In einer markanten Passage von Evelyn Waughs Roman „Wiedersehen mit Brideshead“ (1945) widerspricht der junge katholische Aristokrat Sebastian seinem Freund Charles, als dieser die Einschätzung äußert, Katholiken seien genauso wie andere Leute auch: „Nein, mein lieber Charles, gerade das sind sie nicht.“ Vielmehr hätten Katholiken, so sehr sie es zu verbergen suchten, einen völlig anderen Blick auf die Welt, eine ganz andere Auffassung davon, was wichtig und unwichtig sei, betont Sebastian.
Daran musste ich denken, als ich das Christkönig-Wochenende im Kreise einiger alter Schulfreunde verbrachte. Zwei von ihnen sind Lehrer, einer ist in der Hochschulverwaltung tätig, unsere Gastgeberin, die uns für dieses Wochenende zu sich eingeladen hatte, lebt recht komfortabel von passivem Einkommen und arbeitet ehrenamtlich für einen Wohltätigkeitsverband. Jeder von uns hat zwei bis drei Kinder, zudem haben wir nicht nur zur selben Zeit an derselben Schule unser Abitur abgelegt, sondern haben damals auch zusammen in einer Band gespielt – was, wenn man dem Heavy-Metal-Musiker Dave Mustaine Glauben schenken darf, das Höchstmaß an Intimität ist, das es außerhalb sexueller Beziehungen gibt. Man sollte also denken, wir hätten viel gemeinsam. Und das stimmt auch – aber nur bis zu einem gewissen Grad.
Werte und Glaube gehören zusammen
Bei den Gesprächen an diesem Wochenende – über eine große Bandbreite von Themen, von Fragen des persönlichen politischen Engagements über Umwelt und Klima, Social Media und KI bis hin zu Kindererziehung, insbesondere Sexualerziehung – verbargen sich unter der Oberfläche weitreichender Übereinstimmung allerlei Meinungsverschiedenheiten in scheinbar kleinen, aber folgenreichen Details. Und ich stellte fest, dass ich den exakten Punkt, an dem meine Anschauungen von denen meiner Freunden abwichen, nur unter Verweis auf meinen Glauben hätte erläutern können.
G.K. Chesterton bemerkte einmal, viele Werte und Normen der säkularen Gesellschaft seien im Grunde „verrückt gewordene christliche Tugenden“ – insofern, als sie sich aus ihrer Verankerung im christlichen Glauben, ihrer Orientierung auf Christus hin losgerissen hätten und ohne diese Verankerung allerlei Unheil in der Welt anrichteten. Das macht es so problematisch, wenn selbst Kirchenvertreter – womöglich in der Hoffnung, damit die Anschlussfähigkeit ihrer Botschaft an die säkulare Gesellschaft zu erhöhen – von „christlichen Werten“ reden wie von etwas, was sich losgelöst vom christlichen Glauben betrachten ließe. Losgelöst vom Glauben werden diese Werte aber zu einem Zerrbild ihrer selbst und können sogar in ihr Gegenteil verkehrt werden. So richtig es ist, dass Christen „der Stadt Bestes suchen“, sich mit ihren aus dem Glauben gespeisten Überzeugungen in Politik und Gesellschaft engagieren und dabei, soweit möglich, auch mit Nichtchristen zusammenarbeiten, sollte uns gerade das Christkönigsfest mahnen, dass unsere oberste Loyalität einem Reich gebührt, das nicht von dieser Welt ist.
Der Autor ist Publizist und Übersetzer und schreibt zu Popkultur und Gesellschaft.
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