Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Der Hase: Ein Kult-Tier

Neues vom Osterhasen 

Ein gotisches Hasenfenster, ein Paderborner Pop-Art-Künstler, Hasen in freier Wildbahn und als christliches Symbol: Meister Lampe verdient nicht nur zu Ostern unsere Aufmerksamkeit.
Das Paderborner Drei-Hasen-Fenster ist im Diözesanmuseum zu besichtigen.
Foto: Diözesanmuseum Paderborn, Ansgar Hoffmann | Das Paderborner Drei-Hasen-Fenster ist im Diözesanmuseum zu besichtigen.

Wenn es um Hasen geht, hält sich der Paderborner Herman Reichold in jeder Hinsicht für einen echten Experten. Schließlich gehört das spätgotische Dreihasenfenster zu den berühmten Wahrzeichen seiner Stadt. Das originale Sandstein-Maßwerk hängt inzwischen im Diözesanmuseum, im Kreuzgang am Dom sehen Touristen aus aller Welt nur eine Kopie. Herman Reichold ist der vielleicht bekannteste Gegenwartskünstler der ostwestfälischen Domstadt – und das nicht nur wegen seiner witzig-originellen Variationen zum berühmten Fenster mit den langen Ohren. Seine Pop-Art-Werke genießen seit Langem überregionale Bekanntheit. Und obwohl Reichold nicht zimperlich umgeht mit der hochwürdigen Jahrtausendgeschichte des Hochstifts rund ums historische Paderquellgebiet, sind ihm die meisten Paderborner herzlich zugetan.

Der legendäre Pfau, der majestätische Dom, das Rathaus mit der Weserrenaissance-Fassade: Alles geht auf in Reicholds reichem Œuvre und fügt sich neu zusammen zu einem ganz speziellen Bild der Stadt. Natürlich taucht auch das Dreihasenfenster immer wieder auf. Der bekannte Rätselspruch zum Sandstein-Kunstwerk aus dem Domkreuzgang lautet: „Der Hasen und der Löffel drei, und doch hat jeder Hase zwei.“ Das kleine Wortspiel bezieht sich darauf, dass drei Hasen im Kreis dargestellt sind, sich aber durch geschickte Anordnung nur drei Ohren (Löffel) teilen, obwohl jeder Hase zwei Ohren hat. Jedes Paderborner Kind kennt den Spruch von klein auf, für Touristen zählt er zu den liebenswürdigen Skurrilitäten der seit den Zeiten Karls des Großen traditionsreichen Kulturstadt. Dass sie von neuheidnisch Aufgeklärten gelegentlich belächelt wird ob ihrer immer noch sehr katholischen Stadtgesellschaft mit machtvollem Bürgerschützenverein, Libori-Verehrung und konfessionell ausgerichteten Gymnasien, macht die Stadtbewohner inzwischen mehr stolz als zornig.

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Gelassen verweisen sie dann auf ihren Herman Reichold, den sie sich sozusagen als stadteigenen Eulenspiegel großzügig gönnen. Der Sohn einer italienischen Mutter und eines deutschen Vaters ist ein überzeugter Paderborner, liebt aber auch das dolce vita des Südens und schätzt als akribischer Arbeiter an seinen knallbunten Kunstwerken deutsche Qualitätsarbeit. Kunst kommt von Können: Da ist der langhaarige Vater zweier erwachsener Kinder ganz und gar verwurzelt in deutscher Handwerkstradition. Seinem Vater gehörte ein Malerbetrieb. Ob Malerei, Grafik oder Design: Der spielerisch sichere Umgang mit den künstlerischen Möglichkeiten spielt für Reichold eine zentrale Rolle. Seine Grafiken sind präzise gestaltet, souverän beherrscht er die verschiedenen Zeichen-, Mal- und Drucktechniken. Gerade hat „Herman mit einem ‚n‘“, wie er sich gern nennt, sein neuestes Hasenfensterbild fertiggestellt. Am offenen Fenster mit Blick auf den Dom: drei süße Hasen, die einfach nur lässig abhängen. Das hat zwar nichts mit dem historischen, gotischen Vierpass zu tun, dem das Hasenfenster entlehnt ist, aber gerade von solchen Brüchen lebt Reicholds Kunst. 

