Yom HaShoah zu erfahren, ist ein beeindruckendes Erlebnis. In ganz Israel steht am „Tag des Gedenkens an die Shoah und das Heldentum“ die Welt für zwei Minuten still. Um 20 Uhr erklingen die Sirenen, Menschen verharren schweigend, Gespräche verstummen, Autos stoppen mitten auf der Straße, die Menschen entsteigen ihren Vehikeln; es ist ein kollektiver Moment der Erinnerung. Doch ebenso zentral wie dieses Innehalten ist das bewusste Weitergehen danach: Nach der Stille setzt sich das Leben fort. Genau darin liegt die Botschaft des Tages – nicht nur zu erinnern, sondern trotz oder gerade wegen der Vergangenheit weiterzuleben und dem, was die Nazis nicht geschafft haben, der Ausrottung der Juden, zu trotzen und in der Zukunft potenzielle Ausrottungsversuche zu bekämpfen.
Yom HaShoah erinnert nicht nur an die sechs Millionen ermordeten Juden, sondern auch ausdrücklich an den Widerstand– besonders an den Aufstand im Warschauer Ghetto. Dieser begann im April 1943, als jüdische Widerstandskämpfer im Ghetto gegen die Deportationen in die Vernichtungslager aufbegehrten. Trotz völliger militärischer Unterlegenheit hielten sie fast einen Monat stand und wurden zu einem Symbol für Mut und Widerstand angesichts sicherer Vernichtung. Deshalb wurde das Datum bewusst in die Nähe dieses Ereignisses gelegt: Es geht nicht allein um Opfergedenken, sondern auch um Würde, Selbstbehauptung und den Mut zum Widerstand in aussichtsloser Lage. In diesem Jahr fällt der Gedenktag auf den 13. beziehungsweise 14. April.
Inszenierte Betroffenheit
Am 12. April gedenken die Deutschen der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Einen Tag zuvor erreichten Einheiten der US Army das Lager bei Weimar; Häftlinge hatten bereits begonnen, sich selbst zu organisieren und Teile des Lagers unter ihre Kontrolle zu bringen. Was die Soldaten vorfanden, war ein Ort systematischer Entmenschlichung: ausgemergelte Überlebende, Massengräber, Spuren von medizinischen Experimenten und Zwangsarbeit. Die Befreiung markierte zwar das physische Ende der Haft für Zehntausende, die psychische Verarbeitung, falls man davon überhaupt sprechen kann, begann damit erst.
Auf beeindruckende Weise beschreibt die Serie „Band of Brothers“ die Sichtweise der GIs in der Folge „Why We Fight“: Als die Soldaten der US Army ein Konzentrationslager bei Landsberg am Lech, rund zwei Wochen nach Buchenwald, befreiten, sahen sie ähnliches Grauen wie ihre Kameraden in Thüringen. Jede noch so realitätsnahe bisherige Vorstellung der Shoah brach für die teilweise blutjungen Amerikaner zusammen. In dieser Stille fällt der Satz von Offizier Lewis Nixon, der das notwendige Eingreifen der USA, aber auch der Russen, Franzosen und Briten in seiner Einfachheit treffender nicht hätte sein können: „Now I know why I’m here.“ Nun weiß ich, warum ich hier bin. Er wirkt nicht wirklich wie eine Antwort, sondern wie ein Schlag – eine späte, unausweichliche Erkenntnis, die alles Vorherige neu einordnet. Es ist kein Triumph, kein Moment des Sieges, sondern eine leise, schwere Gewissheit: dass der Kampf einen Sinn hatte, der sich erst im Angesicht dieses Abgrunds offenbart, ohne ihn je wirklich fassbar zu machen.
Gegen das mörderische Mullah-Regime
Heute, im Jahr 2026, ist das Gedenken an Buchenwald jedoch stark geprägt von Geschichtsvergewisserung – einem bewussten Zurückgehen in das Jahr 1945, um die Dimension des Geschehenen zu begreifen. Anders als beim israelischen Yom HaShoah steht hier weniger das kollektive Innehalten im Alltag mit anschließendem Weitergehen im Vordergrund, sondern das Erinnern vor Ort und in der historischen Tiefe: Kranzniederlegungen, Zeitzeugenberichte, soweit es noch welche gibt, und volkspädagogische Programme. Es werden betroffene Reden von sich betroffen inszenierten Politikern gehalten, die das „Nie wieder“ im „Jetzt“ beschwören. Es sind dieselben Politiker, die jedwede Unterstützung Israels gegen das mörderische Mullah-Regime verwehren, obwohl der Iran ganz unverhohlen mit der Auslöschung des jüdischen Staates droht.
