Katholisch begabt

Pasolini war ein katholischer Provokateur

Das italienische Multi-Talent Pier Paolo Pasolini würde am 5. März seinen 100. Geburtstag feiern. Er bezeichnete sich selbst als Atheist, setzte seine Hoffnung aber auf die Kirche .
Pier Paolo Pasolini am Filmset zu „La Ricotta“.
Foto: Imago Images | Pier Paolo Pasolini am Filmset zu „La Ricotta“. Die katholische Kirche, aber vor allem die Person Jesus Christus, spielen in seinen Werken wie auch in seinen Essays eine zentrale Rolle.

Die Kamera zeigt den auf eine Pritsche gefesselten Ettore. Der Junge sieht seinem Tod in der schmutzigen Zelle eines italienischen Gefängnisses ins Auge. Kurz vor seinem letzten Atemzug ruft er: „Mamma, warum tun die mir das an?“ In der dramatischen Schluss-Sequenz nimmt Ettore die Haltung des Gekreuzigten ein. Der Regisseur setzt damit ein filmisches Zitat, angelehnt an Mantegnas „Cristo Morto“, einem Gemälde aus dem 15. Jahrhundert.

Zwei Jahre nach „Mamma Roma“ lässt Pier Paolo Pasolini Jesus am Kreuz rufen: „Mein Vater, warum hast du mich verlassen?“ Seine Verfilmung des Matthäus-Evangeliums im Jahr 1964 ist karg, er hält sich exakt an den Text der Heiligen Schrift. Beide Protagonisten, Ettore und Jesus, sind Außenseiter. Der Sohn einer Prostituierten findet in dem tristen römischen Subproletariat keinen Anschluss, Jesus ist dem jüdischen Establishment ein Dorn im Auge. Beide lässt Pasolini am Kreuz sterben.

„Dass das ‚Leben heilig ist‘, war für Pasolini ein Prinzip,
welches ‚über dem Prinzip der Demokratie steht‘“.

Als „Dichter der Asche“ bezeichnete sich der Essayist und Pädagoge, Filmemacher und Literaturwissenschaftler, Marxist und Katholik Pasolini in dem gleichnamigen Gedicht. Er selber erlitt einen tragischen Tod: 1975, in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen, wurde seine blutüberströmte Leiche am Strand von Ostia gefunden. Der Mord ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Wurde der nie müde werdende Kritiker des politischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Systems Opfer einer politischen Verschwörung? Sein Kollege Michaelangelo Antonioni stellte die These auf, Pasolini wurde „im Grunde das Opfer seiner eigenen Roman- und Filmfiguren“.

Pasolini schlüpfte Zeit seines Lebens in die Rolle des an der italienischen Gesellschaft und dem Zeitgeist leidenden, märtyrerhaften Außenseiters. Seine Gesten waren die Verweigerung, das Nein-Sagen, die er als die Haltungen der Heiligen, Eremiten und Intellektuellen zu erkennen meinte – im Kontrast zu den „Höflingen oder Dienern der Kardinäle“, wie er in seinem letzten Interview, nur wenige Stunden vor seinem Tod, bemerkte. Er ließ sich weder von einer Partei noch von einer Weltanschauung vereinnahmen. Nur in einer einzigen Sache war Pasolini parteiisch: Er stellte sich stets auf die Seite der Wirklichkeit. In dem letzten Interview spricht er von der „schwerwiegenden Verantwortung, uns alleine mit der Wahrheit zu konfrontieren“.

 

Ambivalent zur Kirche

Ambivalent war stets seine Haltung zur Kirche und zum christlichen Glauben. Er bezeichnete sich als „Atheist“ und als „Ungläubiger“. Doch dann ist da das Bekenntnis, das Pasolini seinem Protagonisten, einen amerikanischen Regisseur, der in Italien einen Christus-Film drehen soll, in „La Ricotta“ in den Mund legt: „Ich möchte mit diesem Film meinen innerlichen, archaischen Katholizismus ausdrücken.“ Einem Journalisten antwortet Pasolini: „Meine Sicht der Dinge in der Welt ist keine natürliche oder säkulare. Ich sehe die Dinge immer ein bisschen wie ein Wunder. Meine Sicht der Welt ist in gewissem Maße religiös, aber nicht rigide oder sektiererisch.“

Pasolini war Künstler und Intellektueller. Vieles erspürte er, fühlte er. Sein gutes Gespür für anthropologische Realitäten täuschte ihn meist nicht. In seinem Essay „Herz“, den er kurz vor seinem Tod verfasste, schreibt er, dass den Menschen heute der Sinn dafür fehle, „dass das Leben der anderen heilig ist“. Im eigenen Leben gäbe es keine Gefühle mehr. Er bezog sich in „Herz“ auf seinen vorangegangenen Artikel, in dem er die Vorstöße der „Radikalen Partei“ für die Legalisierung der Abtreibung kritisiert hatte. Gleichzeitig handelte es sich um die Partei, in die er persönlich große Hoffnungen setzte. Doch in diesem Punkt vermisste er den Idealismus, den die radikal-liberale, linksgerichtete Partei sonst an den Tag legt. Dass das „Leben heilig ist“, war für Pasolini ein Prinzip, welches „über dem Prinzip der Demokratie steht“.

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Die Degeneration der Nächstenliebe

Sein klarer Blick ließ ihn aber auch erahnen, an was sich die katholische Kirche der siebziger Jahre versündigte: Er nannte es die „Degeneration der Nächstenliebe“. In einem Essay mit dem provozierenden Titel „Die Kirche, der Penis und die Vagina“ ließ er seiner Empörung über die von ihm gelesenen Urteile des vatikanischen Scheidungsgerichts freien Lauf. Er schloss das Fazit, dass es in ihren Urteilen „kein einziges Wort“ gebe, das „an das Evangelium erinnert. Christus ist hier toter Buchstabe“. Die Haltung Pasolinis zu Glaube und Kirche erinnert an Heinrich Bölls Protagonisten Hans Schnier in „Ansichten eines Clowns“. Christus und sein direktes, ins Herz treffende Wort, das sich in den Evangelien finden lässt, ziehen ihn an und berühren ihn, hingegen mit einer starren, institutionalisierten und dogmatisierten Struktur kann er wenig anfangen. „Ohne Nächstenliebe werden Glaube und Hoffnung monströs“, resümierte Pasolini.

Und doch formulierte er eine Vision für die Kirche. Inspiration dafür war ihm eine Ansprache Papst Pauls VI. in Castelgandolfo 1974, die Pasolini als von „fast schon skandalöser Klarheit“ bezeichnete. Paul VI. spricht davon, dass die Rolle der Kirche „fragwürdig, ja überflüssig geworden ist“. Dass die herrschende Macht sie nicht mehr brauche – so fasste es der Intellektuelle mit eigenen Worten zusammen. Der Papst, so ein begeisterter Pasolini, erkenne endlich den drohenden Untergang der Kirche. Er gebe der Kirche die „auf die Endzeit ausgerichtete Perspektive“, in die Opposition zu gehen. Die Kirche könne im Kampf gegen die Herrschaft des Konsums – in dem sah der Regisseur die größte Gefahr für die Gesellschaft – die Führung übernehmen. Dafür sollte sie sich aber ihrer Macht entledigen, um zu den Verlierern zu gehören.

Nein, Pasolini war kein Revoluzzer, schon gar nicht ein Modernisierer. „Ich bin eine Kraft der Vergangenheit“, schrieb er 1964. „Nur in der Tradition liegt meine Liebe.“

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