Hasenjagd im Paderborner Land 

Noch keine Rolle spielt für Herman mit einem „n“ bisher der Hase als Jagdwild. Dabei ist der Feldhase im Raum Paderborn immer noch relativ häufig anzutreffen. In den weiten Niederwildrevieren wird der Hase von Mitte Oktober bis Ende Dezember bejagt. Doch 2024 wurde die Hasenpest, die Tularämie, nicht nur im Kreis Paderborn nachgewiesen. Die bakterielle Infektion führte zu einer erhöhten Sterblichkeit unter den Hasen. Aber auch ohne Krankheiten ist die Art „Lepus europaeus“ im Bestand gefährdet, steht zumindest auf der Vorwarnliste und fällt unter die Berner Konvention von 1979. Diese soll den Schutz empfindlicher und gefährdeter Arten einschließlich wandernder Wildtiere in ihren Lebensräumen gewährleisten. Solche „geschützten Tiere“ dürfen nur in einem Umfang bejagt oder genutzt werden, der ihren Bestand sicherstellt. Seit Langem fordert der NABU eine ganzjährige Schonzeit, damit sich die Bestände wieder erholen. Ungefähr 45.000 Hasen werden hierzulande pro Jahr erlegt, als sogenanntes „Fallwild“ kommen jährlich über 10.000 Tiere zum Beispiel durch den Straßenverkehr zu Tode.

Der Feldhase lebt das Jahr über als Einzelgänger, man sieht ihn allein in hohem Tempo über karge Felder wetzen. Erst zu Beginn der Fortpflanzungszeit von Januar bis März werden die Tiere gesellig, dann kann man auf Acker- und Grünlandflächen häufiger mehrere Hasen und Häsinnen zusammen antreffen. Sogar tagsüber lassen sie sich jetzt gut beobachten. Nach einer Tragzeit von rund sechs Wochen wirft die Häsin zwischen Februar und August bis zu viermal Junge. Sie kann dabei Embryonen in unterschiedlichen Entwicklungsstadien austragen. Anders als Kaninchen kommen die Hasen mit Fell und offenen Augen zur Welt. Hasen verkriechen sich nicht in Höhlen. Vielmehr suchen sie sich Erdmulden, in die sie in Deckung gehen. Hunde und Treiber stöbern sie bei der Jagd auf und scheuchen sie aus ihrer „Sasse“ hoch – so lautet der Name für das Hasenversteck in der Jägersprache. Joseph Beuys, der weltberühmte Fett- und Filz-Magier, schätzte den Hasen und setzte ihm mit einer Kunstaktion ein Denkmal, als er in einem Happening einem toten Hasen die Kunst erklärte. Als Beuys irgendwann jedoch zum Thema „Hasen“ verlauten ließ, die Tiere seien ihm deshalb besonders nah, weil sie erdverbunden wie tierische Schamanen in Höhlen lebten, war es mit der Beuys’schen Autorität in Sachen „Natur“ vorbei. Die Verwechslung mit Kaninchen ließen vor allem Jäger dem umstrittenen Künstler nicht durchgehen. 

Das biblische Tier 

Manches Rätsel um den Hasen hat sich im Laufe der Geschichte geklärt, genauso wie manche Hasen-Gewissheit heute in einem anderen Licht erscheint. Ein Beispiel: In der Bibel wird der Hase im Alten Testament (3. Mose 11,6; 5. Mose 14,7) als unreines Tier eingestuft, das nicht gegessen werden darf. Obwohl er als Wiederkäuer bezeichnet wird – wohl wegen seiner Caecotrophie, also der Wiederaufnahme von Vitaminkot –, gilt er als unrein, da er keine gespaltenen Hufe besitzt. Ein echter „Wiederkäuer“ ist der Hase also nicht; für manche Exegeten kommt die Caecotrophie allerdings dem Wiederkäuen sehr nah – so hat die Bibel irgendwie doch wieder recht. Im Neuen Testament taucht der Hase nicht auf. Aber er gilt seit der Antike als Symbol außergewöhnlicher Fruchtbarkeit, und diesen Gedanken nahm das Christentum auf. Hasen vermehren sich schnell und sind ein sichtbares Zeichen von Leben, das sich erneuert. Diese Eigenschaft wurde auf die Auferstehung Christi übertragen: Das wiederkehrende Leben im Frühling mit der Überwindung von Tod und Winter steht für die Hoffnung auf neues, auf ewiges Leben. So wurde der Hase indirekt zu einem Auferstehungssymbol, vor allem im Umfeld des Osterfestes. Und das hat weitreichende Folgen, weit über die christliche Bedeutung hinaus. Ein Beispiel ist die Süßwarenindustrie: 240 Millionen Schoko-Osterhasen werden jährlich in Deutschland hergestellt. Diese Hasenart ist angesichts solcher Produktionszahlen kaum im Bestand bedroht, auch wenn etwa 110 Millionen Schokohasen exportiert werden. Während Schokohasen eher Kinder erfreuen, hat sich Künstler Herman etwas Hasiges als hochprozentige Spirituosenlinie ausgedacht. So gibt es auch im Internet einen Paderborner Drei-Hasen-Gin, Vodka, Kräuter und – gerade besonders passend – Eierlikör zu kaufen: für feuchtfröhliche, frohe Ostern 2026 mit Paderborner Genussnote. 

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Henry C. Brinker Altes Testament Carolus Magnus Christliche Symbole Joseph Beuys

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