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Mit Bruckner zum Katholizismus

Bekehrungsgeschichten sind oft ganz anders als man denkt, schreibt Kristina Ballova. Denn die wenigsten fallen wie Paulus vom Pferd – manchmal führt die Schönheit der Musik zum Glauben.
Orchester
Foto: Pixabay | Manchmal ist es die Schönheit der Musik, die den Weg zur den ewigen Wahrheiten ebnet.

Das Wahre, das Schöne und das Gute führen früher oder später zu Gott. So suggeriert es Plato – wenn er auch einen anderen Begriff dafür verwendet. Die drei Ideen gehen bei ihm auf ein Absolutes zurück. Daher soll auch die Kunst der Erkenntnis der Wahrheit dienen. Die Verbindung von Wahrheit, Schönheit und Gutheit war das angestrebte Menschen- und Bildungsideal im antiken Griechenland – doch was hat Plato mit Konvertiten zum Katholizismus zu tun?

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Letztes Wochenende war ich Gast auf einer wunderschönen deutschen Hochzeit. Das Erstaunliche war, dass das Brautpaar selbst, wie auch fast alle, die an unserem Tisch saßen, erst als Erwachsene zum katholischen Glauben gefunden haben. Nicht etwa über synodale Wege oder moderne pastorale Ansätze. Auch nicht durch ab-strakte sakrale Konzepte oder andere kreative Zugänge zum Zeitgeist. Nein, sie haben Gott durch klassische Musik und Liturgie in eher konservativen Gemeinden gefunden.

Die Kraft der Musik

Musik habe die Kraft, den Menschen das Tor zum Himmel zu öffnen und die Grenzen der Zeit aufzulösen, erklärten diese jungen Katholiken. Symphonische Musik ähnele einem Gebet, weil sie in einer regelmäßigen, sich wiederholenden Weise gespielt wird. Durch Bach zum Christentum, durch Bruckner zum Katholizismus war das Motto der Tischgespräche.

Als Kind hatte ich ähnliche Erfahrungen: ich konnte stundenlang vor dem Plattenspieler sitzen und der Musik von Mozart, Dvořák und Tschaikowsky lauschen. Diese Musik versetzte meine Gefühle in eine andere Dimension, in der Zeit und Ort zu verschwinden schienen. Eine gute Macht, ein Alpha und ein Omega umfasste die ganze Welt und Geschichte in meinem Kopf. Die unsichtbare Ordnung, die sich durch diese Musik vor meinen Augen ausbreitete, war abstrakt und doch konkret. Diese Momente, in der sich mir das Wahre, Schöne und Gute durch Musik offenbarten, waren für mich wichtiger als fromme Wallfahrten und religiöse Treffen. Diese haben auch ihre Berechtigung und jeder begegnet Gott auf einem anderen Weg.

Die ewige Wahrheit

Doch ich bin positiv überrascht, dass immer mehr Menschen durch Platos Ideale zu der einen ewigen Wahrheit zu gelangen vermögen. Gerade, weil die objektive und natürliche Ordnung aus unserer Gegenwart schwindet, ist im Umkehrschluss die natürliche und objektive Ordnung ein Hinweis auf die absolute Wahrheit. Wir müssen nicht unnötig nach vermeintlich coolen Aktivitäten oder hippen modernen Events suchen, um den Menschen von heute zu Gott zu bringen. Gott offenbart sich in dem, was auf die Ideale des Daseins hinweist.

Die Realität der Begegnungen von Gott und Mensch heute mag eine andere sein, als sich die Theologen der 68er-Generation vorstellten. Das ist auch eine Chance. Nicht wir müssen die Menschen „abholen", sondern wir müssen lediglich Räume schaffen, in denen sich das Wahre, Gute und Schöne dem Menschen zu erkennen geben kann. Unsere Aufgabe heute ist es, diese Ideale hochzuhalten, die eine Erkenntnis der Wahrheit ermöglichen.


Kristina Ballova ist Theologin, freie Autorin und Mutter von zwei Kindern.

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