Berufene Frauen und Männer

Mutter und Sohn vereint im Glaube und in vergossenen Tränen

Die Beziehung von Monika von Tagaste zu ihrem Sohn Augustin war sehr menschlich und folglich nicht ohne Konflikte.
Der heilige Augustinus und seine Mutter Monika
Foto: National Gallery/Wiki | So einträchtig sah der Maler Ary Scheffer (1795–1858) den hl. Augustinus und die hl. Monika

Mütter und Großmütter spielten in der religiösen Erziehung eine überragende Rolle. Sie beteten mit den Kindern, erzählten Legenden und besuchten mit ihnen die Messe. So bereiteten sie ein Fundament der Empfindsamkeit und Empfänglichkeit für das Geschenk des Glaubens und die Liebe zur Kirche.Jede Gemeindeerneuerung wird diesen Dienst der Mütter im Blick haben. Sein Einfluss reicht weit über das Erwachsenwerden hinaus wie das Beispiel Monikas von Tagaste (332–387) zeigt. Ihr Symbol ist ein Krüglein voller Tränen. Mit Tränen der Sorge, Tränen der Trauer, Tränen der Freude und Tränen der Dankbarkeit haben Mütter aller Zeiten manchen labyrinthischen Lebensweg begleitet.

„Nichts ist fern von Gott, es ist auch nicht zu fürchten,
dass er beim Ende der Welt nicht wüsste, wo er mich erwecken soll.“

Tränen gelten als Charisma. Auch Jesus hat sie vergossen (Johannes 11, 35). Monikas Tränen galten dem hochbegabten Sohn Augustin (354–430). Er kam im heutigen Algerien zur Welt. Er war ein blitzgescheites Kind voll Fantasie, eine Künstlernatur, ein Sprachgenie, neugierig und zugleich ängstlich, labil, sensibel und oft überreizt – so waren Konflikte mit den Lehrern vorprogrammiert. Augustin reagierte mit Verweigerung. Die Lehrer zeigten ihre Macht. Das Kind bekam Schulangst.

Die Zeit der Christenverfolgung lag noch nicht weit zurück. Augustins Schwester trug den Namen einer berühmten Märtyrerin. Sie hieß Perpetua – die Beständige. Eine junge Mutter, die vor dem Ungeist der Zeit nicht ihre Knie gebeugt hatte. Die Namen der Kinder sagen viel über die Namensgeber aus. Sie bezeugen zuweilen eine Erwartungshaltung. Viel höher konnte Monika nicht greifen, als sie ihren Sohn Augustin („der Erhabene“) nannte. Ein König ihres Herzens. Doch war Monika als Erzieherin alles andere als sentimental. Über ihre Entschiedenheit und Kompromisslosigkeit in den entscheidenden Fragen der Erziehung darf auch das Tränencharisma nicht hinwegtäuschen.

Die Verklärung der Mischehe zur „ökumenische Ehen“ 

Monika wusste, was sie wollte. Damit ist sie das heilsame Gegenbild zu jener Pädagogik der Beliebigkeit und Nivellierung aller Ansprüche an die Jugend, von der unsere Zeit geprägt ist. Monika war eine zweite Perpetua. Die Christin lebte in einer Mischehe mit einem Ungläubigen. Mischehen werden heute gerne als „ökumenische Ehen“ verklärt. Tatsächlich aber führen sie in den meisten Fällen zur Aufgabe einer kirchlich geprägten Erziehung. Augustins Vater war religiös indifferent. So wurde Monika zur alleinerziehenden Mutter. Ein Schicksal, das viele Frauen mit ihr teilten. Monika nahm diese Herausforderung an.

Augustin studierte Rhetorik in Karthago. Unter Rhetorik verstand man die Kunst, die richtigen Worte zu finden. Rhetorik studierten also angehende Rechtsanwälte, Politiker und solche, die an den Höfen der Mächtigen Lobreden zu verfassen hatten – eine Tätigkeit, die auch Augustin für einige Zeit ausübte. Monika begleitete ihren Sohn mit sanfter Entschiedenheit durch seine Schulzeit und das Studium.

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Augustinus durfte sein Elternhaus nicht mehr betreten

Von seinen religiösen Suchbewegungen grenzte sie sich ab. Als er den Manichäern beitrat, verschloss sie die Tür zum Elternhaus, nicht aber zu ihrem Herzen. Sie duldete auch nicht seine Beziehung zu einer Frau, die sie als nicht standesgemäß betrachtete. Das Konkubinat ihres Sohnes war eine gesetzlich geregelte Ehe zweiten Ranges. Sie war auf Dauer angelegt und monogam, konnte aber zugunsten einer Ehe höheren Standes aufgelöst werden. Monika fand sich nicht mit der Partnerwahl ihres Sohnes ab, obwohl aus der Beziehung ein Kind hervorgegangen war. Es trug den Namen Adeodatus („von Gott gegeben“). Der Name der Partnerin ist nicht überliefert. Floria nennt sie Jostein Gaarder in seinem Augustin-Roman „Vita brevis“.

