundsen Polarexpeditionen in Arktis und Antarktis durchführten. Deren Pioniergeist wollten wir mit ins Weltall nehmen und erstmals die beiden Pole der Erde vom Weltraum aus betrachten. Das Team von SpaceX war da zunächst etwas skeptisch, aber dann haben wir es alle gemeinsam gewagt und geschafft.
Wenn man die Pole überfliegt, die Polarlichter aus dem Weltraum betrachtet – kommen einem da Gedanken an Gott, an eine Schöpfung? Sind Sie gläubig?
Ich bin Protestantin. Bei der Mission sah ich mich als Wissenschaftlerin. Wichtig für mich war, dass ich Vertrauen in alle Menschen hatte, die dabei mitwirkten, insbesondere in das Team der Bodenkontrolle. Ein Staunen umfing mich immer wieder bei den ganz unterschiedlichen Farben und Blickwinkeln, die sich aus dem All auf die Erde bieten. Einmal überfliegt man die Eiswüste und denkt: Das sieht aus wie auf Enceladus, dem sechstgrößten Saturnmond. Dann überfliegt man Australien und denkt: Das sieht aus wie auf dem Mars. Beide Himmelskörper haben vielleicht gute Voraussetzungen für außerirdisches Leben. Aber die bei Weitem allerbesten Voraussetzungen zum Start der Menschheit sind hier auf der Erde. Es ist unglaublich, was sich hier für Möglichkeiten für den Menschen entfalten.
Und jetzt, wieder zurück auf Ihrem Heimatplaneten: Gibt es da so einen Vorher-Nachher-Moment? Fühlen Sie sich jetzt anders, wenn Sie wieder mit beiden Beinen auf der Erde stehen, spazieren gehen und nach oben gucken?
Ja, manchmal schon. Ich finde indes, der Blick auf die Erde ist für mich gar nicht so anders als der Blick zu den Sternen. Beides weitet die Perspektive ungemein. Wenn man in seinen Alltagssorgen gefangen ist und dann zu den Sternen hinaufschaut – oder eben auf die Erde herabschaut –, dann kommt ein erhebendes Gefühl. Da sind noch so viele andere Sterne, die wir gemeinsam für uns als Menschen erkunden können, und hier auf der Erde können wir in den nächsten Tausenden von Jahren als Menschheit noch so viel erreichen.
Was steht denn jetzt auf Ihrem nächsten Fünfjahresplan – wollen Sie zum Mond?
Also, ich würde nicht Nein sagen. Aber ich glaube, mein nächster Schritt ist, dass ich der Gesellschaft als Forscherin dienen möchte. Ich würde gern die Robotik revolutionieren (lacht).
Sie forschen gerade im Rahmen Ihrer Doktorarbeit zu arktischer Robotik: Wie können autonome unbemannte Boote unter extremen arktischen Bedingungen am besten agieren? Was fasziniert Sie so an der Robotik?
Also, das begann, als ich als Kind gerne mit Lego-Robotern gespielt habe. Die konnte man schon ein bisschen programmieren. Ich fand es damals interessant, wie eine Maschine versucht zu verstehen, was die reale Welt ist. Heutzutage interessiert mich zum Beispiel, wie man Intuition an Roboter vergibt. Wie kann man Maschinen vertrauen, und wie können Maschinen Menschen vertrauen? Diese menschlichen Relationen finde ich sehr spannend. Ich glaube, aus der Beschäftigung mit Robotern lernen wir sehr viel über uns selbst als Menschen.
Der Autor beschäftigt sich als studierter Philosoph und promovierter Jurist mit der Geschichte der Raumfahrt.
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