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Mein Körper – meine Religion

Vitalität statt ewiges Leben: Ein Kult um Gesundheit und Fitness hat die Sorge um das Seelenheil abgelöst. Doch ein erfülltes Leben misst sich nicht an seiner Dauer.
Wer sein Leben erhalten will, muss ins Gym.
Foto: annvee14@YAHOO.COM via imago-ima (www.imago-images.de) | Wer sein Leben erhalten will, muss ins Gym.

Der moderne Mensch lebt länger als jede Generation vor ihm. Medizin, Hygiene und technischer Fortschritt haben das Leben nicht vom Tod befreit, wohl aber von vielen seiner alten Schrecken gemildert. Krankheit erscheint nun nicht mehr als unabwendbares Geschick, sondern als kalkulierbares Risiko, als etwas, das sich verzögern, behandeln und kontrollieren lässt. Das Dasein scheint sicherer geworden, doch mit dieser Beruhigung ist keine innere Ruhe eingekehrt. Denn die Antwort auf die Frage, wozu dieses verlängerte Leben dient, ist nicht im selben Maß gewachsen wie die Macht, es zu erhalten. Darin zeigt sich eine der stillen Verschiebungen unserer Zeit: Was einst Voraussetzung des Lebens war, ist zu dessen Inhalt geworden. Gesundheit soll nicht mehr nur tragen, sondern erfüllen. Der Körper ist vom selbstverständlichen Gefäß der Existenz zu ihrem bevorzugten Gegenstand aufgestiegen, er wird vermessen und optimiert. Schrittzahlen, Schlafkurven, Kalorienbilanzen, Trainingspläne und Pulsfrequenzen ordnen den Alltag mit einer Strenge, die einst geistlichen Übungen vorbehalten war. Und so begegnet der Mensch sich nicht mehr als Geheimnis, sondern als Baustelle. Dies ist am Ende mehr als bloße Fürsorge der Vernunft; darin artikuliert sich eine uralte Sehnsucht in neuer Gestalt.

#BodyGoals statt Lebenssinn

 Die entzauberte Moderne hat den Körper an die Stelle des Himmels gesetzt. Wo man einst auf Heilung und Erlösung hoffte, sucht man nun Optimierung – keine Transzendenz mehr, sondern fortwährende Steigerung. Der Muskel wird zum sichtbaren Heilszeichen einer Epoche, die ihren metaphysischen Hunger nicht verloren, sondern nur neu adressiert hat. Die Fitnessräume der Gegenwart sind die Andachtsorte einer Epoche ohne Altar. Um diesen neuen Ernst des Körpers hat sich eine ganze Ökonomie gebildet. Nahrungsergänzung, Coaching, Selbstvermessung und Wohlfühlprogramme nähren einen Markt, dessen Logik kein Ende kennt. Der Mensch soll nicht gesund sein, sondern sich unablässig steigern. Doch die eigentliche Tragik beginnt dort, wo mit der Kräftigung des Körpers die Ermüdung des Inneren einhergeht. Während die Oberfläche gewinnt, wächst in der Tiefe nicht selten eine Leere, die sich nicht wegorganisieren lässt. Und gerade darin liegt die Paradoxie der Gegenwart: Nie war der Mensch so vernetzt, umsorgt und technisch begleitet – und zugleich doch so anfällig für Einsamkeit.

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Denn Einsamkeit entsteht nicht nur dort, wo Menschen fehlen, sondern dort, wo Sinn fehlt. Wer sich unablässig beobachtet, bleibt am Ende im eigenen Spiegel gefangen; und wer sich nur unter dem Maßstab der Verbesserung betrachtet, verlernt, sich selbst anzunehmen. Gesundheit bleibt ein hohes Gut, aber sie ist keineswegs der höchste Sinn des Lebens. Ein trainierter Körper kann einen innerlich heimatlosen Menschen bergen. Doch der Mensch ist nicht dazu geschaffen, bloß zu funktionieren; er verlangt nach Sinn und Erfüllung. Vielleicht liegt die eigentliche Aufgabe unserer Zeit deshalb nicht in der weiteren Perfektion des Körpers, sondern in der Wiederentdeckung des Menschen. Denn nicht die Vitalität allein vollendet das Leben. Zu seiner Ganzheit findet der Mensch erst in jener inneren Zustimmung, in der er über sich selbst hinausgeführt wird.
 
Der Autor ist Philosoph und Publizist und war lange Jahre Chefredakteur des Debattenmagazins „The European“.

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