Der moderne Mensch lebt länger als jede Generation vor ihm. Medizin, Hygiene und technischer Fortschritt haben das Leben nicht vom Tod befreit, wohl aber von vielen seiner alten Schrecken gemildert. Krankheit erscheint nun nicht mehr als unabwendbares Geschick, sondern als kalkulierbares Risiko, als etwas, das sich verzögern, behandeln und kontrollieren lässt. Das Dasein scheint sicherer geworden, doch mit dieser Beruhigung ist keine innere Ruhe eingekehrt. Denn die Antwort auf die Frage, wozu dieses verlängerte Leben dient, ist nicht im selben Maß gewachsen wie die Macht, es zu erhalten. Darin zeigt sich eine der stillen Verschiebungen unserer Zeit: Was einst Voraussetzung des Lebens war, ist zu dessen Inhalt geworden.
Mein Körper – meine Religion
Vitalität statt ewiges Leben: Ein Kult um Gesundheit und Fitness hat die Sorge um das Seelenheil abgelöst. Doch ein erfülltes Leben misst sich nicht an seiner Dauer.
