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Mutige Ärztin in bleierner Zeit

„Die Bleikinder“: Eine polnische Netflix-Serie erzählt die wahre Geschichte einer Kinderärztin, die in den 1970er-Jahren Vergiftungen bei Kindern aufdeckt.
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Die polnische Netflix-Miniserie „Die Bleikinder“ erzählt die wahre Geschichte der Ärztin Jolanta Wadowska-Król (Joanna Kulig), die in den 1970er-Jahren im oberschlesischen Industriezentrum Katowice praktiziert. Dort fällt ihr auf, dass immer mehr Kinder erkranken. Die Symptome deuten auf eine Bleivergiftung hin. Ihr Verdacht richtet sich gegen ein nahe gelegenes Hüttenwerk in Szopienice, in dessen Umgebung die betroffenen Familien leben.

Doch zunächst will niemand davon wissen. Nicht nur die lokalen Behörden und der kommunistische Staatsapparat sind vor allem daran interessiert, dass das Hüttenwerk auf Hochtouren weiterläuft – zumal der Besuch von KPdSU-Generalsekretär Leonid Breschnew bevorsteht, der in der örtlichen Sporthalle auftreten soll. Auch die Arbeiter und ihre Familien reagieren skeptisch, weil das Werk der wichtigste Arbeitgeber der Region ist. Jolanta muss daher vor allem bei den Müttern um Vertrauen werben.

Reihe von Umweltskandalen

Die Netflix-Serie basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch (Original: „Ołowiane dzieci“) von Michał Jędryka sowie auf Dokumentationen über das Leben der echten Jolanta Wadowska-Król. Deren Geschichte wurde jedoch lange vertuscht und kam erst nach dem Ende der Volksrepublik ans Licht. Auch die Anerkennung für ihren Einsatz ließ lange auf sich warten.

Die Serie „Die Bleikinder“ steht damit in einer Reihe von Filmen über die Aufdeckung großer Umweltskandale: von „Zivilprozess“ (Steven Zailian, 1998), der von einem Fall von kontaminiertem Trinkwasser und Krebserkrankungen handelt, über den Klassiker „Erin Brockovich“ (Steven Soderbergh, 2000), in dem die von Julia Roberts gespielte Anwaltshilfe gegen einen Energiekonzern kämpft, der durch verseuchtes Wasser Menschen krank gemacht hat, bis zu „Michael Clayton“ (Tony Gilroy, 2007), in dem George Clooney in einen Fall um einen Agrarkonzern gerät, der durch Giftstoffe verursachte Gesundheitsschäden vertuscht.

In Deutschland ist das Genre insbesondere durch das Drama „Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution“ (2021) repräsentiert, das von Jugendlichen in Leipzig kurz vor der Wende handelt, die sich einer Umweltgruppe anschließen. Dort steht freilich der Zusammenhang von Opposition und Umweltbewegung stärker im Vordergrund als der konkrete Umweltskandal. Auch „Die Bleikinder“ folgt – unabhängig von der Inspiration durch eine wahre Geschichte – der vertrauten Dramaturgie des Enthüllungsdramas.

Dokudrama mit Hintergrund

Neben der Handlung um Jolanta Wadowska-Król spielt ein innerparteilicher Machtkampf in einer Nebenhandlung. Der örtliche Parteisekretär Grudzień (Zbigniew Zamachowski) will den alten schlesischen Woiwoden Ziętek (Marian Dziędziel) stürzen. Zunächst hofft er auf einen Unfall in der maroden Sporthalle, dann versucht er, die Lage der kranken Kinder gegen seinen Rivalen zu wenden. Zu diesem Zweck setzt er den zwielichtigen SB-Offizier Niedziela (Michał Żurawski) auf Jolanta an.

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Der Staatssicherheitsmann gibt sich ihr gegenüber hilfsbereit, besorgt Medikamente für die Kinder und sorgt dafür, dass ihre Untersuchungen reibungslos verlaufen. Doch Niedziela soll in Wahrheit die Arbeiter des Hüttenwerks, deren Existenz vom Fortbestand des Betriebs abhängt, gegen die Ärztin aufbringen – und das möglichst noch vor Breschnews Besuch, um Ziętek endgültig auszuschalten.

Jede Folge der Serie eröffnet mit einem dokumentarischen, propagandistischen Kurzfilm aus den 1970er-Jahren, der die Bedeutung der Hütten für Schlesien und seine Bewohner preist. Die von der Kommunistischen Partei in Auftrag gegebenen Filme rühmen die Infrastruktur der Werke, verweisen auf Freizeiteinrichtungen, Kuren und Arbeitersiedlungen und stellen den Staat als fürsorglichen Beschützer der Familien dar. Das ist nicht völlig falsch – die Propagandafilme verschweigen jedoch die massiven gesundheitlichen Risiken, denen die Menschen vor Ort ausgesetzt waren.

Auch wenn viele der Nebenfiguren eher stereotyp gezeichnet sind, gelingt es den Serienmachern, aus dem historischen Stoff eine spannende Serie zu formen und den Zuschauer mit der Protagonistin mitfiebern zu lassen. „Die Bleikinder“ setzt nicht auf Umweltzerstörung als Hauptthema, sondern auch auf die Suche nach Wahrheit und Zivilcourage – eindringlich erzählt und ohne große Effekte.

„Die Bleikinder“. Polen 2025, Regie: Maciej Pieprzyca. 6 Folgen à ca. 1 Stunde. Auf Netflix.


Der Autor schreibt aus Berlin zu Film und Fernsehen.

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José García Umweltzerstörung

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