Es scheint bei vielen dieser Betroffenheitspolitiker, dass ein „Nie wieder“ nur dann ins Konzept passt, wenn es keine Konsequenzen mit sich zieht. Eine Kranzniederlegung oder eine Kerze auf einen Stolperstein zu stellen ist freilich wohlfeiler Gratismut. Gerade die Stolpersteine wirken wie ein musealer Trottoir in die Vergangenheit und eine Zementierung selbiger, statt das „Nie wieder“ wieder in die Gegenwart zu projizieren. Deswegen gibt es dank Charlotte Knobloch seit Langem in München gar keine Stolpersteine mehr: „Nun trampeln sie wieder auf uns“, wird die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern hierbei zitiert.
Heine, missverstanden
Mitunter trägt die routinierte Gedenkmaschinerie in Deutschland auch bizarre Blüten. So befand sich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Kreuzfeuer der politisch Korrekten, als er es wagte, Heinrich Heine mit den Worten zu zitieren: „Der Taufschein ist die Eintrittskarte zur europäischen Kultur.“ Dies empörte zwei Gedenkvereine aus Buchenwald dermaßen, dass sie die Ausladung des Kulturstaatsministers zur Veranstaltung am 12. April forderten. So hielten sie den gebürtigen Hessen für nicht geeignet, adäquat an die Befreiung des größten Konzentrationslagers auf deutschem Boden zu gedenken. Dabei ging es den beiden Verbänden womöglich eher um die Tatsache, dass Weimer die Finanzierung zweier linksextremer Buchläden verweigerte. Was dies jedoch mit der Shoah zu tun hat und inwiefern dieser Kontext in diese Debatte gehört, wissen wohl nur die beiden Verbände.
Dabei wird schnell klar, dass die Protagonisten weder Ahnung noch Interesse am Œuvre Heinrich Heines haben. Denn der historische Kontext des Zitates ist entscheidend: Heine, der selbst Jude war, formulierte ihn im 19. Jahrhundert als bitter-ironische Beschreibung der gesellschaftlichen Realität, in der Juden oft nur durch Konversion Zugang zu bürgerlicher Gleichstellung erhielten. Doch darum ging es den beiden Verbänden gar nicht; ihnen war ihre politische Agenda gegen Weimer wichtiger als das Gedenken an die Opfer der Shoah. Damit entwerten sie ihren eigenen Gedenktag – und das Schlimme: Sie merken es noch nicht einmal. Es gibt viele Gründe, Wolfram Weimer zu kritisieren, doch den Holocaust dafür zu verwenden, wirkt wie eine kaum erträgliche Geschmacklosigkeit, bei der die Opfer von Nazideutschland lediglich eine nützliche, weil tote Leichenmasse sind, statt Individuen, die aufgrund eines grauenhaften Regimes industriell ermordet wurden.
Judenhass trotz Gedenken
Neben diesen kruden Blüten der deutschen Erinnerungskultur wirkt das Erinnern hierzulande oftmals wie eine museale Angelegenheit, die in Teilen zu einer morbiden Routine verkommt. Sicher, ein jährlicher Blick in die Vergangenheit mag ein wichtiger Teil der Geschichtspflege der eigenen Heimat sein; doch aus den Ermordeten in Buchenwald lässt sich schwerlich ein positiver Blick in die Zukunft kreieren. Konzentrationslager sind weder Hochschulen noch Bibliotheken, aus denen man etwas lernen kann, sondern gottlose Orte der Hölle, aus denen man nichts, aber auch gar nichts Positives gewinnen kann.
Während um zwei Minuten nach zehn Uhr am Morgen des 14. April dieses Jahres das Leben in Israel weitergeht, die Sirenen verstummen, Gespräche fortgesetzt werden und ausgestiegene Autofahrer wieder zu Autofahrenden werden, wirkt das deutsche Gedenken im Gegensatz zum jüdischen auf eine komische Art spiegelverkehrt. Eigentlich müssten doch die Opfer in Trauer verharren ob ihrer ausgedünnten Stammbäume und weniger die Eltern, Enkel und Urenkel der Täter. Doch vielleicht gelingt es der viel kritisierten Jugend, den wichtigen Kern des Erinnerns an den Holocaust anzuerkennen und gleichzeitig das „Nie wieder“ in die Gegenwart zu transportieren. Denn Judenhass, nicht zuletzt als Israelhass getarnt, findet in diesen Zeiten mehr denn je und vor allem unbeeindruckt von der deutschen Erinnerungskultur statt.
Der Autor lebt in Franken. Er schreibt zu jüdischem Leben und Ökonomik, macht Filmbesprechungen und Reiseberichte.
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