Nach dem Tod des Vaters machte Augustin Karriere als Rhetorikprofessor in Rom. Dass dieser Aufbruch über das Tyrrhenische Meer ihn zu seiner eigentlichen Berufung führen sollte, wussten weder er noch seine Mutter. Sie hatte Augustin vor die Alternative gestellt, in Afrika zu bleiben oder sie mit auf die Reise zu nehmen. Er belog sie, indem er behauptete, nur einem Freund das Geleit bis zum Hafen geben zu wollen. Eine Flaute verhinderte die Abfahrt. Monika ließ sich nicht nach Hause schicken. Sie verbrachte betend und weinend die Nacht am Grab des Märtyrers Cyprian. Augustin stach heimlich in See und begab sich auf einen Weg, bei dem Mutter und Sohn jenes geheimnisvolle Loslassen übten, das zum unverhofften Wiedersehen führen kann. Denn durch die Langmut Gottes führen Umwege zur Mitte.

Er erkennt in der Beziehung zur Mutter auch Gottes Fügung

In seinen „Bekenntnissen“ bezeugt der Kirchenvater die wunderbaren Fügungen im Labyrinthweg des gemeinsamen Lebens von Mutter und Sohn: „Du aber (Gott), erhaben waltend, erhörtest ihr innerstes Verlangen: die Bitte der Stunde hast Du ihr nicht erfüllt, um mich zu dem zu machen, was allzeit ihre Bitte war.“ Dieses Lehrstück in Gelassenheit und Gottvertrauen führt durch Schmerz und Tränen zur Erfüllung des Wunsches der Mutter. Doch damals am Hafen „ahnte sie nicht, was Du an Freuden ihr bereiten würdest durch mein Fernsein.“

Gemeinsam mit der Mutter gründete Augustin zwei Jahre später in Mailand eine Wohngemeinschaft. Als ihr Sohn endlich die Konversion vollzog und sich taufen ließ (Ostern 387), sah Monika ihre Aufgabe als erfüllt an. Sie hatte dem lateinischen Christentum einen seiner größten Geister zugeführt. Augustin spricht von den Wehen der Geburt im Geist, die sich nun vollzogen habe. Monikas Traum von einer standesgemäßen Ehe ging nicht in Erfüllung, obwohl sie bald nach ihrer Ankunft die ungeliebte Schwiegertochter wie eine zweite Hagar in die Wüste schickte.

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Monika erkennt in der Berufung des Sohnes eine Erfüllung ihrer Lebensaufgabe

Monika und Augustin wollten nun nach Afrika zurückkehren. Die kleine Reisegruppe hatte den Hafen von Ostia am Tiber erreicht und wartete auf das Schiff. In dieser Aufbruchsstimmung richteten sich ihre Gedanken weit über das Mittelmeer hinaus. Mutter und Sohn führten ein mystisches Gespräch über das ewige Leben. Dabei widerfuhr ihnen eine Entrückung. Von Stufe zu Stufe durchschritten sie den Weltraum, ließen Sonne, Mond und Sterne hinter sich, gelangten ins Paradies und darüber hinaus ins Unsagbare. Monika weiß, dass sich ihre Sendung erfüllt hat. „Dich wollte ich als katholischen Christen sehen, ehe ich stürbe“, erklärt sie ihrem Sohn. „Was tue ich noch hier?“ Ein mütterliches Leben hatte sich erfüllt. Man spricht über den Tod und die Beerdigung.

„Ihr begrabt hier eure Mutter“, fordert Monika. Augustin möchte den Leib der Mutter in der Heimat beerdigen. „Begrabt meinen Leib, wo es auch sei, und macht euch keine Gedanken darum. Nur um eines bitte ich euch, gedenkt meiner, wo immer ihr euch aufhalten mögt, am Altar des Herrn“, antwortet Monika. Am Rande der Ewigkeit stehend, verweist sie auf die Gegenwart des Ewigen im Altarsakrament. Ihr Sohn wird später in seinen großen Schriften vom Geheimnis der Kirche sprechen, das die sichtbare und die unsichtbare Welt, die Lebenden, die Toten und die Heiligen umfasst. Augustins Theologie bleibt der Mutter treu, auch in der Wahrheitsliebe und der entschiedenen Abgrenzung von allen Irrlehren.

Keine Tränen, Haltung zeigen trotz des Schmerzes um den Verlust

Wer aber wird das Grab der Mutter in der Ferne und Fremde pflegen? Einst hatte die Mutter den Sohn über das Meer ziehen lassen müssen. Nun muss der Sohn die Mutter zurücklassen. Die Mutter will es so. Will sie wirklich unter fremdem Himmel sterben? Im Sterben antwortet sie mit jenem Humor, der zum wahren Glauben gehört: „Nichts ist fern von Gott, es ist auch nicht zu fürchten, dass er beim Ende der Welt nicht wüsste, wo er mich erwecken soll.“

Nach neuntägiger Krankheit im Alter von 56 Jahren stirbt Monika. Bei ihrer Beerdigung vergießt Augustin keine Träne. Er meint, Haltung beweisen zu müssen. Dann nimmt er ein Schwitzbad. Aber es lindert nicht seinen Schmerz. „Denn nicht wegzuschwitzen war aus meinem Herzen die Bitternis der Trauer.“ Erst der Schlaf schenkt Erleichterung und die Gabe der Tränen für jene Frau, „die viele Jahre um mich geweint hatte, damit ich in Deinen Augen lebe.“ Versöhnt ist Augustin am Ende seiner Autobiographie auch mit dem Vater „Patricius, weiland ihrem Gatten, aus deren beider Fleisch Du mich hereingeführt hast in dieses Leben; wie, ich weiß es nicht.“

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