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Pater Engelbert Recktenwald: Vernunft ist eine göttliche Gabe

Auch Johann Gottlieb Fichte wusste: Wird Gott seiner Autorität beraubt, dann wird aus der Größe seines machtvollen Erbarmens die Kümmerlichkeit billiger Gnade.
Johann Gottlieb Fichte gibt Gott die Autorität zurück
Foto: IMAGO/Zoonar.com/H.-D. Falkenstein (www.imago-images.de) | Johann Gottlieb Fichte gibt Gott die Autorität zurück, indem er ihn mit der moralischen Weltordnung identifiziert.

Vernunft ist eine göttliche Gabe. Sie ist so göttlich, dass es schon einmal vorkommen kann, dass man sich selbst mit dem lieben Gott verwechselt. Das ist der Fall, wenn man der eigenen Vernunft die Autorität für die Bestimmung dessen zuschreibt, was moralisch gut ist oder nicht. Der Mensch wird zum „Schöpfer des Sittengesetzes“, wie es einst Karl Vorländer ausdrückte in der Meinung, damit Kants Autonomieauffassung wiederzugeben. Bei manchen Theologen wird Autonomie dann zum Zauberwort, um alle Autoritätsansprüche Gottes abzuwehren. Gott muss sich den Maßstäben des Menschen unterwerfen.

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Nur dann darf er akzeptiert werden. Welche Rolle bleibt für ihn dann noch übrig? Wozu braucht man ihn noch? Man braucht ihn zum eigenen Glück. Christentum wird zu einem Trostangebot angesichts dessen, was trotz aller menschlichen Vernunft immer noch schiefläuft, es verwandelt sich, wie Fichte es einst mit scharfen Worten gegeißelt hat, „in eine entnervende Glückseligkeitslehre“.

Kümmerlichkeit billiger Gnade

Aus Gott, dem Regenten der übersinnlichen Welt, wird ein Diener unserer Glücksbedürfnisse: „Da ist nur immer die Rede von seiner Güte und wieder von seiner Güte, und sie können nicht müde werden, dieser Güte zu gedenken, ohne auch nur einmal seiner Gerechtigkeit zu erwähnen. Da ist ihm alles einerlei; er läßt sich alles gefallen und muss sich alles gefallen lassen; und was die Menschen auch tun mögen, er ist mit seinem Segen immer hinterdrein.“

Wird Gott seiner Autorität beraubt, dann wird aus der Größe seines machtvollen Erbarmens die Kümmerlichkeit billiger Gnade. Fichte gibt Gott die Autorität zurück, indem er ihn mit der moralischen Weltordnung identifiziert, und zwar im Sinne eines ordo ordinans: Gott ist nicht einer Moral unterworfen, deren Deutungshoheit bei deutschen Theologen liegt, sondern wir alle sind Gott unterworfen als der höchsten moralischen Ordnungsmacht.

Das Moralgesetz ist Ausfluss der unendlichen Wertfülle Gottes. Die Würde unserer Vernunft liegt in ihrer Wertsichtigkeit, kraft derer sie bestimmen kann, was gut und böse ist – „bestimmen“ im Sinne von „erkennen“. Wenn wir aufgrund eines Pflanzenbestimmungsbuches die uns begegnende Flora „bestimmen“, dann meint dieses „Bestimmen“ lediglich ein „Identifizieren“. Wenn dagegen von Selbstbestimmung die Rede ist, dann meint „bestimmen“ ein aktives, freies Verursachen – nämlich der eigenen Handlungen.

Unsere Freiheit

Wir bestimmen frei, wie wir handeln. Aber wir bestimmen in diesem Sinne nicht die Normen, denen unsere Handlungen unterworfen sind. Dass Lüge oder Unzucht moralisch schlecht, Ehrlichkeit und Nächstenliebe gut sind, verdankt sich in keiner Weise unserer Selbstbestimmung. Unsere Vernunft kann das erkennen und hat es anzuerkennen. Aber sie schenkt uns keine Macht darüber. Beides miteinander zu verwechseln ist dem Irrtum desjenigen vergleichbar, der durch ein Fernglas ferne Menschen nahe sieht und deshalb meint, er habe über Menschen die reale Macht, sie zu bewegen und in seine Nähe zu ziehen. Vernunft ist eine göttliche Gabe, weil sie uns moralfähig macht: fähig, uns durch die Liebe mit dem allheiligen Gott zu verbinden.

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