Nicht jede Aufklärung ist erhellend

Mit ihrem Buch „deutsch, nicht dumpf“ legt Thea Dorn eine pädagogisierende Schrift über Heimat und Patriotismus vor. Von Felix Dirsch

Thea Dorn ist einem breiteren Publikum (neben ihrer Rolle als ständiges Mitglied an der ZDF-Diskussionsrunde „Das literarische Quartett“ und frühere Moderatorin der SWR-Sendung „Schümer und Dorn“) vor allem durch ihr Sachbuch „Die deutsche Seele“ (zusammen mit Richard Wagner) und ihren Roman „Die Unglückseligen“ bekannt geworden.

Sensibel für die Stimmungslagen der Zeit widmet die Schriftstellerin sich nunmehr den aktuellen Kontroversen über Heimat, Identität und Kultur. Sie haben in den letzten Jahren als zentrale Widerlager gegen Globalisierung und Mobilität deutlich an Bedeutung gewonnen. Öfters überschreitet Dorn jedoch diese thematische Trias, um sich den „Schicksalsfragen unserer Gesellschaft“ zuzuwenden.

Auffallend ist nicht zuletzt ihr oberlehrerhafter Gestus, der unentwegt den Unaufgeklärten die politisch-korrekte Erleuchtung bringen will. In Abgrenzung zu den Dumpfdeutschen in den östlichen Bundesländern erklärt sie wortgewaltig, dass Bert Brecht nie auf die Idee gekommen wäre, Flüchtlingsunterkünfte anzuzünden. Es fehlt der Hinweis, dass er sich wohl auch nie auf einer „Merkel-muss-weg“-Demo hätte blicken lassen. Schon der Titel verrät die Neuauflage einer alten Dichotomie: Die einen verstehen unter Vaterlandsliebe Chauvinismus, Nationalismus und Rassismus; die anderen wiederum sind aufgeklärt und können sich lösen von der Vorstellung, zur Nation zähle vor allem der Faktor der Abstammung und die Abgrenzung gegen die anderen. Schubladisierungen, wohin man blickt.

Typisch für linke und linksliberale Perspektiven ist die Ablehnung des Begriffs und des Inhalts von „Leitkultur“. Die Autorin bevorzugt den Ausdruck „Leitzivilität“. Das überrascht nicht, gehört doch Kultur zu den Kronjuwelen der klassischen deutschen Mandarine, während Zivilisation von dieser als „oberflächlich-äußerlich“ und „technizistisch“ verworfen wurde. Diese erscheint im Umkehrschluss als akzeptabel, wird sie doch von manchem Liberalen – Dorn ist hier skeptischer – als die „gesamte Menschheit umfassendes, gänzlich kulturneutrales Konzept“ gehandelt. Wo die kritische Merkel-Anhängerin einzuordnen ist, wird anhand der von ihr als Gegner hervorgehobenen Persönlichkeiten sichtbar: Mit der (Mit-)Initiatorin der „Demo für alle“ Hedwig von Beverfoerde, den auf Krawall gebürsteten Björn Höcke und seinem Spiritus Rector, Götz Kubitschek, setzt sie sich ebenso auseinander wie mit dem AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland und dem Identitären Martin Sellner. Natürlich darf auch Thilo Sarrazin in der Galerie der bösen Buben nicht fehlen.

Weil die Autorin nicht als einseitig gelten will, versucht sie fair zu bleiben und den Meinungskorridor nicht zu weit nach links hin zu überschreiten. An einigen der Kritisierten versucht sie ein Körnchen von dem zu finden, was sie interessant macht. Aus Gründen scheinbarer Parität bekommen auch einige Linke ihr Fett ab, etwa die „EU-Spezialistin“ Ulrike Guérot.

Wie es um Dorns Patriotismus-Vorstellung bestellt ist, zeigt ihr Lob für den „Grünen“-Vorsitzenden Robert Habeck. Schon seit Längerem tritt dieser als Antideutscher par excellence auf. Mit Verve leugnet er, dass es eine Größe wie „Volk“ überhaupt gibt, was die unschöne Folge zeitigt, dass die vom Grundgesetz definierte Staatsgewalt demnach von „nichts“ ausgeht. Weil diese Konsequenz aber ein wenig absurd ist, lässt er das Volk als Demos wiederaufleben, negiert es aber als Ethnos. Amüsant, wie sich alles zurechtbiegen lässt! Unerwähnt bleiben bei Dorn Claudia Roths „Liebeserklärungen“ an Deutschland. Die Bundestagsvizepräsidentin läuft mit Freude hinter Transparenten her mit Aufschriften wie „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“. Dorn kennt also keine Äquidistanz zur Linken wie zur Rechten.

Es kann kaum bestritten werden, dass sich im Auftreten und in den Inhalten von AfD, Pegida und der Identitären manches beanstanden lässt. Aber wer sich mit diesen Phänomenen auseinandersetzt, sollte nicht ganz aus den Augen verlieren, warum sie überhaupt entstanden sind und warum sie Resonanz finden.

Die Masseneinwanderung der letzten Jahre wird nicht ausführlicher erörtert, schon gar nicht die einschneidenden Folgen für Rechtsfrieden und Sozialstaat – und das, obwohl die Ereignisse von 2015 (und danach) unser Selbstverständnis als Deutsche maßgeblich tangieren. Ebenso wenig scheint die Verfasserin in der Lage, ihren Standpunkt zur juristischen Bewertung der Vorfälle darzulegen. Stattdessen wird lange schwadroniert über die „liebe LGTB-Gemeinde“. Warum wir Patriotismus brauchen, wird am Ende erläutert. Das Nationenverständnis des Soziologen und Politikers Ralf Dahrendorf stellt die Autorin als vorbildlich heraus, zielt es doch nachhaltig auf die Einhaltung und Aufstellung von Regeln ab. Ebenso lobt sie die viel beachtete Darstellung über die „neuen Deutschen“, die oft gar keine sein wollen, des Professorenehepaars Herfried und Marina Münkler. Nicht überraschend bekennt sie sich als Anhängerin der Konzeption des Verfassungspatriotismus, die einst – mit unterschiedlichen Akzenten – Sternberger und Habermas empfohlen haben.

Und die genauen Inhalte? Auf etlichen Seiten referiert Dorn relativ ausführlich über Patriotismus-Entwürfe im 18. und frühen 19. Jahrhundert. So machte sich ein Pfarrer namens Teller 1793 Gedanken über das, was einen echten Patrioten auszeichne. Weinig hilfreich für unsere heutigen Diskussionen. Ebenso wenig ihr Aufruf an die stark vergangenheitsorientierten Landsleute: „In diesem Sinne; lasst uns Patrioten sein! Kritische, wache und aufgeklärte Patrioten!“

Der Traktat schließt mit dem Text der dritten Strophe des Deutschlandliedes. Wer von ihm noch nichts wusste, der lernt ihn jetzt kennen. Rechtzeitig zur Weltmeisterschaft ist die Abhandlung ja auf den Markt gekommen. Der Bildungsbeflissene wird ihr dankbar sein.

Thea Dorn: deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. Albrecht Knaus Verlag, München 2018, 334 Seiten, ISBN-13: 978-

381350-810-9, EUR 24,–

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